Venezuela Guerillas im Sommercamp

Venezuelas Streit mit Kolumbien über die Farc-Rebellen schadet nicht nur der diplomatischen Beziehung. Auch im Land verliert Hugo Chávez an Glaubwürdigkeit.

Zeigte sich auf der Pressekonferenz in Caracas mit Argentiniens Fußballlegende: Venezuelas Präsident Hugo Chávez mit Diego Maradona

Zeigte sich auf der Pressekonferenz in Caracas mit Argentiniens Fußballlegende: Venezuelas Präsident Hugo Chávez mit Diego Maradona

Luis Alfonoso Hoyos nahm kein Blatt vor den Mund. Die Guerillagruppen Farc und ELN unterhielten auf venezolanischem Territorium insgesamt 87 Lager, in denen sie neue Angriffe auf seine Heimat vorbereiteten, sagte der kolumbianische Botschafter vor der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Washington. Dann präsentierte er den Vertretern der 34 Mitgliedsländer Videos, Karten und Fotos. Sie sollten beweisen, dass die venezolanische Regierung bis zu 1500 kolumbianische Guerilleros in ihrem Territorium duldet.

Kaum hatte Hoyos seinen Auftritt beendet, trat Venezuelas Präsident Hugo Chávez in Caracas vor die Presse. Venezuela breche die diplomatischen Beziehungen mit Kolumbien ab. Hoyos' Chef, der scheidende kolumbianische Präsident Álvaro Uribe, sei ein "Kranker", ein "Mafioso", ein "Lügner". Uribe sei fähig, im venezolanischen Dschungel ein falsches Guerillacamp zu errichten, um einen Krieg zwischen beiden Nationen auszulösen. "Wir werden nicht hinnehmen, dass unsere Souveränität verletzt wird", sagte Chávez und ordnete erhöhte Alarmbereitschaft für die Truppen an der Grenze an.

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Es handelt sich um eine Krise auf Ansage: "Wir erlauben es nicht, dass der Terrorismus Zuflucht findet", hatte Uribe vergangene Woche in seiner Abschiedsrede vor dem Kongress gesagt. Kurz darauf zeigte Uribes Verteidigungsminister Gabriel Silva Videos, auf denen mehrere bekannte Farc-Kämpfer, darunter ein Mitglied des engsten Führungszirkels, Iván Márquez, in Lagern auf venezolanischem Boden zu sehen sein sollen. Hoyos legte in der OAS-Dringlichkeitssitzung noch einmal nach. Sein Vorschlag, eine internationale Untersuchungskommission nach Venezuela zu entsenden, wurde von den übrigen OAS-Staaten ignoriert.

Kolumbien habe der Regierung von Präsident Chávez genaue Informationen und Koordinaten übergeben, um gegen die Rebellen vorzugehen. Diese habe, statt zu kooperieren, mit "Beleidigungen und Spott" geantwortet, sagte Hoyos. Die kolumbianischen Guerillakämpfer fühlten sich im Nachbarland wie "in einem Sommerlager, sie werden dick, ruhen sich aus, und bereiten neue Angriffe auf Kolumbien vor." Hoyos' Beweismaterial war neu, seine Vorwürfe und die Reaktion Venezuelas sind es nicht.

Im März 2008 erbeuteten kolumbianische Soldaten während eines Angriffs auf das Lager des Farc-"Außenministers" Raúl Reyes in Ecuador dessen Computer. Die Ermittler fanden darin belastende Dokumente über die Verbindungen der von USA und EU als terroristisch eingestuften Farc mit den Regierungen in Caracas und Quito. Hugo Chávez zog damals schon einmal seinen Botschafter aus Bogotá zurück und schloss die Grenze zum Nachbarland. Den florierenden Handel zwischen beiden Ländern traf das hart: Die kolumbianischen Exporte ins Nachbarland erwirtschafteten im Jahr 2008 noch 6 Milliarden Dollar – im kommenden Jahr werden sie auf voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar fallen.

Chávez verliert wegen seiner Blockadehaltung zunehmend an Glaubwürdigkeit. Die Präsenz von ELN und Farc in Venezuela ist ein offenes Geheimnis, über das aus Angst vor Repressalien niemand spricht. In den Grenzgebieten Apure und Tachira erpressen die Rebellen Schutzgeld und entführen diejenigen, die nicht zahlen wollen. Opfer sind Geschäftsleute, aber auch Viehzüchter und Landwirte. Deren Verband Fedenaga gab im August vorigen Jahres die genauen Standorte von drei Farc-Lagern in Apure bekannt. "Die Bevölkerung ist höchst besorgt, insbesondere die Landwirte, weil sie von der Guerilla erpresst werden", sagte der damalige Fedenaga-Präsident Genaro Méndez. Sein Gremium habe die Sicherheitskräfte informiert, "diese wollten aber nicht handeln", sagt Méndez. Mittlerweile hat Fedenaga einen neuen Präsidenten. An den anarchischen Zuständen an der über 2000 Kilometer langen, schwer zu überwachenden grünen Grenze zu Kolumbien hat sich nichts geändert.

ELN und Farc hätten ihre Einflussgebiete in den venezolanischen Grenzregionen abgesteckt, sagt der Generalsekretär der oppositionellen COPEI-Partei, José Manuel Solorzano, und beruft sich auf Recherchen seiner Partei. Im Süden Tachiras und Westen von Apure dominierten die Kämpfer der ELN, im Westen von Apure die Farc, sagt der Chávez-Kritiker zu ZEIT ONLINE. "Die Bevölkerung lebt in Angst, viele fliehen. Der venezolanische Staat glänzt durch Abwesenheit." COPEI habe im Mai 2008 Anzeige erstattet, um eine Untersuchung der Zustände in den Grenzgebieten ins Rollen zu bringen, sagt Solorzano. "Ich bin seitdem siebenmal bei der Staatsanwaltschaft gewesen. Passiert ist trotzdem nichts."

Ein möglicher Grund für das Desinteresse ist die ideologische Nähe zwischen dem venezolanischen Präsidenten, der einen – nur unscharf definierten – Sozialismus des 21. Jahrhunderts anstrebt, und den marxistischen Farc. "Chávez glaubt nicht, dass die Farc Terroristen sind", sagt der venezolanische Politikwissenschaftler Miguel Latouche. "Er sieht sie als nicht-konventionelles Heer, das in Kolumbien einen Befreiungskrieg gegen eine illegitime Oligarchie führt."

Chávez Widersacher Uribe verlässt sein Amt am 7. August mit einem Paukenschlag. Es liegt an seinem Nachfolger Juan Miguel Santos, die Beziehungen wieder zu richten: Die Kolumbianer haben den früheren Verteidigungsminister zum Präsidenten gewählt, weil er den Krieg gegen die Farc fortsetzen will, andererseits aber eine Normalisierung der Beziehungen zu Venezuela und Ecuador versprach.

Er hoffe, dass Santos helfen werde, "zum Weg der Vernunft zurückzufinden", sagte Chávez nach der OAS-Sitzung. Der venezolanische Präsident wurde bei seinem Auftritt von seinem Freund, der Fußball-Legende Diego Maradona begleitet. "Ich bleibe mit ihm bis zum Tod", sagte Maradona. "Ich höre ihm zu, wie er seine Positionen verteidigt und ich finde ihn großartig."
 

 
Leser-Kommentare
  1. einer der letzten Dinosaurier einer sich selbst überlebten Gattung von unbelehrbaren Ideologen.
    Er hat es verstanden die einfachen Bauern und Arbeiter durch eine Art von "harter, ehrlicher Mann" für die Wahlen zu binden und lässt nun, in dem Versuch den Land ein sozialistisches Gesicht zu geben selbiges ins Abseits treiben. Und auch dieses mal wird der Versuch Schiffbruch erleiden, wie schon alle Sozialistischen Republiken oder andersweitig getarnten Diktaturen.

    Und so lange ich ideologisch ähnliche Feinde eines Widersachers unterstütze muss ich mich zumindest nicht mit dem Problem beschäftigen.

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    mit ihrer Feststellung: "einer der letzten Dinosaurier einer sich selbst überlebten Gattung von unbelehrbaren Ideologen".
    Chavez ist leider nicht einer der letzten Dinosaurier, die Sorte vermehrt sich immer wieder neu.
    Die Dummheit stirbt nicht aus – und der Sozialismus aus demselben Grund auch nicht…

    • sucre
    • 23.07.2010 um 22:18 Uhr

    Alle, die Venezuela kennen und lieben treibt es die Tränen in die Augen, wenn sie sehen, was aus diesem Land in den letzten 10 Jahren geworden ist. Dort herrschen Gewalt und hemmungslose Brutalität. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und vielleicht frisst die Revolution ihre Kinder und Chavez (der seine Exfrau regelmäßig schlug) findet ein schreckliches Ende. Saddam Hussein lässt grüßen. Und alle, die von Berlin oder Hintertupfingen aus sogenannten Entwicklungs- oder Schwellenländern den Sozialismus verordnen wollen, sollte man einen onewayflug nach Caracas schenken. Und dort dann aussetzen, ohne Geld und ohne Waffen.

    mit ihrer Feststellung: "einer der letzten Dinosaurier einer sich selbst überlebten Gattung von unbelehrbaren Ideologen".
    Chavez ist leider nicht einer der letzten Dinosaurier, die Sorte vermehrt sich immer wieder neu.
    Die Dummheit stirbt nicht aus – und der Sozialismus aus demselben Grund auch nicht…

    • sucre
    • 23.07.2010 um 22:18 Uhr

    Alle, die Venezuela kennen und lieben treibt es die Tränen in die Augen, wenn sie sehen, was aus diesem Land in den letzten 10 Jahren geworden ist. Dort herrschen Gewalt und hemmungslose Brutalität. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und vielleicht frisst die Revolution ihre Kinder und Chavez (der seine Exfrau regelmäßig schlug) findet ein schreckliches Ende. Saddam Hussein lässt grüßen. Und alle, die von Berlin oder Hintertupfingen aus sogenannten Entwicklungs- oder Schwellenländern den Sozialismus verordnen wollen, sollte man einen onewayflug nach Caracas schenken. Und dort dann aussetzen, ohne Geld und ohne Waffen.

  2. Wunderbar Diego, Du liebst Chavez. Wie wärs Du schnekst dann den Großteil Deines Vermögens den Armen in Argentinien, denn so funktioniert Kommunismus. Wenn du dazu nicht bereit bist (was verständlich wäre), dann halt einfach Dein Maul und unterstütz nicht diesen Despoten.
    Bitte achten Sie trotz Kritik auf einen angemessenen Sprachstil. Danke, die Redaktion/vv

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    [...]. Zuerst würde ich mal Wikipedia nach dem Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus befragen. Wenn Sie das verstanden haben, beschäftigen Sie sich mal mit der Entwicklung Venezuelas in den letzten Jahren und vergleichen dies z.B. mit der Kolumbiens. Dann versuchen Sie die diversen Interessen in dieser Region zu verstehen und dann beurteilen Sie Chavez nochmal.
    Bitte verzichten Sie auf provokante Äußerungen. Danke, die Redaktion/vv

    [...]. Zuerst würde ich mal Wikipedia nach dem Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus befragen. Wenn Sie das verstanden haben, beschäftigen Sie sich mal mit der Entwicklung Venezuelas in den letzten Jahren und vergleichen dies z.B. mit der Kolumbiens. Dann versuchen Sie die diversen Interessen in dieser Region zu verstehen und dann beurteilen Sie Chavez nochmal.
    Bitte verzichten Sie auf provokante Äußerungen. Danke, die Redaktion/vv

  3. [...]. Zuerst würde ich mal Wikipedia nach dem Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus befragen. Wenn Sie das verstanden haben, beschäftigen Sie sich mal mit der Entwicklung Venezuelas in den letzten Jahren und vergleichen dies z.B. mit der Kolumbiens. Dann versuchen Sie die diversen Interessen in dieser Region zu verstehen und dann beurteilen Sie Chavez nochmal.
    Bitte verzichten Sie auf provokante Äußerungen. Danke, die Redaktion/vv

  4. Wen Sie Chavez positiv sehen, endet hier die Diskussion, mehr ist dazu nicht zu sagen! ich bin es leid mit Kommunisten das "positive" an kommunistischen Dikatoren rauszuklamüsern. Venezuela ist mittlerweile runtergewirtschaftet, die Menschen sind entrechtet und die Vermögensgegenstände gehören (wie immer im "realen" Kommunismus) nicht dem Volk sondern ein paar wenigen Bürokraten. Es war noch nie anders in der Geschichte, ausser im Stalinismus und in Nordkorea, da war/ist es noch deutlich schlimmer.

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    Ich bin sicherlich kein großer Fan von Chavez, allerdings haben Sie ganz offensichtlich absolut keine Ahnung von den Umständen der Region bzw. dem Land selbst.

    Bildungslektüre: Tariq Ali: Piraten der Karibik

    Reine Fakten und Zahlen, egal ob von einem Neoliberalisten oder Sozialisten geschrieben, können selbst Sie mit Ihrer engstirnigen und einseitigen Weltsicht nicht zerreden.

    Ich bin sicherlich kein großer Fan von Chavez, allerdings haben Sie ganz offensichtlich absolut keine Ahnung von den Umständen der Region bzw. dem Land selbst.

    Bildungslektüre: Tariq Ali: Piraten der Karibik

    Reine Fakten und Zahlen, egal ob von einem Neoliberalisten oder Sozialisten geschrieben, können selbst Sie mit Ihrer engstirnigen und einseitigen Weltsicht nicht zerreden.

  5. Wie schön, es wäre auch zuviel verlangt sich mit der Situation abseits von platten Ideologien zu beschäftigen. Das kann Ihnen ja keiner zumuten...

  6. mit ihrer Feststellung: "einer der letzten Dinosaurier einer sich selbst überlebten Gattung von unbelehrbaren Ideologen".
    Chavez ist leider nicht einer der letzten Dinosaurier, die Sorte vermehrt sich immer wieder neu.
    Die Dummheit stirbt nicht aus – und der Sozialismus aus demselben Grund auch nicht…

    Antwort auf "Chavez ist.."
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    Dummheit, das ist wohl eher die (willentliche?) Ignoranz der Zustände, die Ihr geliebtes System für andere Mitmenschen schafft - systembedingt.

    "Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heisst, ein Kind, das heute an Hunger stribt, wird ermordet." (Jean Zigler, UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung, 2008)

    "Im Jahr 2007 hatten 923 Millionen Menschen keine ausreichende Ernährung, das sind noch einmal 73 Millionen mehr als im Vorjahr. An den Folgen von Unterernährung sterben TÄGLICH 13.000 Kinder, 25.000 Menschen insgesamt." (UN-Welternährungsbericht, 2008)

    Sicher ist Chavez zu kritisieren, er hat aber auch einiges erreicht. Die Diskussion sollte daher sachlicher sein als schlicht "dumm" oder "genial" zu brüllen.

    Dummheit, das ist wohl eher die (willentliche?) Ignoranz der Zustände, die Ihr geliebtes System für andere Mitmenschen schafft - systembedingt.

    "Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heisst, ein Kind, das heute an Hunger stribt, wird ermordet." (Jean Zigler, UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung, 2008)

    "Im Jahr 2007 hatten 923 Millionen Menschen keine ausreichende Ernährung, das sind noch einmal 73 Millionen mehr als im Vorjahr. An den Folgen von Unterernährung sterben TÄGLICH 13.000 Kinder, 25.000 Menschen insgesamt." (UN-Welternährungsbericht, 2008)

    Sicher ist Chavez zu kritisieren, er hat aber auch einiges erreicht. Die Diskussion sollte daher sachlicher sein als schlicht "dumm" oder "genial" zu brüllen.

  7. Süd- und Mittelamerika sind seit über einem halben Jahrhundert Schauplätze eines brutalen Krieges der Ideologien, wobei die ideologischen Dinosaurier in Washington insgesamt deutlich mehr Dreck am Stecken haben als diejenigen, die mit Hilfe der sozialistischen Ideologie der einfachen Bevölkerung zu ein wenig mehr Teilhabe verhelfen wollen.

    Vor dem Hintergrund dieses Ideologiekrieges sind auch sämtliche Artikel über Chavez zu sehen, die in den letzten Jahren in der Zeit erschienen sind. Propaganda eben.

    Meine Symphatien mit Chavez halten sich mehr und mehr in Grenzen. Der Informationswert solcher extrem kurzer und extrem einseitiger Artikel über eine extrem undurchsichtige und komplexe Situation tendiert jedoch leider gegen Null.

    Aber für das sehr schöne Foto mit Maradona möchte ich mich bedanken. Hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, ich habe es mir aber trotzdem für meine private Sammlung kopiert.

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    • lepkeb
    • 23.07.2010 um 10:53 Uhr

    trifft wie die Faust aufs Auge. Aber an den Kommentaren sieht man ja, dass er sein Ziel erreicht.

    • lepkeb
    • 23.07.2010 um 10:53 Uhr

    trifft wie die Faust aufs Auge. Aber an den Kommentaren sieht man ja, dass er sein Ziel erreicht.

  8. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlich argumentierten Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

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