Zehn Menschen wurden in Afghanistan brutal ermordet . Sie hatten die halbwegs sichere Hauptstadt Kabul verlassen, waren in die Provinz gefahren um der Bevölkerung zu helfen. Die Opfer waren Ärzte, Pfleger, Dolmetscher und lokale Mitarbeiter. Sie waren in normalen Jeeps ohne Panzerung unterwegs, sie führten keine Waffen mit sich und hatten keine Sicherheitsleute dabei. Von einem "feigen Mord" sprach die Bundesregierung zu Recht.

Ein hilfloser Reflex aber ist es, wenn nun die alte Forderung von Entwicklungsminister Dirk Niebel und anderen Politikern, Hilfsorganisation sollten doch bitteschön eng mit Soldaten kooperieren, nun wieder in mancher Kommentarspalte aufgewärmt wird. So fordert die Braunschweiger Zeitung : "Der Tod der Helfer sollte die Hilfsorganisationen dazu bewegen, ihre Vorgehensweise zu überdenken. Die Helfer brauchen in Sicherheitsfragen dringend fachkundige Beratung, auch von Seiten des Militärs und im Zweifelsfall bewaffneten Schutz." Das ist blanker Unsinn.

Hätten die Mörder sich von einigen bewaffneten Sicherheitskräften aufhalten lassen? Wohl kaum. In der Vergangenheit wurden Einrichtungen von Hilfsorganisationen in Afghanistan angegriffen, obwohl sie von bewaffneten Guards gesichert waren. Jüngst starben ein deutscher Wachmann und mehrere Afghanen bei einer Attacke in Kundus.

Wer nun die Helfer auffordert, den Schutz von Soldaten zu suchen, verkennt die Situation in Afghanistan. Die Bundeswehr und andere ausländische Truppen sind gar nicht in der Lage, allen Hilfsorganisationen sicheres Geleit zu stellen. Hunderte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind in dem Land aktiv – an allen möglichen Orten: In kleinen, abgelegenen Gebirgsdörfern ebenso wie in Städten an den Hauptstraßen. Um alle ausländische Helfer und ihre Tausenden einheimischen Mitarbeiter zu eskortieren, verfügen die Isaf-Kräfte nicht über genügend Soldaten, Fahrzeuge oder Hubschrauber. Sollten die Helfer also nur noch Menschen versorgen, die in Regionen leben, in denen die Isaf-Soldaten patrouillieren? Dann wären viele Menschen in vielen Regionen sich selbst überlassen. Oder den Taliban.

Die Forderung nach engerer Kooperation zwischen NGOs und Soldaten ist aber noch aus einem weiteren Grund abzulehnen. Denn arbeiteten die Helfer an der Seite des Militärs, wären sie keineswegs weniger gefährdet. Schließlich sind Soldaten das primäre Ziel der Taliban und Terroristen. Die Aufständischen schlagen mit Sprengfallen, Raketen und Mörsern zu – zynisch gesagt: Helfer sind in Begleitung von Soldaten stärker bedroht als ohne.

Zu helfen, wo Hilfe nötig ist – das ist das Ziel der NGOs. Ganz gleich, ob in einer Region Soldaten stationiert sind oder nicht. Deshalb arbeiten Hilfsorganisationen auf der ganzen Welt in Gebieten, in die sich die meisten Menschen völlig zu Recht nicht trauen. Auch die Arbeit in den Townships von Johannesburg, den Slums von Rio de Janeiro, den Koka-Anbaugebieten Kolumbiens oder den Ölfördergebieten Nigerias kann tödlich enden. Dort sind Sicherheitskräfte, denen man trauen kann, meist sehr selten.

Und was sollen Organisationen machen, die in Krisengebieten wie Somalia, in Darfur, im Kongo, in Nordjemen oder im pakistanischen Swat-Tal tätig sind? Sollen diese Gesellschaften warten, bis aus einer UN-Beobachtermission ein robuster Blauhelm-Einsatz wird? Bis der Bundestag beschließt, deutsche Soldaten zu entsenden? Oder sollen sie im Schutz von lokalen Armeen arbeiten, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden?