Afghanistan Verschiebt die Wahlen!
Freie und faire Wahlen wird es in Afghanistan nicht geben. Beamte fälschen Ergebnisse, Warlords bedrohen Kandidaten. Am Ende gewinnen so nur die Taliban.
© Yuri Cortez/AFP/Getty Images

Ein Afghane geht in Kabul an einem Wahlplakat vorbei. 2500 Kandidaten haben sich registrieren lassen
In wenigen Wochen sollen die Afghanen über die Zukunft ihres Landes entscheiden. Bereits jetzt sind mehr als 2500 Afghanen im Land unterwegs, um im Wahlkampf um Stimmen zu werben. Am 18. September wählen die Afghanen die 249 Abgeordneten des Parlaments. Die Kandidaten verbringen mehrere Wochen auf einigen der gefährlichsten Straßen der Welt. Viele der Wahlkämpfer gehen ein hohes Risiko ein – vor allem die Frauen. Einige Politiker werden Opfer von Gewaltverbrechen, möglicherweise sogar ermordet werden.
Fast alle Kandidaten werden sich nach der Wahl fragen, ob sich das Risiko gelohnt hat. Die Antwort lautet schlicht: Nein.
Das belegen die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr, als die Präsidentschafts- und Provinzratswahlen von massivem Wahlbetrug und beispielloser Gewalt begleitet wurden. Nun, so scheint es, wird die internationale Gemeinschaft erneut versäumen, die Fehler des afghanischen Wahlsystems zu korrigieren. Das gleicht einem Todesstoß gegen die fragilen afghanischen Institutionen und vermindert jegliche Möglichkeit des politischen Fortschritts.
Obwohl sich die Sicherheitssituation auf einem historischen Tiefpunkt befindet, wird am Termin der Parlamentswahl festgehalten. Dabei ist es endlich an der Zeit zuzugeben, dass angesichts des unfairen Wahlsystems und der mangelnden Transparenz eine Verschiebung der Parlamentswahl die beste Lösung wäre.
Die afghanischen Wähler haben den Morddrohungen der vergangenen Präsidentschaftswahl getrotzt. Doch seither hat sich die Sicherheitssituation im Land erheblich verschlechtert. Gleichzeitig ist die Regierungsarbeit wegen eines erbitterten Machtkampfs zwischen Präsident und Parlament zum Stillstand gekommen. Und obwohl die Wahl-Beschwerdekommission EEC im vergangenen Herbst mehr als eine Million Stimmen für Karsai wegen des massiven Wahlbetrugs für ungültig erklärte, wurden bisher kaum Reformen durchgeführt. So blieb die Wählerregistrierung fehlerhaft und viele der Beamten, die den Betrug bei der vergangenen Wahl unterstützten, sind weiterhin im Amt. Dennoch gab die internationale Gemeinschaft ihr Vetorecht bei der Beschwerdekommission auf. Dadurch haben jetzt wenige von Karsai ausgewählte Beamte die Möglichkeit, das endgültige Wahlresultat zu beeinflussen.
Beunruhigend ist zudem, dass das Zulassungsverfahren, um Kriminelle von den Wahlurnen fernzuhalten, unter dem Druck der afghanischen Machthaber zusammengebrochen ist. Hochrangige Afghanen hatten ursprünglich Beschwerden gegen mehr als 300 nominierte Kandidaten eingereicht, die unter dem Verdacht standen, in illegalen bewaffneten Gruppen mitzuwirken oder sie zu unterstützen. Die Liste der von den Wahlen ausgeschlossen Kandidaten wurde letztendlich jedoch von der zur Regierung Karsai gehörende Zulassungskommission auf 13 Personen heruntergekürzt. Die EEC bezeichnete dieses Vorgehen daraufhin als "fragwürdig". Nach langem Hin und Her wurden schließlich 31 Kandidaten aufgrund ihrer Verbindungen zu bewaffneten Gruppen von der Wahl ausgeschlossen. Viele Kriegsherren können also weiterhin ungehindert kandidieren. Was fehlt ist ein entschiedenes Eingreifen durch die internationale Gemeinschaft. Denn momentan haben die Kandidaten, die nicht vor Bestechung oder Einschüchterung der Konkurrenten zurückschrecken, die beste Chance.
Alles in allem scheint sich die internationale Gemeinschaft selbst zum Scheitern zu verurteilen. Im Frühling brachte Karsai die Wahlkommission EEC per Dekret um fast alle ihre Befugnisse. Er wollte sich selbst dazu ermächtigen, die Mitglieder selbst ernennen zu können. Von den Diplomaten in Kabul kam nur wenig Protest. Glücklicherweise widersetzte sich das afghanische Parlament dem Präsidenten. Aber die Bereitschaft anderer Staaten, eine Wiederholung des Wahlbetrugs und der begangenen Fehler zu tolerieren, lässt ein unheimliches Déjà-vu-Gefühl aufkommen.
Sollte die Wahlkommission es jetzt nicht schaffen, der Öffentlichkeit einen Plan vorzulegen, der zur Verhinderung von Betrug sowie zur Anerkennung von Beschwerden dient, wird die Wahl im September in einer Katastrophe enden.
Die Entscheidung der EEC, 900 Wahllokale – vorwiegend im Süden und Osten des Landes – zu schließen, hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Sie ist einerseits ein ermutigendes Zeichen dafür, dass afghanische Beamte, sowie auch die Koalitionspartner, die Sicherheit der Wahlen dieses Mal viel ernster nehmen. Aber die Entscheidung ist auch ein Warnsignal: Sollten wegen der schlechten Sicherheitslage noch mehr Wahllokale in letzter Minute geschlossen werden, könnte dies zu einem massiven Wahlrechtsentzug führen. In den vorwiegend von Taliban kontrollierten Gebieten wie Kandahar und Helmand – zwei strategisch entscheidende Provinzen – würde die Schließung von Wahllokalen bedeuten, dass Tausende von Afghanen ihre lokalen Parlamentsmitglieder nicht wählen könnten. Das ist besorgniserregend, zumal die USA und die Nato besonderen Wert auf die Stärkung der lokalen Regierungen auf Provinzebene legen. Diese können immer noch am besten auf die Bedürfnisse der afghanischen Bevölkerung reagieren.
Viele Afghanen stehen demokratischen Prozessen mittlerweile sehr skeptisch gegenüber. Umfragen sowie Nachforschungen der International Crisis Group haben jedoch gezeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung es immer noch vorzieht, mitentscheiden zu können von wem sie wie regiert wird. Auch wenn dies nur in einem beschränkten Ausmaß möglich ist, halten die Afghanen es für immer noch besser, als gar nicht mitbestimmen zu können. Sie sind sich auch dessen bewusst, dass Parlamentsmitglieder für die Vertretung ihrer täglichen Interessen weitaus wichtiger sind als der Präsident oder die politisch machtlosen Provinzräte.
Wenn die internationale Gemeinschaft nicht sicherstellen kann, dass die Wahlen frei und fair ablaufen, dann müssen diese verschoben werden, und zwar bis die nötigen Reformen in Gang kommen. Andernfalls verhilft man den Aufständischen erneut zu einem leichten Erfolg.
Candace Rondeaux ist Senior Analyst bei der International Crisis Group in Afghanistan
- Datum 27.08.2010 - 17:52 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Eine Besatzungsdemokratie? Das Land ist noch nicht einmal für einen Staat bereit, man trenne sich besser in Frieden und gehen den Rest langsam an. Wir sind die Fremden und nicht die Taliban!
die Unterdrückung der Frauen beseitigen,
den Menschen durch Besatzung und Tötungen die wunderbaren westlichen Werte beibringen,
und dann solange in dem Land bleiben und Wahlen verhindern,
bis die richtig demokratischen Kandidaten vorhanden sind und die richtige Regierung vom Volk gewählt wird.
Tut mir leid, ich kann nur noch polemisch und zynisch, wenn ich solche Artikel lese.
In den bergen Afghanistans kämpfen die Taliban und Teile der Mudschahidin und dann sollte es doch kein Problem für bestimmte Kräfte sein die anstehenden Wahlen genauso zu fälschen, wie bereits geschehen.
In Afghanistan gibt es keine funktionierende Demokratie.
In der westlichen Welt sollte aufgehört werden mit verschwommenden Augen in die muslimische Welt zu sehen.
Die Maßstäbe sind einfach andere.
Orpheus
Situationen.
Das Volk so lange und so oft waehlen lassen bis den Herrschenden das Ergebnis gefaellt.
dass man ein Land mit Bomben aus dem Mittelalter herausholen kann ?
Natürlich niemand, jedoch etliche waren da, die Bomben zu verkaufen hatten und nicht mehr so recht wussten, wo die fast unverderbliche Ware wohl sonst noch zu nutzen wäre.
Wir produzieren Waffen, seht zu, dass ihr sie einsetzt !
LG
Halliwell
Was gehen uns die inneren Angelegenheiten dieses Staates an? Wir sind da für amerikanische Geointeressen, das ist alles. Die Afghanische Gesellschaft wollen wir nicht reformieren.
zeit.de kriegt keinen Klick mehr von mir. Abschicken-Button war nach der Mitte meines Textes tot.
die Situation in Afghanistan ist zum Heulen: Ein Land seit den 70ern des letzten Jhndt´s im Krieg, dann kommt der Westen und macht ALLES falsch! Kein Gesamtkonzept, kein temporäres Handelsabkommen um dem Land auf die Sprünge zu helfen etc. ...
genausowenig wie es "gemäßigte" Taliban gibt, kann es in Afgh. z. Zeit freie Wahlen geben! Für die westlichen involvierten Nationen gäbe es nur zwei Optionen: 1.Die Afghanen zu Demokratie zwingen, was allerdings die Entmachtung aller Herrschenden sowie ein stehendes Besatzungsheer von ca. 2 Mio. Mann erfordert und einen LANGEN Atem...sowie ein internationales Konzept.
2. Rückzug verbunden mit einem mea culpa aller Beteiligten Militärs.
Aber das wären ja beides verfahrensweisen, die von Konsequenz zeugten! Von daher machen DIE weiter wie bisher, und sehen zu wie dieses Land in die nächste Katastrophe schliddert! SO werden wir die Welt nicht von westl. Werten überzeugen, daran ändern auch diese sog. "Wahlen" nix!
MfG
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