Reformpolitik Großbritanniens heimliche Allparteien-Allianz

Revolutionär und entschlossen: Die britische Regierung legt ein atemberaubendes Tempo vor – und bindet geschickt Reformer des politischen Gegners ein.

Die "kühnste Regierung des Westens" taufte der Economist die Koalition von Tories und Liberaldemokraten, beeindruckt von der ebenso rasanten wie radikalen Gangart der britischen Regierung, die nun die Schwelle der ersten 100 Tage erreicht hat. Allein die Tatsache einer Koalition war für Großbritannien eine beinah revolutionäre Neuerung. Doch schneller als erwartet hat sich die Öffentlichkeit an das unerwartete Bündnis von Konservativen und Liberaldemokraten gewöhnt, die eigentlich so wenig zueinander passen wie Feuer und Wasser. So alternativlos, wie die Koalition war, so entschlossen waren Premier David Cameron und sein liberaldemokratische Vize Nick Clegg, das beste daraus zu machen.

Überrascht hatte schon die schnelle Einigung auf ein Programm, doch noch spektakulärer ist das Tempo, das die Regierung seither an den Tag legt – und der Umfang ihrer Pläne. Man weiss nicht so recht, ob man den Ehrgeiz der Koalitionäre bewundern oder den Kopf schütteln soll über ihre allzu ambitiösen Vorhaben. Nichts bleibt von ihrer Reformwut ausgespart, weder der Wohlfahrtsstaat, die Erziehung, das politische System noch die Verfassung.

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Der Juniorpartner in einer Koalitionsregierung hat stets eine undankbarere Rolle zu spielen. Was die Neigung zur Profilneurose erklären mag, der auch die FDP und Guido Westerwelle ab und an erliegen. Dabei ist der Druck auf Nick Clegg und seine Liberaldemokraten unvergleichlich viel größer, die Situation, in der sich die Partei befindet, eindeutig vertrackter als die der deutschen Liberalen in ihrem Bündnis mit der Union: Die Libdems hatten vor der Wahl keine Koalitionsaussage zugunsten der Tories gemacht. In vielen Sachfragen stehen sie eher links von Labour, in Teilen der Partei existierten und existieren immer noch tiefe Vorbehalte gegen die Konservativen. Der permanent säuerliche Ausdruck auf dem Gesicht von Vince Cable, dem liberaldemokratischen Minister für Banken und Business, drückt das Unbehagen mit der politischen Konstellation aus, zu der sich die Libdems angesichts des Wahlergebnisses gezwungen sahen.   

Umso erstaunlicher, wie entschlossen Nick Clegg agiert. Von den düsteren Umfragen der ersten Monate, die seine Partei von 23 Prozent auf nur noch 12 Prozent sinken sahen – mittlerweile liegen die Libdems wieder bei 18 Prozent – ließ er sich genauso wenig beirren wie vom unüberhörbaren Gemaule unter Abgeordneten und Aktivisten seiner Partei angesichts der harten Sparmaßnahmen der Regierung.

Gewiss leistete sich Clegg einige Schnitzer, den gröbsten, als er in einer Fragestunde des Unterhauses den Irakkrieg für "illegal" erklärte und für einen hitzigen Augenblick zu vergessen schien, dass solche Polemik sich vielleicht ein Oppositionspolitiker, nicht aber ein Vizepremier und Regierungsmitglied leisten kann. (Auch David Camerons Auslassungen über Pakistan und den Gazastreifen verrieten einen Mangel an Erfahrung.)

Eines aber muss man beiden Politikern konzedieren. Sie haben eine Grundregel erfolgreichen Regierens verstanden. Wer Verhältnisse ändern will, muss sofort damit beginnen. Unumgängliche Grausamkeiten müssen gleich am Anfang begangen werden, später wachsen die Widerstände, werden die Chance dazu immer geringer.

Das gilt für politisch besonders heikle Projekte: die umfangreichen Sparmaßnahmen, die alle Sektoren staatlicher Aktivitäten betreffen werden, und, vor allem, die geplante Reform des Sozialstaates. Der soll abgespeckt, das unübersichtliche Gestrüpp der Sozialleistungen und Steuerkredite gelichtet, Sozialbetrug eingedämmt und das Universalprinzip beendet werden. So wird Kindergeld in Zukunft nicht mehr an die Bezieher höherer Einkommen gezahlt werden.

Ebenso weitreichend und kontrovers sind die angestrebten Reformen in der Bildungs- und Schulpolitik, die auf Entmachtung von Bürokratien und die Abkehr von sogenannten progressiven, kindzentrierten Erziehungsmethoden hinauslaufen, die eine wachsende Zahl von Halbanalphabeten geschaffen haben.

Bezeichnend ist, dass New Labour auf beiden Feldern, Erziehung wie Sozialreform, gleiches angestrebt hatte, damit aber letztlich gescheitert war am Widerstand von Gewerkschaften wie der eigenen Partei.

Leser-Kommentare
    • th
    • 18.08.2010 um 19:43 Uhr

    wenn von "Reformen" geschwärmt wird:

    wird die neue britische Regierung die "City", d.h. die Banken, Fonds, Investoren usw. in den Griff kriegen?

    Und dazu als Korollar:

    War die britische Staatskasse auch vor dem - mit viel Geld verhinderten - Crash schon so hoch verschuldet, oder ist sie es erst seitdem?

    Mit einem Wort:

    Sollen mit Einsparungen am Sozialstaat die Löcher gestopft werden, welche die Finanzspekulation gerissen hat?

    Sehen so seriöse Reformen aus?

  1. Dass dieser beispiellose soziale Abbau hier noch als etwas Positives, Bewundernswertes und als alternativlos dargestellt wird, ist schon traurig genug. Aber mussten Sie dafür auch noch auf NS-Vokabular ("Arbeitsscheue") zurückgreifen?

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    "Das Land kann sich den Umfang der Sozialausgaben nicht mehr leisten; knappe Mittel müssen effizienter verteilt und den wirklich Bedürftigen zukommen."

    Sozialabbau sieht anders aus

    "Das Land kann sich den Umfang der Sozialausgaben nicht mehr leisten; knappe Mittel müssen effizienter verteilt und den wirklich Bedürftigen zukommen."

    Sozialabbau sieht anders aus

  2. "Das Land kann sich den Umfang der Sozialausgaben nicht mehr leisten; knappe Mittel müssen effizienter verteilt und den wirklich Bedürftigen zukommen."

    Sozialabbau sieht anders aus

    Antwort auf "Schöne neue Welt"
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    "...knappe Mittel müssen effizienter verteilt und den wirklich Bedürftigen zukommen."
    "Sozialabbau sieht anders aus"

    Fällst du eigentlich auch auf die deutschen Sozialabbau-Euphemismen rein?

    Zugegeben noch sind mir die Briten nicht ganz geheuer, man muss zumindest zugestehen, dass sie offensichtlich erkannt haben, dass es in GB Armut gibt und dass sie ein Problem ist.

    Auf die konkreten Umgestaltungen warte ich noch, leider schweigt sich Krönigs Artikel zu Details komplett aus, wirkt wie Copy und Paste der New-Labour-Jubelartikel über Tony Blair, zu dessen Machtantritt. Bestimmt verwendet man bei ZEIT mittlerweile fertige Textbausteine für sowas.

    Wer zudem ernsthaft impliziert das Staatsdefizit der Briten sei zurückfahrbar, ja es sei sogar nötig das zu tun, der hat sich in meinen Augen komplett disqualifiziert. Die Briten haben eine eigene Zentralbank (sonst wären sie längst pleite), es besteht also nicht die geringste Notwendigkeit die Bürger zusätzlich zu quälen, es sei denn man hat einen an der Waffel oder ist Sadist.

    "...knappe Mittel müssen effizienter verteilt und den wirklich Bedürftigen zukommen."
    "Sozialabbau sieht anders aus"

    Fällst du eigentlich auch auf die deutschen Sozialabbau-Euphemismen rein?

    Zugegeben noch sind mir die Briten nicht ganz geheuer, man muss zumindest zugestehen, dass sie offensichtlich erkannt haben, dass es in GB Armut gibt und dass sie ein Problem ist.

    Auf die konkreten Umgestaltungen warte ich noch, leider schweigt sich Krönigs Artikel zu Details komplett aus, wirkt wie Copy und Paste der New-Labour-Jubelartikel über Tony Blair, zu dessen Machtantritt. Bestimmt verwendet man bei ZEIT mittlerweile fertige Textbausteine für sowas.

    Wer zudem ernsthaft impliziert das Staatsdefizit der Briten sei zurückfahrbar, ja es sei sogar nötig das zu tun, der hat sich in meinen Augen komplett disqualifiziert. Die Briten haben eine eigene Zentralbank (sonst wären sie längst pleite), es besteht also nicht die geringste Notwendigkeit die Bürger zusätzlich zu quälen, es sei denn man hat einen an der Waffel oder ist Sadist.

  3. Also bei unserer derzeitigen Regierung bin ich ganz froh, dass sie nichts tun. Ich erwarte nichts Positives von Schwarz/Geld und bin superfroh, dass sie zu sehr unter Druck sind, als diesen großen Ausverkauf in GB nachzumachen. Die Reformen sind Thatcher-like und lassen noch viel krasser als bei uns die normale Bevölkerung ausbluten.

  4. , gerade in Demokratieren. Dazu hab ich mir früher hier die Finger ja fast schon wund geschrieben und siehe da, nun Ansätze dazu - in GB....
    Differenzen hat man dann immer noch - man will ja vor allem selbst wiedergewählt werden. Nur wird man dann eben nicht prinzipiell gegen alles opponieren, was der andere sagt - und nicht immer oft de facto fast die doppelte Stimmkraft haben, nur weil man an der Regierung ist.
    Wenn alle anderen westlichen Länder so agieren, nicht nur die Schweiz, dann wird vielleicht auch Deutschland damit leben können...

    Natürlich müsste man dann auch die 5-Prozenthürde reduzieren...Ab 1 oder 2 Prozent ins Parlament, ab 5 Prozent Verpflichtung zum Angebot zur Regierungsbeteiligung.

    Antwort auf
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    "Natürlich müsste man dann auch die 5-Prozenthürde reduzieren...Ab 1 oder 2 Prozent ins Parlament, ab 5 Prozent Verpflichtung zum Angebot zur Regierungsbeteiligung."

    Welche Gefahren ein aus vielen vielen kleinen Parteien bestehendes und daher handlungsunfähiges Parlament birgt, hat uns die Weimarer Republik gezeigt.

    Splitterparteien sind heute Splitter, die völlig ignoriert werden, dann sind es eben Splitter, die mal einen ganz kleinen Einfluss bekommen können - wenn der Großteil der Bevölkerung weiterhin die großen Parteien will und wählt!
    Man muss und sollte hier deshalb m.E. keine künstlichen Barrieren aufbauen. Die Gefahr, dass eine einzige Partei dann mal massiv durchregiert und von sehr vielen gewählt wird, ja auch die gibt es eben - auch das hat es schon mal gegeben, trotz der Weimarer Splitterparteien.

    "Natürlich müsste man dann auch die 5-Prozenthürde reduzieren...Ab 1 oder 2 Prozent ins Parlament, ab 5 Prozent Verpflichtung zum Angebot zur Regierungsbeteiligung."

    Welche Gefahren ein aus vielen vielen kleinen Parteien bestehendes und daher handlungsunfähiges Parlament birgt, hat uns die Weimarer Republik gezeigt.

    Splitterparteien sind heute Splitter, die völlig ignoriert werden, dann sind es eben Splitter, die mal einen ganz kleinen Einfluss bekommen können - wenn der Großteil der Bevölkerung weiterhin die großen Parteien will und wählt!
    Man muss und sollte hier deshalb m.E. keine künstlichen Barrieren aufbauen. Die Gefahr, dass eine einzige Partei dann mal massiv durchregiert und von sehr vielen gewählt wird, ja auch die gibt es eben - auch das hat es schon mal gegeben, trotz der Weimarer Splitterparteien.

  5. Also Sie glauben ernsthaft diesen tollen Euphemismus, der mit keinerlei konkreten Daten belegt ist?

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    genausowenig an den tollen Euphemismus wie an Ihre Anprangerei, die auch noch nicht mit konkreten Daten belegt ist.

    genausowenig an den tollen Euphemismus wie an Ihre Anprangerei, die auch noch nicht mit konkreten Daten belegt ist.

    • Dray
    • 18.08.2010 um 21:02 Uhr

    "Gewiss leistete sich Clegg einige Schnitzer, den gröbsten, als er in einer Fragestunde des Unterhauses den Irakkrieg für "illegal" erklärte"

    Der Irakkrieg war illegal, es ist schon sehr philosophisch von dem Redakteur zu sagen, dass die Wahrheit auszusprechen ein wie auch immer gearteter (hier wohl gemeint: politischer) Fehler ist.

    Links von Labour zu sein, ist im übrigen auch nicht mehr sonderlich schwer, wenn man bedenkt, dass New Labour Wirtschaftspositionen rechts von der FDP vertritt und durchgesetzt hat.
    Ansonsten ist mir der Artikel etwas sehr euphorisch und pro-Tory-Libdem. Man wird das Gefühl nicht los, dass manche Redakteure nur richtig glücklich sind, wenn massive Einsparungen vorgenommen werden, am liebsten am Sozialstaat. Es wundert mich allerdings, dass der Klassiker schlechthin, die "aufgeblasene Verwaltung" nicht vorkam. Vielleicht im nächsten Artikel.

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