Sparpaket Großbritannien Londons Liste der Grausamkeiten

Striktes Sparen, radikale Sozialreform und höhere Steuern – Großbritanniens Finanzminister greift durch. Im Land dürfte der Frust zunehmen.

Will hart sparen: Finanzminister George Osborne mit der symbolischen  Schatztruhe im Kreis von Regierungskollegen

Will hart sparen: Finanzminister George Osborne mit der symbolischen Schatztruhe im Kreis von Regierungskollegen

Wer die undankbare Aufgabe hat, ein riesiges Haushaltsdefizit, explodierende Staatsverschuldung und einen aufgeblähten öffentlichen Sektor bewältigen zu müssen, darf um keinen Preis den Grundsatz vergessen, wonach die notwendigen Grausamkeiten gleich am Anfang begangen werden müssen.

Wer zaudert, ob aus Furcht vor aufgebrachten Wählern oder weil der Wunsch, Gutes zu tun, sich als übermächtig erweist, wird später dafür umso mehr büßen müssen.

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Den Fehler jedenfalls hat die neue britische Regierung nicht gemacht. Das Budget, das Schatzkanzler George Osborne verkündete , sieht drastische Kürzungen vor, gekoppelt mit radikalen Sozialreformen und höheren Steuern.

Besonders hervor sticht dabei die Erhöhung der Mehrwertsteuer um zweieinhalb Prozent auf 20 Prozent, allerdings erst ab Januar 2011. Vor der Wahl hatte keine einzige Partei von einer Erhöhung der Mehrwertsteuer zu sprechen gewagt – die Liberaldemokraten hatten sich als einzige vielmehr klar dagegen ausgesprochen.

In Wahrheit aber wäre es ohne diese Maßnahme, durch die niedrigere Einkommensschichten besonders betroffen sind, gar nicht möglich, die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Die Reduzierung des Defizits soll zu 77 Prozent durch Ausgabenkürzungen und 23 Prozent durch Steuererhöhungen erreicht werden. Die Konservativen hatten eigentlich ein Verhältnis von 80 Prozent zu 20 Prozent angepeilt, aber nahmen davon Abstand mit Rücksicht auf ihren liberalen Koalitionspartner.

Vor allem will die Regierung mit diesem Budget demonstrieren, dass sie einen Kurs des sozialen Ausgleichs steuert bei ihren Bemühungen, Großbritanniens Staatsfinanzen wieder in die Balance zu bringen.

Brutal aber fair ist dieser Haushalt, das muss man anerkennen. Fast jede Gruppe wird die Kürzungen spüren. Das Wehklagen darüber wird in den nächsten Jahren nicht abklingen. Über die nächsten vier Jahre sollen die Haushalte aller Ministerien Sparbeiträge leisten. Nur Erziehung, Gesundheit und Verteidigung bleiben von der gnadenlosen Gangart verschont, was nicht heißt, dass es nicht auch dort zu Streichungen kommen wird.

Die Absicht ist klar. Die Tories wollen zeigen, dass sie sich gewandelt haben. "New Tories" mit Herz wollen sie sein, und nach dem Motto verfahren, das Parteichef David Cameron vor einiger Zeit ausgab: Es gebe eine Gesellschaft, nur dürfe man die Gesellschaft nicht mit dem Staat verwechseln, sagte er in Zurückweisung des – unvollständigen – Zitats von Margaret Thatcher.

Zu Beginn der achtziger Jahre war die Eiserne Lady zu eben solch drastischen Sparmaßnahmen gezwungen gewesen; damals hatte der Internationale Währungsfonds der Vorgängerregierung von Labour bereits strikte Sparauflagen auferlegt. Doch Margaret Thatcher hatte die besonders hart betroffenen Verlierer in den unteren Einkommensschichten kaum berücksichtigt. Anders als die Regierung heute, 30 Jahre später.

Im Gegenteil: die Koalitionsregierung hat einiges unternommen, um dem Eindruck der Herzlosigkeit entgegenzuwirken. So bleiben Einkommen bis 8000 Pfund steuerfrei. Der öffentliche Dienst friert die Gehälter zunächst für zwei Jahre ein. Einkommen unter 21.000 Pfund im Jahr werden davon ausgenommen.

Doch die Kürzungen und Einschnitte bei den Sozialausgaben werden Proteste auslösen. George Osborne will die Sozialausgaben, die in den vergangenen zehn Jahren ausuferten, nicht nur unter Kontrolle bringen. Er will die Gunst der Stunde zu radikaler Reform nutzen.

Leser-Kommentare
  1. "Auf der anderen Seite stehen eine spürbar höhere Kapitalsertragssteuer für Wohlhabende und eine Sondersteuer für Banken. Sie soll jährlich zwei Milliarden Pfund einbringen"

    geht doch !

    Wenngleich mich der Zusatz "im Gleichklang mit Berlin und Paris" skeptisch macht.

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    ... absolut lächerlich, angesichts der angehäuften Vermögensberge und der Tatsache, dass die prekären Unterschichten auf 2,5% ihres ohnehin geringen Einkommens verzichten müssen (Mwst. Erhöhung).

    Und, vielleicht sollte man das erwähnen, GB hat (relativ zum Bevölkerungsanteil) den größten Niedriglohnsektor, fast 20% arbeiten im Niedriglohnbereich. Dort überhaupt nur an Sparen zu DENKEN, ist pervers.

    Zitat:
    Die Differenz zwischen niedrigen und hohen Einkommensverhältnissen ist in Großbritannien wesentlich größer als im übrigen Europa, weshalb es bereits zahlreiche Forschungen auf diesem Gebiet gibt (Hills 1995; Hills 1998). Wesentlich weniger erforscht wurden bisher die unterschiedlichen Vermögensverhältnisse, obwohl uns unsere Untersuchung zeigt, dass hier die Verhältnisse noch weiter auseinander klaffen (Rowlingson/Whyley/Warren 1999).
    Quelle: http://www.armutskonferen...

    • joG
    • 23.06.2010 um 14:38 Uhr

    .....gibt dieser Artikel der Budgetkürzung: http://www.nytimes.com/20...

    Er geht auf mehr Aspekte ein.

    ... absolut lächerlich, angesichts der angehäuften Vermögensberge und der Tatsache, dass die prekären Unterschichten auf 2,5% ihres ohnehin geringen Einkommens verzichten müssen (Mwst. Erhöhung).

    Und, vielleicht sollte man das erwähnen, GB hat (relativ zum Bevölkerungsanteil) den größten Niedriglohnsektor, fast 20% arbeiten im Niedriglohnbereich. Dort überhaupt nur an Sparen zu DENKEN, ist pervers.

    Zitat:
    Die Differenz zwischen niedrigen und hohen Einkommensverhältnissen ist in Großbritannien wesentlich größer als im übrigen Europa, weshalb es bereits zahlreiche Forschungen auf diesem Gebiet gibt (Hills 1995; Hills 1998). Wesentlich weniger erforscht wurden bisher die unterschiedlichen Vermögensverhältnisse, obwohl uns unsere Untersuchung zeigt, dass hier die Verhältnisse noch weiter auseinander klaffen (Rowlingson/Whyley/Warren 1999).
    Quelle: http://www.armutskonferen...

    • joG
    • 23.06.2010 um 14:38 Uhr

    .....gibt dieser Artikel der Budgetkürzung: http://www.nytimes.com/20...

    Er geht auf mehr Aspekte ein.

    • lepkeb
    • 23.06.2010 um 9:50 Uhr

    Denn im Gegensatz zu D-land gibt es in GB die English Defense League und die werden nach dem Paket wahrscheinlich noch mehr Zulauf erhalten, hoffentlich sind sich die Regierenden über die möglichen Auswirkungen bewusst. Über einen Dominoeffekt auch hier in D-land gar nicht erst zu reden.

  2. Berlins Liste der Grausamkeiten!

  3. "In Wahrheit aber wäre es ohne diese Maßnahme, durch die niedrigere Einkommensschichten besonders betroffen sind, gar nicht möglich, die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen."

    Natürlich nicht, Herr Krönig. Zumindest wenn man nicht den Hauch einer Ahnung von den finanziellen Verhältnissen im Land hat, die in GB noch schlimmer sein dürften als in D:
    http://www.nachdenkseiten...

  4. ... absolut lächerlich, angesichts der angehäuften Vermögensberge und der Tatsache, dass die prekären Unterschichten auf 2,5% ihres ohnehin geringen Einkommens verzichten müssen (Mwst. Erhöhung).

    Und, vielleicht sollte man das erwähnen, GB hat (relativ zum Bevölkerungsanteil) den größten Niedriglohnsektor, fast 20% arbeiten im Niedriglohnbereich. Dort überhaupt nur an Sparen zu DENKEN, ist pervers.

    Zitat:
    Die Differenz zwischen niedrigen und hohen Einkommensverhältnissen ist in Großbritannien wesentlich größer als im übrigen Europa, weshalb es bereits zahlreiche Forschungen auf diesem Gebiet gibt (Hills 1995; Hills 1998). Wesentlich weniger erforscht wurden bisher die unterschiedlichen Vermögensverhältnisse, obwohl uns unsere Untersuchung zeigt, dass hier die Verhältnisse noch weiter auseinander klaffen (Rowlingson/Whyley/Warren 1999).
    Quelle: http://www.armutskonferen...

    Antwort auf "geht doch !"
  5. ... entsteht aus Kredit, daher ist aller Wohlstand IMMER auf Pump. Die Frage ist lediglich wer sich verschuldet und bei wem.

    @ZEIT Redaktion: könntet ihr nichtmal einen Grundlagenartikel über Geldschöpfung und Kredit bringen? Offenbar ist das dringend nötig, nicht nur für viele Leser, sondern auch als Weiterbildung für so manchen Redakteur!

    Antwort auf "Defizitabbau"
  6. ... nicht nur ökonomisch unsinnig, denn mit staatlichen sparen kann man eine Volkswirtschaft in der Rezession nicht sanieren. Und in dieser steckt GB ganz schön tief. Im Ggs. zu D kann es auch nicht übers Ausland (per Exportüberschuß) an den Schulden anderer Länder schmarotzen.

    Zitat:
    "Wie tief die Krise der britischen Wirtschaft ist, zeigt die Tatsache, dass die Exporte trotz Abwertung weiter rückläufig sind: Im Jänner fielen sie um 6,9 Prozent, das Außenhandelsdefizit betrug allein in diesem Monat (Anm.: März 2010) acht Milliarden Pfund."
    http://diepresse.com/home...

    In diesem Zusammenhang macht auch die neuerliche Aufwertung des Pfundes nicht wirklich Sinn.

    Kürzlich las ich, dass bereits 30% des BIP von GB allein der Finanzmarkt ausmacht. GB hat eine beispiellose Deindustriealisierung hinter sich.

    Der einzig sinnvolle Weg aus diesem Dilemma wäre eine Marktzugangskontrolle (Zölle u.ä.) bei gleichzeitig massiver Umverteilung um die Schuldner zu entlasten und Nachfrage zu generieren. Mindestens langfristig muss der Finanzmarkt ausgedörrt und unter Kontrolle gebracht werden. Immerhin war der der Krisenverursacher. Der jetzige Weg ist genauso dumm und unsozial wie der den Merkel geht. Auch wenn sich die Briten mit einem sozialen Feigenblatt zu schützen versuchen, was man in Berlin offenbar nicht mal mehr für nötig hält.

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