Pakistan Faustischer Pakt in Islamabad

Pakistan schadet durch seine Verbindungen zu den Taliban der Isaf-Mission und sich selbst. Dennoch: Die USA sollten ihr Verhältnis zu Islamabad vertiefen.

Taliban-Sympathisanten demonstrieren in der pakistanischen Stadt Quetta gegen die Regierung, Mai 2009

Taliban-Sympathisanten demonstrieren in der pakistanischen Stadt Quetta gegen die Regierung, Mai 2009

Die kürzlich veröffentlichten US-Einsatzberichte aus Afghanistan auf Wikileaks haben erneut ein Schlaglicht auf die zwielichtige Rolle des pakistanischen Geheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI) am Hindukusch geworfen. Obwohl von den fast 92.000 Aktenstücken aus den Jahren 2004 bis 2009 ein verschwindend geringer Teil Pakistan betrifft, hat dieser viel Aufsehen erregt.

So sehr, dass sich die US-Botschaft in Islamabad genötigt sah, gleich am Montag ein Statement von US-Präsident Obamas nationalem Sicherheitsberater James Jones zu veröffentlichen, in dem er die weitere Unterstützung Pakistans versicherte. "Aus Sicht der USA ist keine grundlegende Revision der Beziehungen zu Pakistan notwendig", sagt Christian Wagner, Südasien-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, "Das Wesentliche ist auch vor der Wikileaks-Veröffentlichung bekannt gewesen."

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Washington sind Irritationen im Verhältnis zu Islamabad gerade jetzt ausgesprochen unwillkommen, denn ab 2011 wollen die USA den Abzug aus Afghanistan beginnen. Pakistan mit seiner langen und unwirtlichen Grenze zum Nachbarn gilt als Schlüsselstaat in der Krisenregion. Die USA hoffen, über Pakistan einzelne Taliban-Fraktionen davon zu überzeugen, den bewaffneten Kampf aufzugeben.

Der pakistanische Geheimdienst ISI hat die Taliban am Hindukusch mit aufgebaut, auch nach 2001 noch unterstützt und tut das wohl auch heute noch, wenngleich auf Druck der USA eingeschränkt. Es sei unausweichlich, zumindest Kontakte zu pflegen, sagt der pakistanische Analyst Imtiaz Gul, ja, eine der Grundaufgaben eines Geheimdienstes. "Genauso wie beispielsweise die CIA oder MI6 unterhält der ISI Beziehungen zu allen wichtigen Personen und Einflussfaktoren der Region. Ein Nachrichtendienst wie ISI kann nicht einfach die Augen darüber verschließen, was sich in der Nachbarschaft abspielt."

Dem Militär Pakistans, der entscheidende Machtfaktor im Land, geht es vor allem darum, den Einfluss von Erzfeind Indien in Afghanistan zu beschränken, das dort mit inzwischen allein vier Konsulaten vertreten ist. Der anstehende Abzug der internationalen Schutztruppe vom Hindukusch macht es aus Sicht Islamabads um so dringlicher, an der zukünftigen Machtverteilung teilzuhaben; man will über die Taliban einen Einflussfaktor in der Hand behalten.

Das Militär-Establishment wähnt sich umzingelt von der Macht Indiens, was auch dazu geführt hat, das es Verbindungen mit militanten Extremisten in Afghanistan oder Lashkar-e Taiba, einer islamistische Terrororganisation in Kaschmir, eingegangen ist. Gleichzeitig aber pflegt Islamabad das Bündnis zu den Vereinigten Staaten, was paradox ist, aber der Regierung viele Milliarden Dollar einbrachte und -bringt. Experten sagen, dass das Gros dieser Unterstützung vom Militär zur Aufrüstung gegen Indien verwendet wurde.

Washington besorgt vor allem, dass Pakistans Erwähnung in den Militärakten von vielen Stellen in Militär, Regierung und Medien Islamabads als diffamierende Verschwörungskampagne wahrgenommen wird. Nicht überall wird zwischen offizieller Politik und Informationslecks unterschieden, was wohl auch am militärisch-autoritären Charakter der Staatsführung liegt.

Nicht nur der Anti-Amerikanismus, auch die zunehmende Feindseligkeit der pakistanischen Taliban gegenüber Islamabad hat die Lage für Militär und Regierung Pakistans komplizierter gemacht. Während die Taliban-Fraktionen am Hindukusch nämlich noch als Verbündete gelten, kämpft die pakistanische Taliban-Fraktion spätestens seit der Tötung ihres Anführers Baitullah Mehsud im August 2009 durch eine Drohne und der folgenden Offensive des Militärs in Süd-Waziristan gegen die Armee. Seitdem sind die großen Städte Pakistans einer Terrorwelle der eigenen Extremisten und al-Qaidas ausgesetzt.

Selbst der Geheimdienst bleibt nicht mehr verschont, mindestens vier Terroranschläge wurden auf ISI-Mitarbeiter und -Einrichtungen verübt, in Peshawar, in Lahore, auf regionale ISI-Vertretungen, zahlreiche Menschen verloren dabei ihr Leben. Dazu kamen der Anschlag und die Geiselnahme auf das Hauptquartier des Militärs in Rawalpindi im Oktober letzten Jahres.

Wie gefährlich die Zusammenarbeit mit Militanten und Extremisten ist, zeigt auch die Entführung des legendären ehemaligen ISI-Agenten Sultan Amir Tarar , genannt Colonel Imam, durch die extremistische Splittergruppe Lashkar-e-Jhangvi, Verbündete der pakistanischen Taliban. Tarar organisierte die afghanischen Mudschahedin im Kampf gegen die Sowjets, gehörte in den neunziger Jahren zu den wichtigsten Förderern der afghanischen Taliban-Bewegung und galt lange als einer der Vertreter Pakistans bei den Taliban im Nachbarland.

Nach 2001 wurde er zum Rücktritt aus dem ISI gedrängt; es hieß, Tarar sei zu radikal. Doch nun konnten ihn weder seine dschihadistische Vergangenheit noch seine Nähe zu den Taliban vor der Entführung durch Extremisten schützen. Zusammen mit Tarar wurde ein weiterer Ex-ISI-Agent entführt, Khalid Khawaja, auch ein erklärter Islamist, der wenig später erschossen aufgefunden wurde mit dem Hinweis, er sei Agent von ISI und CIA.

Islamabads faustischer Pakt mit den militanten Extremisten, der zu einem guten Teil in der Feindschaft zu Indien begründet liegt, wendet sich also gegen die eigentlichen Initiatoren: "Klar, in der Vergangenheit gab es enge Beziehungen zwischen Militär und Militanten, in Afghanistan wie in Kaschmir. Aber wenn der Militärapparat und der Geheimdienst diese Politik beibehalten, wäre das katastrophal für das Land", befürchtet Imtiaz Gult, der den von der Böll-Stiftung unterstützen Thinktank "Center for Research and Security Studies" in Islamabad leitet.

Deswegen müssten die USA und die internationale Gemeinschaft ihre Beziehungen zu Pakistan eigentlich vertiefen. Wirkungsvollster Ansatzpunkt hierfür ist das mächtige Militär: "Wir müssen auf eine Transformation der pakistanischen Armee hinarbeiten und ihre moderaten Teile unterstützen. Dazu gehört auch, gemeinsame Sicherheitsinteressen mit Indien aufzubauen", so Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik, denn "langfristig ist die Baustelle Pakistan auf jeden Fall wichtiger als Afghanistan, allein schon wegen der Atomwaffen."

 
Leser-Kommentare
  1. haben, war doch schon lange klar. Und dass sie dort geduldet und unterstützt werden. Die Paschtunen regieren auch dort. Und die pak. Regierung holt sich allen Vermutungen zum Trotz jede Menge Geld in Washington. Wer finanziert nun was, Washington den Krieg, damit er stattfindet? Oder die Aufrüstung Pakistans, um dort auch zu "Partnern"?

    • isualK
    • 28.07.2010 um 20:38 Uhr

    Das alles muss doch für Ahmadineschad im Iran wie eine dringende Einladung klingen, endlich die Atombombe zu besitzen.

    Offensichtlich gibt es gewaltige Unterschiede in der Behandlung durch die USA, je nachdem, ob ein Land die Bombe hat oder nicht.

    Was passiert denn mit Nordkorea oder Pakistan? Die werden doch eher unterstützt, denn mit Krieg und Einmarsch überzogen.

    • k2
    • 28.07.2010 um 21:58 Uhr

    Sind die Studien zu Pakistan in der Zeitschrift "Critical Studies on Terrorism" wirklich kritisch, wenn man deren
    Autorenschaft kennt? Diese Studien sind AIPAC-Propaganda :

    Female Terrorism and Militancy Edited by Cindy D. Ness
    Fighting Terrorism and Drugs Jörg Friedrichs
    Global Insurgency and the Future of Armed Conflict Edited by Regina Karp et al.
    International Law and International Relations Edited by Thomas J. Biersteker et al.
    Mapping Terrorism Research Edited by Magnus Ranstorp
    Political Islam and Violence in Indonesia Zachary Abuza
    Radical Islam and International Security Edited by Efraim Inbar and Hillel Frisch
    Religion in World Conflict Edited by Jonathan Fox and Shmeul Sandler
    Special Forces, Strategy and the War on Terror Alastair Finlan
    Terrorism and Human Rights Edited by Magnus Ranstorp and Paul Wilkinson
    Terrorism and Weapons of Mass Destruction Edited by Ian Bellany
    The Psychology of Strategic Terrorism Ben Sheppard
    The Strategy of Terrorism Peter R. Neumann and M.L.R. Smith
    Transatlantic Homeland Security Anja Dalgaard-Nielsen and Daniel Hamilton
    Understanding Terrorist Innovation Adam Dolnik
    US National Security, Intelligence and Democracy Edited by Russell A. Miller
    Women and Terrorism Margaret Gonzalez-Perez

    Desgleichen:
    http://www.terrorismanaly...

    DER SPIEGEL verfasste zum ISI einen sehr einseitigen Artikel
    ganz im Sinne von Henryk M. Broder.

  2. Tja, trotz allem Kalkül, Tricksen und schleimen können sich die USA nicht sicher sein, ihr Geld in Pakistan gut angelegt zu haben.

    Seinerzeit finanzierten sie die Taliban gegen Russland, dann wandten sich die Taliban gegen ihre alten Finanziers.

    Pakistan und Afghanistan haben gewachsene Beziehungen.
    Da kommen die Amis mit ihrem Geld und ihren Intrigen nicht gegen an.
    Wir dürfen gespannt sein, gegen wen sich Pakistan als erstes wendet - gegen Indien sicher.

  3. Das ist für uns Europäer nicht unsere Angelegenheit.

    Wir Europäer berufen uns auf eine gemeinsame Kultur und Ethik - und das empfinde ich als Recht und richtig.
    In unserem Bereich.

    Als Europäer beanspruchen wir eine klar definierte Region des Planeten Erde.

    Innerhalb der definierten Region Europa versuchen wir Europäer förderliche Bedingungen für ein bestmögliches Leben unserer selbst und unserer Nachkommen zu finden,

    und -

    in der Überzeugung, daß dies auch unseren biologischen Artgenossen zuträglich erscheinen möge -,

    publizieren wir täglich zeit- und artgemäße Kommentare und Analysen auf Zeit-Online und sonstwo.

  4. nettes zum nachdenken über die außenpolitik von amerika
    http://www.youtube.com/wa...

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    hat es euch die Sprache verschlagen oder wird dies wie andere Offensichtlichkeiten einfach ignoriert?

    hat es euch die Sprache verschlagen oder wird dies wie andere Offensichtlichkeiten einfach ignoriert?

  5. Ich frage mich immer öfter bei diesen Berichten über "Amerikas Geld", mit dem irgendwelche Kriege finanziert und internationale Gangsterbanden unterstützt werden: Mit was für Geld bezahlt ein komplett bankrottes (= "überschuldetes") Land denn eigentlich? Es kann sich doch nur um das Geld der Gläubiger handeln! Mit anderen Worten: China führt Krieg in Afghanistan....

  6. ...einen Faustischen Pakt vor?
    Im Gegensatz zu den Verbündeten kennen die sich aus in ihrer Gegend.
    Sehr wahrscheinlich haben die Herren in Islamabad schon vor Jahren mitgekriegt das dieser Kampf nicht zu gewinnen ist.
    Wenn die Amerikaner und ihre Verbündeten gehen(fliehen) ist es nur eine Frage von Wann nicht Ob die Taliban wieder die Meister in Kabul sind.
    Also arrangiert man sich schon jetzt mit den zukünftigen Herschern.
    Ich nenne das Realpolitk.

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