Ägypten Gewalt durch Sicherheitskräfte – EU streitet mit Ägypten

Zwei Polizisten haben einen jungen Mann auf offener Straße totgeschlagen. Doch erst nach internationalen Protesten sind die Täter jetzt verhaftet worden.

25. Juni: Protest in Alexandria wegen des Mordes an Khaled Mohammed Said. Dafür ließ die Regierung viele Polizisten auflaufen

25. Juni: Protest in Alexandria wegen des Mordes an Khaled Mohammed Said. Dafür ließ die Regierung viele Polizisten auflaufen

Am Nil liegen die Nerven blank. Ihr Schreiben sei "eine klare Verletzung diplomatischer Normen und eine unerhörte Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ägyptens" kanzelte Außenminister Ahmed Abu al-Gheit letzte Woche die versammelten europäischen Botschafter ab, die er in seinem Kairoer Amtssitz einbestellt hatte. Anlass für die harsche Rüge war eine EU-Demarche zum Prügeltod eines Bloggers, der nach Augenzeugenberichten in der Hafenstadt Alexandria auf offener Straße von zwei Polizisten erschlagen worden war.

Man erwarte eine "unabhängige, transparente und umgehende Untersuchung, die die aufgetreten Widersprüche glaubwürdig aufklärt", ließen die Missionschefs die ägyptische Regierung wissen. Diese setzte nun am Wochenende endlich – wenn auch wutschnaubend und widerwillig – ihre Staatsanwaltschaft in Bewegung. Man werde die Polizisten "wegen Folter und exzessiver Gewaltanwendung" vor Gericht stellen, gab die Justiz bekannt. In Ägypten stehen darauf maximal einem Jahr Haft oder 30 Euro Geldstrafe. Von Mord oder Totschlag ist in der Anklage nicht die Rede.

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Derweil zieht der Fall auch im Inneren des Landes immer weitere Kreise. "Märtyrer des Ausnahmezustands" heißt das 28-jährige Opfer auf Facebook. 250.000 Mitglieder hat inzwischen die Seite "Meine Name ist Khaled Mohammed Said" – und es werden täglich mehr. Wellen der Abscheu ziehen durch das ägyptische Netz, seit das entsetzliche Foto des Verstümmelten online zu sehen ist. "Weg mit der Folter" und "Nieder mit Mubarak", skandierten aufgebrachte Demonstranten in Kairo. Friedensnobelpreisträger Mohamed el Baradei, der frühere UN-Atomchef in Wien und inzwischen prominenteste Oppositionelle, zog an der Spitze von 4000 Menschen durch die Innenstadt von Alexandria.

Im beliebten Touristenland Ägypten gibt das seit dreißig Jahren herrschende Ausnahmerecht Polizei und Justiz nahezu unbeschränkte Macht. Jeder kann ohne Grund verhaftet und misshandelt werden oder beliebig lange hinter Gitter kommen. Menschenrechtler schätzen, dass 12.000 bis 14.000 Bürger ohne Anklage in den Gefängnissen sitzen. Nach Angaben des ägyptischen Nationalrats für Menschenrechte wurden allein im letzten Jahr 1124 Anzeigen wegen Folter gegen Polizisten erstattet – die Dunkelziffer liegt weitaus höher.

Der Chef des kleinen Internetcafes im Stadtteil Kleopatra von Alexandria jedenfalls kann es immer noch nicht fassen, was sich in jener Nacht zugetragen hat. Khaled Mohammed Said habe an einem der Computer gesessen, als plötzlich zwei Polizisten in Zivil hereinstürmten, berichtete er. Sie beschimpften den 28-Jährigen, drehten ihm die Arme auf den Rücken und hämmerten seinen Kopf auf eine Marmortischplatte, bevor sie ihn ins Freie zerrten. Am Rande der viel befahrenen Straße hieben sie seinen Kopf gegen ein Eisengatter und traten wie Furien auf den Bewusstlosen ein.

"Hört auf, der Mann stirbt", versuchten zwei Passanten sie abzuhalten. "Der simuliert nur", bekamen sie zur Antwort. Dann warfen sie den reglosen Körper in einen Wagen und fuhren zur nahe gelegenen Polizeiwache Sidigaber. Eine Viertelstunde später kehrte das Fahrzeug zurück, die Leiche wurde vor dem Internetcafe abgekippt. Der Brustkorb war zerquetscht, Schädel und Zähne eingeschlagen, das Gesicht verstümmelt – die schrecklichen Aufnahmen des Getöteten zirkulieren seither im Internet.

"Diese Fotos bieten einen seltenen Einblick in den alltäglichen Gebrauch brutaler Gewalt durch ägyptische Sicherheitskräfte. Ihre Mitglieder gehen davon aus, dass sie völlig unbehelligt bleiben und niemand später irgendwelche Fragen stellt", urteilte Amnesty International. Auch die Polizeiführung von Alexandria bestritt zunächst jede Verantwortung. Der 28-Jährige sei ein Drogenkonsument gewesen und an einem Haschisch-Päckchen erstickt, das er in Panik herunterschluckte, als man seine Personalien habe überprüfen wollen, hieß es in der offiziellen Erklärung. 

Eine zweite Autopsie des eigens dafür exhumierten Opfers, die auf Druck des amerikanischen Außenministeriums zustande kam, tischte die gleiche Version noch einmal auf. Diese Kaltschnäuzigkeit brachte dann für die Kairoer EU-Botschafter das Fass zum Überlaufen. "Wir gehen davon aus", ließen sie in ihrer Erklärung wissen, "dass die ägyptischen Behörden die Vorwürfe von Polizeimissbrauch effektiv aufklären und die Täter vor Gericht stellen werden."

Ein Beitrag aus dem Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 05.07.2010 um 19:41 Uhr

    unterstützt Ägypten sehr stark. Bevor die Sache eskaliert, sollte man abwarten, wie die Ägypter reagieren werden. Als Tourist würde ich nicht in ein Land fahren, wo so etwas möglich ist und anschließend die Diplomaten noch "angegangen" werden.

  1. ..Dann warfen sie den reglosen Körper in einen Wagen und fuhren zur nahe gelegenen Polizeiwache Sidigaber. Eine Viertelstunde später kehrte das Fahrzeug zurück, die Leiche wurde vor dem Internetcafe abgekippt...
    Mir fehlen fast die Worte.
    Nicht nur das man jemanden einfach so totschlagen darf als ägyptischer Polizist -nein,das Opfer wird auch noch als Müll
    behandelt den man loswerden will.Der tatsächliche Müll sind aber eher solche Polizisten.Die sollte man entsprechend entsorgen.Ich wünsch denen jerdenfalls das Ungeziefer aller Nagetiere Ägyptens auf ihre Weichteile und einen gründlichen Kammerjager obendrein.

  2. Nicht nur, daß ich eine Reihe von Fällen aufführen könnte,in denen auch in Deutschland Menschen durch Polizeigewalt zu Tode gekommen sind, werden hier in letzter
    Zeit regelmäßig harmlose Passanten oder Fahrgäste von
    gewalttätigen Jugendlichen totgeprügelt, was in Ägypten
    dank Polizei nicht der Fall ist. Mir ist nicht bekannt
    geworden, daß Ägypten oder andere Staaten gegen diese
    Vorkommnisse in Deutschland protestiert hätten, und ich
    würde solches auch als unpassend ansehen.
    Helmut Schmidt hat im ZEIT-Gespräch mit Giovanni de Lorenzo erst kürzlich an den früher selbstverständlichen Grundsatz der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anderer Staaten erinnert.
    Angesichts der eigenen in den Jahren 1933 bis 1945 von
    Deutschen begangenen Greueltaten, die in Umfang und Inten-
    sität in der Geschichte ihresgleichen suchen, sollte sich
    die Bundesrepublik mit der voreiligen Bewertung ungeklärter Einzelfälle im Ausland zurückhalten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Kite
    • 06.07.2010 um 8:45 Uhr

    Angesichts der militärischen Interventionen in Irak,
    Afghanistan, Pakistan und Somalia im Namen der Terrorismusbekämpfung, ist der Protest der EU gegenüber der Diktatur in Ägypten ein sehr harmloser Hergang. Ein wichtiger Grund für die Entstehung von Al-Qaida und anderen islamistischen Militanten sind die diktatorischen Regierungen in Ägypten und Saudi Arabien, denn die haben sie seit Jahrzehnten unterdrückt. Die ersten Aufrufe zum heiligen Krieg von Osama bin Laden und Zawahiri waren nicht gegenüber dem Westen gerichtet, sondern ihre eigenen Regierungen. Man sollte nicht vergessen, dass in beiden Ländern die religiösen Autoritäten des sunnitischen Islams sitzen. Die westlichen Demokratien verharmlosen natürlich diese Zustände aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Kann man auch die einfache Bevölkerung, die solche Länder mit ihrem Urlaubsgeld indirekt stärken eine indirekte Schuld geben? Wenn es um Islam geht, hat doch jeder seine eigene Meinung, oder?

    • Kite
    • 06.07.2010 um 8:45 Uhr

    Angesichts der militärischen Interventionen in Irak,
    Afghanistan, Pakistan und Somalia im Namen der Terrorismusbekämpfung, ist der Protest der EU gegenüber der Diktatur in Ägypten ein sehr harmloser Hergang. Ein wichtiger Grund für die Entstehung von Al-Qaida und anderen islamistischen Militanten sind die diktatorischen Regierungen in Ägypten und Saudi Arabien, denn die haben sie seit Jahrzehnten unterdrückt. Die ersten Aufrufe zum heiligen Krieg von Osama bin Laden und Zawahiri waren nicht gegenüber dem Westen gerichtet, sondern ihre eigenen Regierungen. Man sollte nicht vergessen, dass in beiden Ländern die religiösen Autoritäten des sunnitischen Islams sitzen. Die westlichen Demokratien verharmlosen natürlich diese Zustände aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Kann man auch die einfache Bevölkerung, die solche Länder mit ihrem Urlaubsgeld indirekt stärken eine indirekte Schuld geben? Wenn es um Islam geht, hat doch jeder seine eigene Meinung, oder?

    • Kite
    • 06.07.2010 um 8:45 Uhr

    Angesichts der militärischen Interventionen in Irak,
    Afghanistan, Pakistan und Somalia im Namen der Terrorismusbekämpfung, ist der Protest der EU gegenüber der Diktatur in Ägypten ein sehr harmloser Hergang. Ein wichtiger Grund für die Entstehung von Al-Qaida und anderen islamistischen Militanten sind die diktatorischen Regierungen in Ägypten und Saudi Arabien, denn die haben sie seit Jahrzehnten unterdrückt. Die ersten Aufrufe zum heiligen Krieg von Osama bin Laden und Zawahiri waren nicht gegenüber dem Westen gerichtet, sondern ihre eigenen Regierungen. Man sollte nicht vergessen, dass in beiden Ländern die religiösen Autoritäten des sunnitischen Islams sitzen. Die westlichen Demokratien verharmlosen natürlich diese Zustände aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Kann man auch die einfache Bevölkerung, die solche Länder mit ihrem Urlaubsgeld indirekt stärken eine indirekte Schuld geben? Wenn es um Islam geht, hat doch jeder seine eigene Meinung, oder?

    Antwort auf "Nichteinmischung"
  3. Organization beläuft sich das Volumen der Korruption in den arabischen Ländern seit Mitte des letzten Jahrhunderts auf 1000 Milliarden Dollars. Das macht ein Drittel des insgesamt 3000 Milliarden erzielten Bruttonationaleinkommens aller arab. Länder in diesem Zeitraum aus. 2. Drittel wurde für Waffenkäufe ausgegeben. Das letzte Drittel für den Ausbau der Infrastruktur.
    Im Korruptionsjahresbericht 2009 von Transparency International belegten viele arabische und muslimische Länder die schlechtesten Plätze in der Rangliste . Ägypten und Algerien z.B. Platz 111. Irak u. Sudan 176, Afghanistan 179 und Somalia den 180. letzten Platz. Es gibt dennoch Hoffnungsschimmer. Qatar belegte weltweit Platz 22 und ist damit das aktivste arabische Land gegen Korruption.
    Nicht zu vernachlässigen ist, dass westliche Konzerne zusammen mit ihren Botschaften maßgeblich an dieser Korruption durch Bestechungen für angenehmere Arbeitsbedingungen für die Bad Industries beteiligt sind. Wie z.B. der Fall der kanadischen Firma Agrium in Ägypten zeigt. Ägypten wird mindestens bis 2011 erpressbar bleiben, bis die Vererbung der Macht an Jamal Mubarak über oder besser unter die Bühne nahtlos vollbracht ist. Wie formulierte es Herr Mustafa Fiqqi, Leiter des auswärtigen Ausschusses im ägyptischen Parlament: "Der neue ägyptische Präsident braucht unbedingt die Zustimmung der USA und keine Ablehnung Israels."

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