ZEIT ONLINE: Herr Wilke, aus den pakistanischen Hochwasser-Gebieten erreichen uns Meldungen, wonach sich Islamisten gegenüber der Bevölkerung als Retter in der Not inszenieren. Ist das eine gesteuerte Aktion?

Boris Wilke: Wir müssen bei "den Islamisten" schon ein wenig differenzieren. Nicht nur, was deren gesellschaftspolitische Ausrichtung angeht, sondern auch deren innere Spaltung und oftmalige Konkurrenz zueinander. In Pakistan gibt es keine islamistische Front, die einheitlich agiert.

ZEIT ONLINE: Bietet sich für islamistische Kräfte jetzt nicht dennoch eine gute Gelegenheit, mit Hilfslieferungen die Not leidende Bevölkerung für sich zu gewinnen?

Wilke: Alle in Pakistan ansässigen Gruppierungen des politischen Islams bedienen drei Sektoren: erstens die religiöse Heilsbringung, zweitens die Wohlfahrt und drittens politische Aktivitäten, bei einigen Gruppen gewaltsam und terroristisch. Man sollte also nicht denken, militante Organisationen würden jetzt plötzlich zu Publicityzwecken auf die pfiffige Strategie kommen, Wohltaten zu erbringen. Das machen sie schon seit mehr als 30 Jahren. Es ist Teil ihres Selbstverständnisses.

ZEIT ONLINE: Erhalten islamistische Gruppierungen denn in solchen Krisensituationen Zulauf?

Wilke: Das kann nicht eindeutig beantwortet werden. Denken Sie an das schwere Erdbeben in der von Pakistan verwalteten Region Asad Kaschmir 2005. Dort waren sogar kämpfende islamistische Organisationen beheimatet. Sie hatten ihre Trainingslager dort, das war kein Geheimnis. Doch weder lässt sich belegen, dass diese Gruppierungen damals starken Zulauf erhielten, noch ob sie erfolgreich unter den Opfern rekrutierten.

ZEIT ONLINE: Ließ sich eine solche Verbindung denn schon jemals nachweisen?

Wilke: 2007 gab es eine Operation der pakistanischen Armee gegen Islamabads sunnitische Rote Moschee, der eine militante Koranschule angeschlossen ist. Seit dieser Aktion, über die wir immer noch nicht genau wissen, wie viele Menschen ums Leben gekommen sind, lässt sich ein dramatischer Anstieg von Selbstmordattentaten verzeichnen. Und es gab auch einen Zulauf in islamistische Gruppierungen.

ZEIT ONLINE: Wieso in einer solchen Situation und nicht in Folge einer Naturkatastrophe?

Wilke: Vom Staat eingesetzte Gewalt – unabhängig davon, wie diese zu bewerten ist – wirkt sich derart auf soziale Zusammenhänge aus, dass es in der Tat zu Radikalisierung kommen kann. Viele neue Rekruten für terroristische Gewalttaten und aufständische Bewegungen haben direkt oder indirekt selbst Gewalt erfahren. Die bloße Entwurzelung wie jetzt während der Hochwasserkatastrophe, und die Dankbarkeit gegenüber einer islamistischen Organisation, sind hingegen nicht ausreichend.

ZEIT ONLINE: Aber Armut und Entwurzelung werden doch sehr oft als Bedingung für eine Radikalisierung gesehen.

Wilke: Es gibt einen Zusammenhang mit diesen Faktoren, zum Beispiel in urbanen Kontexten. Wenn Sie in Karatschi leben, keine Wohnung und keine Arbeit haben und jemand holt sie aus diesem Kreislauf heraus, dann sind Sie bereit, vieles für diese Person zu tun. Aber auch hier werden Sie nicht zwangsläufig Mitglied einer militanten Organisation. Man muss da sehr vorsichtig sein und darf solche sozialen Faktoren nicht automatisch als Vorraum von Rekrutierung betrachten.

ZEIT ONLINE: Aber in vielen Regionen sind die Hochwasser-Flüchtlinge abhängig von der Hilfe islamistischer Gruppen. 

Wilke: Natürlich besteht in den Lagern eine gewisse Abhängigkeit der Flüchtlinge von den Helfern. Man muss nun fragen: Welcher Natur ist diese Abhängigkeit? Wie sind die Möglichkeiten der Rückkehr in die Heimatorte beschaffen? Wie lange werden die Flüchtlingslager bestehen? Das sind die wichtigen Faktoren. Sie erscheinen mir weitaus signifikanter, als die reine Frustration über die Unfähigkeit der Regierung, von welcher ja nun oft gesprochen wird.

ZEIT ONLINE: Reagiert die Regierung denn angemessen in der Katastrophe?

Wilke: Schwer zu sagen. Ich denke aber nicht, dass den Pakistanern so wichtig ist, was Präsident Asif Ali Zardari macht, der ja im Mittelpunkt der Kritik steht. Er ist längst nicht der starke Mann, wie es Pervez Musharraf war, denn die Macht ist heute unter Premierminister Yussaf Gilani, Armeechef Ashfaq Kayani und Zardari aufgeteilt. Den Pakistanern sind die Machtverschiebungen an ihrer Spitze bewusst, sie interessiert vor allem eine gute Versorgung.

Boris Wilke beschäftigt sich seit fünfzehn Jahren mit der politischen Entwicklung Pakistans: zunächst als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) an der Universität Hamburg (1993-2002), dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Orient-Institut, als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (2003-2009) und schließlich als Mitglied des Sonderforschungsbereiches 700 der DFG. Zurzeit ist er als Mitarbeiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld am Aufbau eines Zentrums für internationale Gewaltforschung beteiligt.