Bei einem Taliban-Angriff im Nordosten Afghanistans sind nach Angaben der Polizei eine deutsche Ärztin und sechs amerikanische Mitarbeiter einer christlichen Hilfsorganisation getötet worden. Ein weiterer ausländischer und zwei afghanische Mitarbeiter der Augenklinik seien ebenfalls erschossen worden, sagte der Polizeichef der Provinz Badachschan, Agha Nur Kentus. Die Taliban bekannten sich zu der Tat.

Die Opfer arbeiteten nach Angaben der Polizei für die Augenklinik Noor in Kabul. Sie gehörten zur christlichen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM). IAM-Direktor Dirk Frans sagte, vermutlich seien sechs Amerikaner, ein Deutscher, ein Brite und zwei Afghanen getötet worden. Sie hätten in der Region medizinische Hilfe geleistet. Offiziell bestätigen könne IAM den Tod aber erst nach einer vollständigen Untersuchung.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte per Telefon, es habe sich um "christliche Missionare" gehandelt, die Geheimdienstinformationen in der Gegend gesammelt hätten. "Wir haben Spionagedokumente bei ihnen gefunden." Zu dem Vorfall kam es nach Angaben der Polizei am Donnerstag in einer entlegenen Bergregion im Grenzgebiet zwischen der relativ ruhigen Provinz Badachschan und der weitaus gefährlicheren Provinz Nuristan.

Das Auswärtige Amt hat inzwischen bestätigt, dass bei dem Überfall eine Deutsche getötet worden ist. Die Bundesregierung dringe auf eine "gründliche Aufklärung der Umstände dieses feigen Mordes" und gemeinsam mit den aghanischen Behörden auf eine Bestrafung der Urheber des Verbrechens, sagte eine Sprecherin der Bundesregierung.

Die Sprecherin der US-Botschaft in Kabul, Caitlin Hayden, sagte: "Wir haben Grund zu der Annahme, dass mehrere amerikanische Staatsbürger unter den Verstorbenen sind." Die Botschaft arbeite mit den afghanischen Behörden aber noch daran, die Identität der Opfer zu ermitteln.

IAM teilte auf seiner Homepage mit, vermutlich seien die Opfer einheimische und ausländische Angehörige eines mobilen Augenarzt-Teams. Nach ihrer medizinischen Arbeit in der Provinz Nuristan, die an Badachschan angrenzt, sei die Gruppe auf dem Rückweg nach Kabul gewesen. Man hoffe, dass "diese Tragödie" nicht dazu führe, dass IAM nach 44 Jahren im Land die Arbeit einstellen müsse.

Polizeichef Kentus hatte zunächst für Verwirrung gesorgt, da er von sechs getöteten Deutschen, zwei Amerikanern und zwei Afghanen gesprochen hatte. Nachdem die Leichen geborgen waren, korrigierte er seine Angaben. Kentus sagte, ein Afghane aus der Gruppe, der den Überfall überlebte, habe sich zur Polizei durchgeschlagen.

Kentus sagte unter Berufung auf den überlebenden Afghanen namens Sayedullah: "Die Angreifer, die alle lange Bärte hatten, durchsuchten die Ausländer erst und erschossen sie dann." Die Leichen seien neben den Geländewagen der Opfer gefunden worden. In der Region sind neben Aufständischen auch kriminelle Banden aktiv.

Die Provinz Nuristan grenzt im Osten an Pakistan an und gilt in weiten Teilen als unsicher. Nördlich von Nuristan liegt die verhältnismäßig ruhige Provinz Badachschan. Badachschan gehört zum Verantwortungsbereich der Bundeswehr in Nordafghanistan. Nuristan ist Teil des amerikanisch geführten Regionalkommandos Ost der Internationalen Schutztruppe ISAF.