SicherheitspolitikDie Nato braucht Russland

Das westliche Verteidigungsbündnis muss sich 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges weiter nach Osten öffnen. Russland kann der Nato neuen Schwung bringen von 

Britische Soldaten marschieren bei einer Parade über den Roten Platz in Moskau

Britische Soldaten marschieren bei einer Parade über den Roten Platz in Moskau. Nato und Russland wollen künftig enger zusammenarbeiten  |  © Alexander Nemenov/AFP/Getty Images

Vor 20 Jahren – solange ist der Kalte Krieg schon Geschichte! – sagten Moskauer Politiker das baldige Ende des westlichen Bündnisses voraus: "Wir haben Euch Euren Feind genommen." So schnell ging es dann nicht. Aber heute hängt sogar die Zukunft der Nato davon ab, ob Russland darin einen Platz finden kann.

In wenigen Wochen will Nato-Generalsekretär Fogh Rasmussen den ersten Entwurf für ein neues Nato-Konzept formuliert haben, im November sollen die Nato-Spitzen es auf ihrem Gipfeltreffen in Lissabon absegnen. Aber schon jetzt ist klar: wenn darin nicht mehr stehen sollte als ein paar Durchhalte-Parolen für Afghanistan, Vorschläge für bessere politische Konsultation im Bündnis und die übliche Aufforderung an Moskau zu enger Zusammenarbeit, wird das Dokument der Nato keinen neuen Schwung verleihen, sondern ihren Stillstand bestätigen.

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Christoph Bertram
Christoph Bertram

ist Publizist; er war von 1974 an für acht Jahre Direktor des International Institute for Strategic Studies (IISS) in London, danach 16 Jahre ZEIT-Redakteur, u.a. als Ressortchef der Politik. Anschließend übernahm er die Leitung der Stiftung Wissenschaft und Politik und blieb acht Jahre dort. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv) »

Neuen Schwung könnte nur eines bringen: die Erklärung des Westens, Russland in das Bündnis aufzunehmen, wenn Moskau es will und die dafür erforderlichen Bedingungen erfüllt. Die Aufnahme der neuen Demokratien im Osten Europas in den neunziger Jahren machte aus der alten Nato den maßgeblichen europäischen Stabilitätsanker bis zur Grenze Russlands. Eine Beitritts-Einladung an Moskau gäbe ihr die Chance, zur umfassenden Sicherheitsstruktur zwischen Amerika, Europa und Russland zu werden.

Wenn dies bis heute nicht gelang, lag dies nicht nur an russischem Verhalten, sondern auch an der Ausdehnung der Nato nach Osteuropa. Der Kernfehler dieser Strategie war, dass sie an der Grenze Russlands aufhörte. Auch wenn westliche Politiker zu Recht beteuerten, die Expansion ihres Bündnisses sei nicht gegen Russland gerichtet, war das russische Misstrauen nur zu verständlich. Das eigens zur Vertrauensbildung geschaffene Organ, der Nato-Russland-Rat, konnte schon deshalb nichts bewirken, weil dort Russland allein dem geschlossenen Klub der Nato-Mitglieder gegenüber saß. In der bisher größten Krise seit Gründung des Gremiums, dem Georgien-Krieg 2008, wurden seine Sitzungen gar zur Strafe vom Westen vorübergehend boykottiert.

Nun fällt alten Strategen wie mir der Gedanke nicht leicht, Russland könnte einmal mit allen Rechten im Nato-Rat sitzen und dort, wie jedes andere Mitglied, sämtliche Entscheidungen mitbestimmen – oder sogar blockieren. Vor weniger als einem Jahre habe ich an dieser Stelle argumentiert, Russland sei nach Machtmentalität und Machtgebrauch nicht in Nato oder EU integrierbar.

Leserkommentare
  1. ... ich Ihnen nahezu komplett zustimme, bedenken Sie jedoch die demografische Situation in der sich Russland befindet.

    Russland mag politisch, strategisch und wirtschaftlich in einer günstigen Position sein... alleine es fehlt die Bevölkerung um dieses Potential auch zu nutzen.

    Insbesondere, da es gerade die jungen Russen nicht nach Sibirien zieht, sondern viel eher nach St. Petersburg, Kalinigrad oder gleich ganz ins Ausland, z.B. nach London.

    Demgegenüber steht der beständig wachsende demografische und wirtschaftliche Druck der kleineren Völker der ehem. UDSSR, der muslimischen Völker und vor allem Chinas.

    Antwort auf "Zweifel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Demographische Situation Russland verbessert sich, da diese nicht den gleichen Ursprung hat, wie die des Westens. Sollte der trend der letzten 10 Jahre anhalten, wird es in 10-15 Jahren wieder ein Bevölkerungswachstum geben.

  2. Die NATO hat sehr wohl einen Zweck: In der ganzen Welt die Interessen der Regierungen der Mitgliedsländer militärisch durchzusetzen.

    Für Imperialisten (neudeutsch: solche, die "weltweit Verantwortung übernehmen") wäre Rußland aus diesem Grunde ein attraktiveres Mitglied als Länder des "Alten Europas": In Rußland hat man traditionell wenig Skrupel, Soldaten und feindliche Zivilisten zu verheizen. Da will die deutsche Regierung ja auch wieder hin.

    Wenn nun Rußland überzeugt würde, mit Hilfe der NATO räuberisch erfolgreicher zu sein als ohne (und darauf deutet einiges hin), würde es vielleicht einer verbesserten Neuauflage des Hitler-Stalin-Paktes beitreten.

  3. 11. @areth

    "da wären die Russen schön blöd diesem verlierer Verein beizutreten. Die NATO ist ein Witz. Die Russen haben keine vorteile durch die NATO die brauchen nur Kanonfutter für ihre unüberlegten Kriege"

    dem ist nichts mehr hinzuzufügen !

  4. Er weiss nicht, dass der Überfall auf die UdSSR am 22.6.41 dem militärischem Angriff Stalins auf Westeuropa nur um Stunden (!) zuvor kam. Die Russen waren (wieder einmal) technisch nicht zurande gekommen. Der hist. Nachweis stammt von Prof.Mader "Der Wortbruch". Prof. Mader hat bereits die Teilung Polens am 23.8.39 durch Vorlage der paraphierten Teilungskarte nachgewiesen. Es ist doch schön, wenn es noch Historiker gibt, die den Nachweis durch Beweismittel kennen und nutzen. Philosofen sind andere. Wer das rohstoffreiche Russland wieder mit aufrüstet, neu organisiert u. moralisch stärkt, wird sich nicht etwa einem normalen Nato-Mitglied gegenüber sehen, sondern einem primus non inter pares. Das ist ja das Verfluchte an Russland: Seit Katharina aus Zerbst
    kannten die nur den Vorwärtsgang im Erobern. Diese Eigenart
    hat ihnen die Kriegsniederlage 1917 gebracht und die Okto-
    berrevolution, die ihnen der dt. Generalstab mit Lenin ge-
    schickt hatte. In einem Sonderzug Schweiz-Sankt Petersburg.

  5. Hatten die Russen vor dem verlierer Nato keine Angst ? Ich glaube, die Nato hat "gesiegt". Die Russen sind 1994 aus der
    DDR weg, die UdSSR ist untergegangen. Die Polen sind Nato-
    Mitglied, andere wollen es noch werden. Herr Schön_ , so sehen
    strategische Niederlagen aus. Die UdSSR ist an Schwäche ge-
    storben, es war kaum zu glauben. Aber so kommt es oft im Leben, die Wirklichkeit kann durch Transparente und Paraden
    nicht kaschiert werden.

  6. Der Kommentar überzeugt durchaus. Die Mitgliedschaft Russlands in der NATO wäre eine mittelfristige Option (Strategie), die langfristig zur Erhöhung der Sicherheit in Europa führen könnte.

    Eine Aufnahme Russlands in die NATO ist gegenwärtig allerdings mit Bedingungen zu verbinden, die nicht Hals-über-Kopf umzusetzen sind. Es erscheint aber trotzdem konsequent, wenn wir auf eine weitere Entwicklung Russlands in Richtung Demokratie setzen, schon jetzt eine engere Partnerschaft anzubieten, die zur Vollmitgliedschaft in der NATO führt.

    Bevor eine Vollmitgliedschaft umzusetzen ist, erscheint es mir notwendig, innerhalb der NATO zunächst das europäische Gewicht deutlich zu erhöhen. Ansonsten würde sich bei einem Beitritt Russlands in der NATO möglicherweise rasch eine amerikanisch-russische Achse herausbilden, die auf die europäischen Interessen noch weniger Rücksicht nimmt, als es gegenwärtig in der US-dominierten (aber notwendigen) NATO der Fall ist.

  7. Ach, Sie!

    Ich habe viele IISS-Beiträge und -Publikationen seit meinem 16. Lebensjahr gelesen, insofern ist mir Bertram nicht unbekannt.

    Ich teile seine Einschätzungen und wie er, sehe ich den Vorteil eines gemeinsamen militärischen Bündnisses. Aber ich denke, ein milit. Bündnis erscheint fast immer positiv. Wären wir alle milit. verbündet, gäbe es viele Vorteile. Bündnisse lassen sich daher äußerst positiv werten, auch wirklichkeitsfern.

    Die Demokratie spielt in der NATO keine Rolle, hatten es die anfänglich diktatoristischeren Italiener, Griechen und Türken doch bis 18.2.1952 hinein geschafft.

    Nein, Russland wird sich davor hüten der NATO beizutreten. Nicht Russland braucht die NATO, sondern die NATO Russland, um sich auf Zentralasien zu konzentrieren. Russland aber braucht die westliche Rivalität, das weiß der Autor bestimmt. Desweiteren arbeitet Russland enger mit China in Zentralasien zusammen, was sie als deren Interessenssphäre wahrnehmen, die allenfalls von den amerikanischen oder indischen, vielleicht iranisch gestört werden könnte.

    Es ist also nur ein netter Gedanke, eine gute Erinnerung, was der Autor schreibt.

    Im übrigen glaube ich nicht, dass die NATO verschwinden wird. Wie an dem Autor erkennbar, der mgw. zu lange die alte NATO vor Augen hatte, hat sie sich bloß gedreht, gewandelt. Epische Wandel brauchen Zeit. Und militärische Bündnisse werden in Zeiten des Friedens (terroristische Konflikte sind keine Kriegszustände) natürlich vernachlässigt.

    Antwort auf "NATO nein dank"
  8. 16. keine

    Die Demographische Situation Russland verbessert sich, da diese nicht den gleichen Ursprung hat, wie die des Westens. Sollte der trend der letzten 10 Jahre anhalten, wird es in 10-15 Jahren wieder ein Bevölkerungswachstum geben.

    Antwort auf "Obwohl..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... was ich bislang diesbezüglich gelesen habe.

    Haben Sie vielleicht Quellenangaben für Ihre Anmerkung, oder weiterführende Links?

    Das würde mich schon interessieren.

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