Menschenrechte Russlands dunkle Seite

Die Menschenrechtsbeauftragte Ella Pamfilowa ist abgetreten – zermürbt von der Drangsal einer intoleranten und korrumpierten Funktionärselite.

Ella Pamfilowa, die  Vorsitzende des Präsidentenrates für Menschenrechte, und Präsident Dmitrij Medwedjew im März in Moskau

Ella Pamfilowa, die Vorsitzende des Präsidentenrates für Menschenrechte, und Präsident Dmitrij Medwedjew im März in Moskau

Ella Pamfilowas Rücktritt als Vorsitzende des Präsidentenrates für Menschenrechte ist ein Verlust vor allem für die schwache Bürgergesellschaft Russlands. Für jene, die sich im Anblick verletzter Menschenrechte und staatlicher Willkür nicht ihrem Schicksal ergeben, sondern trotz aller Widerstände und Risiken aktiv werden. Es ist ein Verlust für die passive Mehrheit der Menschen im Lande und für den Präsidenten Dmitrij Medwedjew, zu dessen liberalem Image Pamfilowa gerade auch in westlichen Augen beigetragen hat.

Wie sehr sie dabei nicht nur als liberale Zierstatuette in der Ecke des Kreml-Saales diente, sondern die Entscheidungen der Präsidialverwaltung tatsächlich beeinflussen konnte, war oft nicht erkennbar. Aber ein gewisser Trost und manche Hoffnung verbanden sich alleine mit ihrem Vorsitz des Rates, der ihr öffentliche Aufmerksamkeit verschaffte. Mit Pamfilowas Rücktritt verliert Russland eine untypische und umso bedeutendere Vertreterin seiner Elite.

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Denn sie ist keine Zynikerin der Macht. Sie ist integer und ihrer Sache so ergeben, dass alleine deshalb die meisten der von der eigenen Allgewalt korrumpierten Staatsfunktionäre sie belächelten. Einer der Chefideologen der Staatspartei Einiges Russland verhöhnte sie als "Amts-Hysterikerin". Dass ihre aufrichtige Haltung sie zuweilen in Aufregung und Zorn versetzte oder naiv erschienen ließ, musste den Stützen der Macht in Russland, deren Kopf sich wie beim Wetterhahn widerstandslos in jede politische Windrichtung einpendelt, völlig unverständlich und gefährlich erscheinen. Denn Pamfilowas Engagement legte ihre skrupellose Anpasserei offen.

Pamfilowa hat als letztes Mittel den Rücktritt gewählt, nachdem viele Vorfälle der vergangenen Monate sie zermürbten. Mit der Putin-Jugendorganisation Unsrige, deren offizielle Verlautbarungen nach Zwangspatriotismus und Wehrsport klingen, lag sie im Dauerstreit. Schon im Konflikt um den Namen eines Moskauer Restaurants, Anti-Sowjetskaja, wurde sie im Herbst vergangenen Jahres zur Zielscheibe. Ein Weltkriegsveteran hatte den Restaurantnamen als "anti-sowjetisch" bekämpft. Ein Journalist, der wiederum Funktionäre der Veteranenverbände kritisierte, wurde von den Unsrigen gemobbt und mit bedrohlichen Mahnwachen vor seinem Wohnhaus zum Abtauchen gezwungen.

Pamfilowa ergriff die Partei des Journalisten – nicht, weil er recht hatte, sondern weil es ihr um das Prinzip der Meinungsfreiheit ging. Abgeordnete von Einiges Russland forderten sie danach zum Rücktritt auf. Die Hetzjagd war eröffnet. Pamfilowa hielt noch durch.

Aber jetzt, als im Zeltlager der Unsrigen am Seliger-See Pfähle mit den Plastikköpfen von vierzehn prominenten Russen in Faschistenmützen aufgestellt wurden, reichte wohl ihre Kraft nicht mehr aus. Zu den Angeprangerten im Zeltlager, das zuvor auch Präsident Medwedjew besucht hatte, zählte neben oppositionellen Journalisten und Politikern auch die Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe und grande dame der Menschenrechtsbewegung, Ludmilla Alexejewa.

Pamfilowas lähmendes Entsetzen war während eines Interviews mit der Radiostation Echo Moskwy hörbar. Sie rang mit den Worten und sagte: "Was ich jetzt mit all dem tun soll, weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich stecke in einer Sackgasse. Vor Gericht gehen? Ach, wissen Sie!" Sie könne doch nur öffentlich ihre Stimme erheben, argumentieren und versuchen, den Präsidenten mit ihrer Meinung zu erreichen. Aber die Macht müsse auch zuhören und reagieren. "Für mich selbst habe ich schon Schlüsse gezogen", fügte Pamfilowa hinzu. "Natürlich müssen die härtesten Schritte unternommen werden." Seit heute ist klar, was sie damit meinte.

Vertreter der Unsrigen verbreiteten bereits ihre Freude über Pamfilowas Rücktritt. Zuletzt hatten sie wegen des Radio-Interviews eine Klage gegen Pamfilowa angekündigt, um "den tadellosen Ruf" ihrer Organisation zu verteidigen. Sie handeln mit der Rückendeckung eines Teils der Machtelite. "Wenn zynische junge Leute sich alles erlauben und die Menschen verhetzen", erklärt Pamfilowa, "dann tun sie es, weil sie wissen, dass erwachsene, hochgestellte Onkel sie verteidigen. Das ist schrecklich und gefährlich für das Land".

Manche Menschenrechtler klammerten sich noch an die Hoffnung, dass Präsident Medwedjew den Rücktritt ablehnen und Pamfilowa zum Bleiben bewegen würde. Aber Pamfilowa ist angeschlagen, ihr Amt beschädigt und der Sinn und Einfluss des Rates infrage gestellt. Ein Rücktritt schafft immerhin Klarheit. Pamfilowas Rückkehr als Vorsitzende eines machtlosen Pseudorats für Menschenrechte dagegen hätte die Probleme erneut verschleiert.

Eine veränderte Politik zur Wahrung der Menschenrechte, für mehr gesellschaftliche Offenheit und Toleranz kann nur die Führung des Landes erwirken. Das ist die Aufgabe des Präsidenten Medwedjew. Er spricht gerne in gewählten Worten davon. Ob er es ernst meint, hat er noch nicht bewiesen.

 
Leser-Kommentare
  1. Bemühen Sie sich um artikelbezogene Komentare. Die Redaktion / mh

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    • TDU
    • 30.07.2010 um 17:24 Uhr

    Dann hoffe ich, dass Se inden nächsten Tagen keinen Besuch und keine Ermahnung kriegen, da Sie doch so schlecht über Deutschland sprechen. Nach den neuseten MFS Gestzen wäre das erlaubt. Und natürlich ist der von Ihnen geschilderte Fall nur die Spitze eines Eisbergs.

    Und eigentlich ist Deutschland und die Sahara auch dasselbe. In beiden Gebieten regnet es nämlich.

    • TDU
    • 30.07.2010 um 17:24 Uhr

    Dann hoffe ich, dass Se inden nächsten Tagen keinen Besuch und keine Ermahnung kriegen, da Sie doch so schlecht über Deutschland sprechen. Nach den neuseten MFS Gestzen wäre das erlaubt. Und natürlich ist der von Ihnen geschilderte Fall nur die Spitze eines Eisbergs.

    Und eigentlich ist Deutschland und die Sahara auch dasselbe. In beiden Gebieten regnet es nämlich.

    • TDU
    • 30.07.2010 um 17:24 Uhr

    Dann hoffe ich, dass Se inden nächsten Tagen keinen Besuch und keine Ermahnung kriegen, da Sie doch so schlecht über Deutschland sprechen. Nach den neuseten MFS Gestzen wäre das erlaubt. Und natürlich ist der von Ihnen geschilderte Fall nur die Spitze eines Eisbergs.

    Und eigentlich ist Deutschland und die Sahara auch dasselbe. In beiden Gebieten regnet es nämlich.

    Antwort auf "[entfernt]"
  2. Wenn ich die Geschichte Russlands recht vor Augen habe, dann gab es in dem Land zu keiner Zeit so etwas wie politische Toleranz, so etwas wie Respekt vor der Kreativität Andersdenkender, so etwas wie Neugierde auf das, was passieren kann, wenn man einen Sachverhalt ausdiskutiert. Nikolaus II. hat noch zu Beginn des 20. Jhd. auf seinem Gottesgnadentum bestanden - und die, die nach ihm kamen, lassen sich wohl kaum als aufgeklärte Demokraten bezeichnen. Bis heute.
    Bis heute? Naja, fast. Wenn man sich die Geschichte dieses Landes anschaut, ist das, was da jetzt passiert, in der Sicht des Landes immer noch sehr fortschrittlich. Auch wenn es auf uns noch so barbarisch, noch so hinterwäldlerisch wirkt.
    Es gilt zweifellos eine Menge nachzuholen in Russland in Punkto Aufklärung und Menschenrechte, und ganz gewiss hat die aktuell herrschende Kaste dort mehr Dreck am Stecken als vergleichbare Leute bei uns. Aber es ist auch sehr bequem, vom bequemen deutschen Sofa zu raunzen über Zustände, die uns nicht einmal im Traum persönlich tangieren.
    Lassen wir dem Land doch bitte die Zeit, sich zu finden! Wir blicken auf eine Entwicklung zurück, die 1789 (spätestens) begann - und in dieser Entwicklung war der Faschismus auch nicht nur ein Ausrutscher. Wie die aktuellen Verhältnisse in Deutschland ja zeigen. Wir können von Russland nur Toleranz erwarten, wenn wir es in seiner Historie respektieren.

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    "Wenn man sich die Geschichte dieses Landes anschaut, ist das, was da jetzt passiert, in der Sicht des Landes immer noch sehr fortschrittlich. Auch wenn es auf uns noch so barbarisch, noch so hinterwäldlerisch wirkt."

    Leider hat man sehr schnell die kommunistischen Zeiten vergessen. Die chaotischen Jelzin-Jahre, als die Bevölkerung verarmte, der Staat nichts mehr zu sagen hatte und die Oligarchen und die Mafia regierten, werden dagegen bewußt als demokratische Phase verklärt. Die russische Bevölkerung, die das damals am eigenen Leib durchmachen mußte, ist mit solchen Parolen logischerwese nicht mehr zu gewinnen.

    "Wir blicken auf eine Entwicklung zurück, die 1789 (spätestens) begann - und in dieser Entwicklung war der Faschismus auch nicht nur ein Ausrutscher. Wie die aktuellen Verhältnisse in Deutschland ja zeigen."

    Wollen Sie etwa das heutige Deutschland ernsthaft in die Nähe des Faschismus rücken?

    "Wir können von Russland nur Toleranz erwarten, wenn wir es in seiner Historie respektieren."

    Vor allem müssen wir die realen innenpolitischen Gegebenheiten und Bedingungen respektieren, unter denen russischen Politiker agieren müssen. Weiterhin gilt es, die Beziehungen zu Rußland, die derzeit so gut sind wie nie zuvor, im eigenen Interesse auszubauen und sie nicht aufs Spiel zu setzen, nur weil dem großen Bruder in Übersee diese Zusammenarbeit ein Dorn im Auge ist, weil er seinen Einfluß in Europa gefährdet sieht.

    "Wenn man sich die Geschichte dieses Landes anschaut, ist das, was da jetzt passiert, in der Sicht des Landes immer noch sehr fortschrittlich. Auch wenn es auf uns noch so barbarisch, noch so hinterwäldlerisch wirkt."

    Leider hat man sehr schnell die kommunistischen Zeiten vergessen. Die chaotischen Jelzin-Jahre, als die Bevölkerung verarmte, der Staat nichts mehr zu sagen hatte und die Oligarchen und die Mafia regierten, werden dagegen bewußt als demokratische Phase verklärt. Die russische Bevölkerung, die das damals am eigenen Leib durchmachen mußte, ist mit solchen Parolen logischerwese nicht mehr zu gewinnen.

    "Wir blicken auf eine Entwicklung zurück, die 1789 (spätestens) begann - und in dieser Entwicklung war der Faschismus auch nicht nur ein Ausrutscher. Wie die aktuellen Verhältnisse in Deutschland ja zeigen."

    Wollen Sie etwa das heutige Deutschland ernsthaft in die Nähe des Faschismus rücken?

    "Wir können von Russland nur Toleranz erwarten, wenn wir es in seiner Historie respektieren."

    Vor allem müssen wir die realen innenpolitischen Gegebenheiten und Bedingungen respektieren, unter denen russischen Politiker agieren müssen. Weiterhin gilt es, die Beziehungen zu Rußland, die derzeit so gut sind wie nie zuvor, im eigenen Interesse auszubauen und sie nicht aufs Spiel zu setzen, nur weil dem großen Bruder in Übersee diese Zusammenarbeit ein Dorn im Auge ist, weil er seinen Einfluß in Europa gefährdet sieht.

    • TDU
    • 30.07.2010 um 19:38 Uhr

    Es wir schwer werden mit der Demokratisierung und Öffnung der russischen Gesellschaft.

    Und man sieht, dass es bei uns anders zugeht. Auch hier veklagen sich Gruppen und Verbände. Aber die Diskussion und die Auseinanderstezung ist offen und die Macht muss es tolerieren. Wegen der Gewaltenteilung und der damit verbundenen Kontrolle.

    Im Übrigen hatte Russland wohl seit Jahrhnderten keine Phase, in der es nicht mit harter Hand von oben geführt wurde. Selbst Katahrina die Große hatte es schwer, den Intrigantenstadel der an ihren Posiitonen klebenden Kleinfürsten zu durchdringen. Und gegen einflusshaften Druck von aussen konnte sich Russland immer wehren und diesen verhindern, allein durch seine schiere Größe.

    Irgendwie ist Russland immer noch eine Insel, politisch gesehen.

    • tisass
    • 30.07.2010 um 19:59 Uhr

    klingt ja auf den ersten Blick wie eine Antilopenbeauftragte im Löwenrudel.

    Drücken wir die Daumen

  3. ...zugleich ein neuses Gesetz in Russland in Kraft.

    Dieses Gesetz erlaubt es dem Geheimdienst jetzt, auch ohne Beweise und nur auf Verdacht schon auf russische Staatsbürger losgehen zu können.

    Das steht in dem Artikel nicht.

    MfG,
    T.

  4. "Wenn man sich die Geschichte dieses Landes anschaut, ist das, was da jetzt passiert, in der Sicht des Landes immer noch sehr fortschrittlich. Auch wenn es auf uns noch so barbarisch, noch so hinterwäldlerisch wirkt."

    Leider hat man sehr schnell die kommunistischen Zeiten vergessen. Die chaotischen Jelzin-Jahre, als die Bevölkerung verarmte, der Staat nichts mehr zu sagen hatte und die Oligarchen und die Mafia regierten, werden dagegen bewußt als demokratische Phase verklärt. Die russische Bevölkerung, die das damals am eigenen Leib durchmachen mußte, ist mit solchen Parolen logischerwese nicht mehr zu gewinnen.

    "Wir blicken auf eine Entwicklung zurück, die 1789 (spätestens) begann - und in dieser Entwicklung war der Faschismus auch nicht nur ein Ausrutscher. Wie die aktuellen Verhältnisse in Deutschland ja zeigen."

    Wollen Sie etwa das heutige Deutschland ernsthaft in die Nähe des Faschismus rücken?

    "Wir können von Russland nur Toleranz erwarten, wenn wir es in seiner Historie respektieren."

    Vor allem müssen wir die realen innenpolitischen Gegebenheiten und Bedingungen respektieren, unter denen russischen Politiker agieren müssen. Weiterhin gilt es, die Beziehungen zu Rußland, die derzeit so gut sind wie nie zuvor, im eigenen Interesse auszubauen und sie nicht aufs Spiel zu setzen, nur weil dem großen Bruder in Übersee diese Zusammenarbeit ein Dorn im Auge ist, weil er seinen Einfluß in Europa gefährdet sieht.

    • EllyS
    • 03.08.2010 um 18:52 Uhr

    Die eingeforderte Geduld mit Russland bezüglich der nach wie vor katastrophalen Menschenrechtslage setzte voraus, dass es immerhin Bemühungen gäbe die Situation zu verbessern. Genau dies ist aber nicht der Fall. Es wird lediglich so getan, als ob man etwas verändern wollte, gehandelt wird nie, die Machtelite hat erkennbar kein Interesse an Veränderungen, da sie dann ihre Macht teilen müsste. Alle Rhetorik zum Thema Menschenrechte ist nur Beruhigungslyrik für den Westen, ernstgemeint ist da gar nichts. Erkennbar ist dies u.a. daran, daß führende Politiker Russlands sich immer wieder abfällig über Menschenrechtler äußern, staatliche Stellen die Menschenrechtsorganisationen schikanieren und Menschenrechtler allgemein Freiwild sind, freigegeben zum Abschuss durch jeden, der sich als sog. Patriot berufen fühlt die "Netzbeschmutzer" zu beseitigen.

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