Die Internetplattform Wikileaks hat am Sonntag 92.000 geheime militärische Dokumente zum Afghanistan-Krieg veröffentlicht. ZEIT ONLINE zeigt in Auszügen, wie die internationale Presse auf die Veröffentlichung reagierte.

Süddeutsche Zeitung

"Es ist das Verdienst sachkundiger Journalisten des britischen Guardian , der New York Times und des Spiegel , dieses Dossier aufgearbeitet und gewichtet zu haben. Die Leistung liegt in der Verarbeitung einer ungeheuren Dokumentenflut. Darin stecken gar nicht so viele Sensationen. In der Tendenz belegen die Dokumente, was bereits bekannt war. Aber es gibt zahlreiche neue Details zu verarbeiten – über Pakistan, über die Raketengefahr für Flugzeuge, über das Ausmaß gezielter Tötungen durch amerikanische Kommandoeinheiten. Sensationell ist damit die Menge der Beweise für das Ausmaß an Resignation, das sich aus den Dokumenten herauslesen lässt. Die schiere Zahl der Meldungen von Misserfolgen zeigt, dass es über viele Jahre hinweg niemals gelungen ist, die grundlegende Dynamik des Konflikts zu verändern. So sehr sich die Ausländer auch abmühten, das Land wollte nie nach ihren Regeln funktionieren. Aber auch das ist eigentlich keine Neuigkeit mehr." – Stefan Kornelius

Der Standard

"Die Kritik an dem riskanten Einsatz wird in allen beteiligten Ländern zunehmen. Für die NATO, die nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Rolle in einer Art Weltpolizei sah, stellt sich damit die Legitimitätsfrage. Selbst wenn offiziell Durchhalteparolen verbreitet werden, so ist doch längst klar: Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen. Es werden Parallelen zum Vietnamkrieg deutlich: 1971 hat ein US-Gericht die Veröffentlichung geheimer Dokumente über die Lage in Vietnam erzwungen, inzwischen sorgt das Internet für Transparenz. Doch auch nach einem Rückzug der Militärallianz bleibt die Frage, welche Hoffnungen es für die Menschen in Afghanistan überhaupt noch gibt."

The Guardian

"Nichts schlägt rohes Material in seiner Fähigkeit, die Wahrheit zutage zu fördern. Diese Dokumente sind unverfälscht und brutal, und es wird einige Zeit benötigen, all ihre Implikationen zu verdauen. Sie beschreiben die Realität des Afghanistan-Krieges, inklusive – so scheint es – das weit verbreitete und zunehmend eingesetzte Mittel der gezielten Tötung. Im Gegensatz zu dem, was Regierungen gerne verbreiten, sind diese Operationen oft erfolglos und ziehen manchmal die Tötung von Verbündeten und Zivilisten nach sich. Man mag sagen, dass dies eine Tatsache moderner Kriegsführung sei, doch die Realität ist, dass scheinbar in den letzten 150 Jahren kein großer Fortschritt erzielt wurde." – Philippe Sands

La Repubblica

"Die Sterilisierung der Afghanistan-Einsätze war der Regierung Bush gut gelungen. Die Lektion des Vietnamkriegs, dass eine Schlacht zuallererst auf dem Feld der öffentlichen Meinung gewonnen wird und erst danach an der Front, hatte die Politik verstanden. Die Veröffentlichung der fast 100.000 geheimen US-Militärdokumenten auf der Internet-Enthüllungs-Plattform Wikileaks – Dokumente von Soldaten, Offizieren und Funktionären, die die Lüge nicht mehr aushalten – kann als eine große Offensive gesehen werden. Eine Offensive gegen die moralische Betäubung einer öffentlichen Meinung, die nicht sehen will, was in ihrem Namen geschieht. Sie ist sicherlich ein Sieg der Information gegen die Lüge. Doch unterdessen geht der Krieg in Afghanistan weiter, immer länger, immer schmutziger, immer weiter weg."

La CharenteLibre

"Diese Berichte der amerikanischen Armee zeigen einen schmutzigen Krieg auf, bei dem Doppelzüngigkeit und hinterhältige Schläge die Regel sind. So ist Pakistan, der erklärte Alliierte Washingtons, mit den Taliban-Chefs verbandelt. Das geht sogar so weit, Anschläge gegen offizielle Vertreter Afghanistans sowie gegen ... die amerikanischen Truppen zu organisieren. Der Iran, der offiziell 'neutral' ist, soll afghanischen Abgeordneten Millionen von Dollar an Schmiergeldern zahlen und gleichzeitig die Taliban militärisch unterstützen. Schließlich scheinen die sogenannten 'Kollateralschäden' bei der Bevölkerung weit größer zu sein, als dies die Koalition bisher zugegeben hat."

Wall Street Journal

"Von den vielen Nicht-Überraschungen in den Dokumenten erfahren wir, dass Krieg die Hölle ist ... , dass Soldaten manchmal Fehler machen, dass militärische Drohnen manchmal abstürzen, dass viele afghanische Politiker korrupt sind und dass afghanische Soldaten oft fliehen, wenn sie unter Beschuss geraten. All das wusste jeder Zeitungsleser bereits. Die Vor-Ort-Perspektive der Dokumente bestätigt, was amerikanische Politiker schon lange sagen: Der Krieg verläuft nicht gut, die Taliban holen auf und eine neue und neu belebte Strategie ist erforderlich. Sowohl die Bush- als auch die Obama-Regierung stellten dieselbe Diagnose in den vergangenen Jahren. Beide machten kein Geheimnis daraus. Dieses Jahr ließ Obama mit der Truppenaufstockung Taten folgen. ... Jetzt ist die Zeit, in der kühlere politische Köpfe die Dokumente in einen Kontext stellen ... und vor allem General Petraeus und James Mattis die Zeit geben sollten, die sie brauchen, um in Afghanistan den Erfolg zu bringen. Wir können uns keinen weiteren Anti-Kriegs-Sturm von links leisten." 

New York Times

"Ich habe nichts in den Dokumenten gesehen, das mich entweder überrascht oder mir etwas Bedeutendes berichtet. Die Dokumente enthüllen in der Tat ein paar spezifische Informationen, ... die viel Nervosität im Militär auslösen werden. Sie mögen gar dazu führen, dass ein paar Menschen sterben. Daher hat das Weiße Haus Recht, wenn es seinen Unmut über Wikileaks äußert. Dennoch – die meisten der Enthüllungen, die von Wikileaks-Gründer Julian Assange herumposaunt wurden, sind überhaupt keine. Sie sind lediglich weitere Beispiele für das, was wir bereits wussten. Die New York Times , der Guardian und der Spiegel haben nichts falsch gemacht, als sie die Dokumente überprüften und exzerpierten. Doch Wikileaks selbst ist eine andere Angelegenheit. Herr Assange sagt, er sei ein Journalist, doch das ist er nicht. Er ist ein Aktivist, und was seine Ziele sind, ist unklar. ... Wenn es sein Wunsch ist, Frieden zu fördern, dann sind Assange und seine Sorte Aktivist nicht so hilfreich, wie er glaubt." – Andrew Axum

Washington Post

"Die Neuigkeit in jenem massiven Datenhaufen ... ist, dass es überhaupt keine Neuigkeit gibt. Eine große Nachricht wäre gewesen, wenn diese Dokumente irgendwelchen Optimismus möglich gemacht hätten. Das wäre eine atemberaubende Umkehrung dessen gewesen, was derzeit schnell zur konventionellen Weisheit wird:

Der Krieg in Afghanistan kann nicht gewonnen werden – zumindest nicht so, wie 'gewinnen' derzeit definiert wird. Die Obama-Regierung wird nach außen hin die Wikileaks-Informanten jagen und sich von den veröffentlichten Informationen distanzieren, so wie sie auch sollte. (Regierungen dürfen ein paar Geheimnisse haben; sie brauchen sie, um uns zu beschützen.) Aber nachdem Obama tief durchgeatmet hat, dürfte er zu dem Schluss kommen, dass Wikileaks ihm einen Gefallen getan hat – insofern, als dass die Organisation das Unaussprechliche ausgesprochen hat. Und zwar nicht mit der angeblich gespalteten Zunge der Mainstream-Medien, sondern in den eigenen Worten der Soldaten. Dies wird die unvermeidbare Entscheidung einfacher machen. Barack Obama, der ein unemotionaler Mensch ist, wird den Afghanistan-Krieg herunterfahren – nicht nur, weil er das will, sondern weil er es muss. Dies ist – genauso wie die Neuigkeiten von Wikileak –  alles andere als eine Neuigkeit." – Richard Cohen