Mit einem Stift zeigt der Oberst auf eine an die Wand projizierte Karte. Um ihn herum sitzen Männer in unterschiedlichen Uniformen. Sie hören aufmerksam zu, obwohl sie kaum etwas verstehen. Der deutsche Oberst berichtet über die Militäroperation Tahohid II. Die Offensive gegen die Taliban im Norden verlaufe gut, sagt Wolfram Thöne.

Er redet vor afghanischen Offizieren des regionalen Koordinierungszentrums für Operationen, kurz OCCR ( Operational Coordination Centre Region ). Thöne spricht Englisch, er verwendet einfache, klar strukturierte Sätze. Ein amerikanischer Offizier, der ebenfalls zuhört, nickt ab und an. Satz für Satz übersetzt dann der Dolmetscher. Er leistet Schwerstarbeit, denn Dari, ein persischer Dialekt, der in weiten Teilen des Landes gesprochen wird, ist eine blumige Sprache. Für einen Satz des Deutschen braucht es drei auf Dari.

Die afghanischen Offiziere hören ruhig zu. Sie wissen, dass die Taliban ihre Aktivitäten im Norden verstärken. Es fließe Geld aus Pakistan an den afghanischen Aufstand, sagen afghanische Geheimdienstler. Die Gegner der internationalen Truppen scheinen keine Probleme zu haben, festgenommene oder getötete Anführer zu ersetzen und Nachschub an Sprengstoff und Waffen zu organisieren. 

Auch in den Lagevorträgen der afghanischen Offiziere sind die Probleme herauszuhören: Sie berichten, dass ein Konvoi mit 32 Trucks die Hauptstadt Kabul verlassen habe und auf dem Weg nach Masar-i-Scharif sei. Checkpoints der Polizei seien an der Straße eingerichtet worden, um die Strecke zu sichern. Denn andere Lkw-Fahrer seien von Aufständischen entführt worden, ebenso der Vetter eines lokalen Polizeichefs bei Kundus.

Das OCCR sitzt wie eine Spinne in der Mitte des Netzes
Oberst Wolfram Thöne

Im OCCR laufen Sicherheitsinformationen aus dem ganzen Land zusammen. So können die afghanischen Sicherheitskräfte ihr Vorgehen besser koordinieren. Und die Isaf-Truppen erfahren schneller Details der Offensiven der afghanischen Armee, über das Vorgehen der Aufständischen und ihre Rückzugsgebiete. Bevor das OCCR vor einem Jahr seine Arbeit aufnahm, gingen viele Informationen auf den schwierigen Dienstweg zwischen Afghanen und Internationaler Schutztruppe verschütt oder sie kamen Tage später an. So gerieten an Checkpoints der Isaf teilweise afghanische Sicherheitskräfte unter Feuer, weil sie mit hohem Tempo auf die Soldaten zurasten. Das soll künftig verhindert werden.

"Das OCCR sitzt wie eine Spinne in der Mitte des Netzes", sagt Oberst Thöne. Alle afghanischen Sicherheitskräfte sind hier vertreten: Armee, Polizei, der Geheimdienst NDS und die Grenzpolizei. Es wurde im Juli 2009 vor der Präsidentenwahl eingerichtet. 40 afghanische Offiziere bilden dort den Stab. Vor der bevorstehenden Parlamentswahl ist die Abstimmung unter den Sicherheitskräften besonders wichtig.

Wolfram Thöne arbeitet als deutscher Verbindungsoffizier beim OCCR. Der Oberst ist älter als die meisten afghanischen Offiziere, nicht nur deswegen zählt sein Wort hier. Auch gleichrangige Afghanen behandeln ihn mit großem Respekt. "Vielen Dank für die Unterstützung", sagt ein Offizier mit viel Gold auf dem Schultern am Ende des Lagevortrages. "Unser Freund Wulf", sagen die Afghanen oft. Sie nennen Thöne "Colonel Wulf" – der Oberst selbst hat sich diesen Spitznamen verpasst, weil er einfacher auszusprechen ist.