Martin hustet, er bekommt kaum Luft. Er hat sich seine Koffia, den palästinensischen Schal, um den Hals gelegt. Das Tränengas brennt in der Lunge, in den Augen. Heute darf er nicht verhaftet werden, erst letzte Woche haben ihn die israelischen Soldaten mitgenommen, beim nächsten Mal wird er nach Hause abgeschoben, haben sie ihm gesagt, nach Hamburg. Trotzdem ist er vorne mit dabei, zielt mit Steinen auf die Soldaten und rüttelt am Zaun von Bil’in. Die israelischen Soldaten reagieren, erst mit Tränengas, dann öffnen sie den Zaun, kommen auf die andere Seite. Für Ausländer ist es verboten, hier zu sein, Bil’in ist militärisches Sperrgebiet. Die Soldaten sind schnell, Martin rennt und hustet.

Bil’in ist ein Dorf im Westjordanland, westlich von Ramallah. Seit fünf Jahren durchkreuzt ein Zaun Bil‘in, gebaut nach der zweiten Intifada – zum Schutz der Israelis. Er trennt aber auch die Felder vom Rest des Dorfes ab, nimmt den Bauern ihre Existenzgrundlage. Demonstranten und die israelische Armee liefern sich hier jeden Freitag ein heftiges Scharmützel, es ist zum Ritual geworden. Nicht nur Palästinenser demonstrieren hier gegen die Besatzung, auch einige Israelis sind gekommen, doch vor allem internationale Aktivisten wie Martin. Rund 10.000 von ihnen reisen jährlich ins Westjordanland, so schätzt das Ministerium für Statistik in Israel. Sie kommen aus Nordamerika und Europa, rund 900 aus Deutschland, sind meist zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt. Im Sommer ist Hochsaison, denn dann ist Urlaubszeit.

Martin will mitmischen, er will sich mit den Palästinensern solidarisieren. "Gerade als Deutscher ist es wichtig, hier Präsenz zu zeigen", sagt Martin. "Die Palästinenser müssen wissen, dass nicht alle Deutschen auf der Seite von Israel stehen." Martin ist heute mit zwei anderen Aktivisten in Bil‘in, sie sind Amerikaner. "Erst haben wir geholfen die deutsche Mauer zu stürzen, jetzt wollen wir auch die israelische fallen sehen." Dafür kämpfen sie mit Worten und mit Steinen.

Die Aktivisten sind überzeugt, dass sie helfen, sind überzeugt, dass sie die Welt verändern können. Moderate schließen sich Organisationen an, die Palästinenser beim Olivenpflücken helfen, Englisch unterrichten. Radikale legen sich mit Soldaten und Siedlern an, halten ihnen die Kamera ins Gesicht und dokumentieren. Doch sie kommen nicht nur um zu helfen, "sie kommen auch um ein bisschen Krieg zu spielen", weiß Meir Litvak, Professor für Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Tel Aviv. "Es ist ein großer Konflikt, den man hautnah erleben kann, ohne dabei in Gefahr zu sein."

Im Westjordanland könne man die Weltpolitik anfassen, sagt Litvak: Steine nach Soldaten werfen, sich verhaften lassen, man werde Teil des Konflikts. Wer heute nach Darfur oder in den Irak reist, begibt sich in Lebensgefahr. Im Westjordanland werden internationale Aktivisten jedoch geschützt, Siedler und Soldaten wissen, dass Ausländer schnell einen Eklat mit sich bringen. Ihnen darf kein Haar gekrümmt werden.

Martin ist zum zweiten Mal im Westjordanland. Bereits im letzten Jahr hat er bei ISM, der International Solidarity Movement, volontiert – es sind die radikalsten unter den Aktivisten. Von Israel hat er noch nicht viel gesehen, nur den Flughafen Ben Gurion, von dort geht seine Route direkt ins Westjordanland. Martin kommt gezielt, um Krawall zu machen. Bevor es losgeht, wird er zwei Tage auf einem Seminar eingewiesen, lernt wie er die Siedler verärgern kann, wie er reagieren muss, wenn er verhaftet wird. ISM ist in Hebron stationiert, der größten Stadt im Westjordanland und nach Jerusalem die heiligste für die Juden. Hebron ist der Brennpunkt des Konflikts im Westjordanland. 400 ultraorthodoxe Siedler besetzen das Herz der Altstadt, für sie ist es ein religiöser Auftrag. Es sind die extremsten Siedler auf palästinensischem Gebiet, bewacht von 60 israelischen Soldaten.

Aber nicht nur Straßensperren und Durchsuchungen durch das Militär erschweren das Leben der Palästinenser hier, es sind vor allem die Siedler. Von ihren Fenstern aus bewerfen sie Passanten in Basar-Gassen mit Müll und Flüssigkeiten, belästigen Kinder auf dem Weg zur Schule. Martin hat seine Koffia auf dem Kopf, eine Kamera in der Hand, schreit den Siedlern zu "hört auf zu besetzen und verzieht euch endlich aus Hebron. Ihr habt hier nichts zu suchen". Er filmt sie mit der Kamera, so sollen sie von ihren Taten abgehalten werden.