Neuer Präsident Andenkrieger rauchen die Friedenspfeife
Juan Santos tritt ein schweres Erbe an. Kolumbien ist tief gespalten. Der Streit mit Venezuela und Ecuador scheint aber überwunden. Aus Bogota berichtet Tobias Käufer.
© Rodrigo Arangua/Getty Images

Militärische Ehren für Kolumbiens neuen Präsidenten: Juan Santos bei seiner Vereidigung in Bogota
Ein Handschlag soll den Auftakt zu einer neuen Zeitrechnung in den Anden markieren: Als Ecuadors Staatspräsident Rafael Correa seinem gerade frisch vereidigten Amtskollegen Juan Manuel Santos in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota symbolisch die Hand reicht, war das mehr als nur eine Höflichkeitsgeste. Der symbolische Akt soll einen kompletten Neustart in den seit Jahren festgefahrenen Beziehungen zwischen den verfeindeten Andenstaaten Kolumbien, Ecuador und Venezuela begründen.
Denn nur wenig später ließ auch Venezuelas Staatspräsident Hugo Chavez erstmals seit Wochen wieder versöhnliche Töne hören: "Ich bin bereit, eine komplett neue Seite aufzuschlagen", ließ Chavez aus Caracas verlauten und beauftragte Außenminister Nicolas Maduro, einen Termin mit dem neuen starken Mann in Bogota zu vereinbaren. Als einer der wenigen lateinamerikanischen Staatsoberhäupter blieb Chavez der Amtseinführung Santos' fern. Offiziell wegen einer Erkältung, inoffiziell weil er ein direktes Aufeinandertreffen mit seinem Erzfeind und Santos-Vorgänger Alvaro Uribe vermeiden wollte.
Und weil es in den harmonischen Dreiklang der ehemals zerstrittenen Länder so schön reinpasste, unterstrich auch Kolumbiens frischgebackener Präsident, dass die jüngste Eskalation im Konflikt mit Venezuela ja gar nicht so dramatisch gewesen sei. "In meinem Wörterbuch fehlt das Wort Krieg", sagte Santos in seiner versöhnlich gehaltenen Antrittsrede. Eine Botschaft an Chavez, der immer wieder von einer ebenso unrealistischen wie unsinnigen angeblich bevorstehenden US-amerikanischen/kolumbianischen Invasion sprach.
In den Anden werden nach dem Abtritt von Alvaro Uribe die Weichen also neu gestellt. Acht Jahre lang hatte der konservative Hardliner im Präsidentenpalast in Bogota seinen Feldzug gegen die marxistische Rebellenorganisation Farc geführt. Dabei schoss der gelernte Jurist im wahrsten Sinne des Wortes auch mal über das Ziel hinaus. So wie im März 2008, als bei einer höchst umstrittenen Militäraktion auf ecuadorianischem Hoheitsgebiet der prominente Farc-Führer Raul Reyes getötet wurde. Diese mit Ecuador nicht abgestimmte Aktion in der Grenzregion war der Auftakt zu einem zweijährigen Dauerstreit zwischen den beiden Ländern.
Den damals erbeuteten Computer mit allerlei brisanten Daten über die international als Terror-Organisation eingestufte Farc wird Kolumbien bald als Geste des guten Willens an Ecuador übergeben. Und angesichts der jüngsten Charmeoffensive Correas ist kaum vorstellbar, dass die ecuadorianische Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Santos wegen Verstoßes gegen das Völkerrecht noch weiter vorantreiben wird. Santos leitete damals als Verteidigungsminister die Militäraktion im Grenzgebiet mit Ecuador.
Die Stabübergabe in Bogota gibt allen Beteiligten auch im Konflikt mit Venezuela die Chance ohne Gesichtsverlust die Dinge neu zu ordnen. Uribe hatte als letzte Amtshandlung Venezuela vorgeworfen, in seinem Land mehr als 1500 Kämpfer der beiden linksgerichteten Rebellengruppen ELN und Farc zu dulden. Venezuela brach daraufhin die Beziehungen zu Bogota ab, Chavez sah bereits einen drohenden Krieg heraufziehen. Nun aber scheint auch in diesen Konflikt Bewegung zu kommen, obwohl Uribes Rechtsanwalt Jaime Granados noch unmittelbar vor dem Machtwechsel erklärte, Chavez vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verklagt zu haben. Das war Uribes letzter Zug.
- Datum 08.08.2010 - 10:12 Uhr
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Ja klar, die lieben Amerikaner, Behüter der Welt.
Herr Käufer, auch Sie sollten vielleicht mal der Wahrheit ins Auge sehen, Venezuela ist ein Staat, in dem der von amerikanischer Hand vorbereitete Umsturz 2002 gegen Chavez dokumentiert ist, weil interne Papiere der US-Administration "geleakt" sind. Chavez hat keine Paranoia, der weiß, auf welche Art und Weise die USA ganz Südamerika mit Diktatoren, Militärjuntas und Baby Doc's überzogen hat.
Kolumbien, als eines der letzten Länder unter amerikanischen Imperialismus, spürt das jeden Tag, wie Drogenbarone, die ihren Stoff an die USA liefern, den Rest der Bevölkerung mit Duldung und Komplizenschaft der Regierung unterjochen. Ihre zweite Seite beschreibt das ja ganz gut.
Anno 2002 hat die komplette westliche Systempresse begeistert den "Putsch des Volkes" gefeiert und Pedró Carmona hochgejubelt. Hier war es egal, dass dieser die, von ca. 80 % der Bevölkerung angenommene, Verfassung außer Kraft setzte und das Land in eine pro-amerikanische Diktatur verwandelte bzw. wollte. 3 Tage später kam das große Schweigen unserer "seriösen" Medien.
Journalismus, wenn man's denn so nennen mag, der untersten Schublade.
Anno 2002 hat die komplette westliche Systempresse begeistert den "Putsch des Volkes" gefeiert und Pedró Carmona hochgejubelt. Hier war es egal, dass dieser die, von ca. 80 % der Bevölkerung angenommene, Verfassung außer Kraft setzte und das Land in eine pro-amerikanische Diktatur verwandelte bzw. wollte. 3 Tage später kam das große Schweigen unserer "seriösen" Medien.
Journalismus, wenn man's denn so nennen mag, der untersten Schublade.
Es ist einfach putzig, wie in der westlichen Presse gerne Uribe's Kriegsverbrechen (absichtliche Ermordung von Zivilisten, um den "Body Count" zu erhöhen, Verwüstung und Vernichtung von Indio-Dörfern, Pakt mit den rechtsradikalen Paramilitärs,...) in einem einzigen Satz erwähnt oder durchaus auch mal ganz ignoriert, und sich dann auf den angeblich wahnsinnigen Chávez stürzt. Zufällig habe ich mich vor einiger Zeit in Kolumbien aufgehalten, zunächst in Medellín und dann im Grenzgebiet zu Venezuela. Die etwas ärmeren Menschen dort sparen teilweise auf einen Umzug nach Venezuela, um ein wenig soziale Gerechtigkeit zu erleben und dem "Binnenkonflikt" in Kolumbien zu entgehen. Der US-Imperialismus in Südamerika - und das soll kein Kampfbegriff sein, sondern die Beschreibung einer Tatsache -, hat zu wesentlich größerem Schaden und schlimmeren Menschenrechtsverletzungen geführt, als Chávez es seinem Volk jemals zu seiner Amtszeit angetan hat. Dass Chávez im Westen als der wahnsinnige autoritäre sozialistische Despot dargestellt wird, funktioniert nur, weil Despotismus und Menschenrechtsverletzungen von US-freundlichen Regierungen in Südamerika gerne unter den Tisch gekehrt werden.
PS- ein USA-freundlicher Teil der venezolanischen Armee hat, unterstützt von der CIA und venezolanischen Geschäftsleuten, einmal (zunächst erfolgreich) gegen Chávez geputscht. Dass er wieder Präsident ist, hat er der großen Unterstützung seines Volkes zu verdanken. Da gibt es nichts dran kaputtzuschreiben.
Anno 2002 hat die komplette westliche Systempresse begeistert den "Putsch des Volkes" gefeiert und Pedró Carmona hochgejubelt. Hier war es egal, dass dieser die, von ca. 80 % der Bevölkerung angenommene, Verfassung außer Kraft setzte und das Land in eine pro-amerikanische Diktatur verwandelte bzw. wollte. 3 Tage später kam das große Schweigen unserer "seriösen" Medien.
Journalismus, wenn man's denn so nennen mag, der untersten Schublade.
zwischen den lateinamerikanischen Ländern besteht glücklicherweise die Feindschaft bis bis aufs Messer nicht gar zu lange. Hier ist man eher bereit, trotz verbaler Ausfälle, wieder einigermaßen sich zivilisiert zu geben.
Leider zündet der Drogenhandel und andere illegalen Geschäfte immer wieder neue Feuer an.
..."Die-Zeit-Artikel" zum Thema Lateinamerika.
http://www.guardian.co.uk...
http://www.guardian.co.uk...
Warum liest man solche Artikel nie in der ZEIT? Schon traurig, was die meisten deutschen Medien beim Thema Repression so an sturer Nicht-Aufklärung leisten.
Der Gedanke trifft halt nach wie vor bei vielen auf einen kognitiven Widerstand, er hat irgendwie etwas unerhörtes. Zumindest in der FAZ (oder FAS) ist aber schon vor längerer Zeit ein Artikel erschienen, in dem das Thema Legalisierung vor dem Hintergrund der Niederlage im amerikanischen "war on drugs" offen und wohlwollend diskutiert worden ist.
Der Gedanke trifft halt nach wie vor bei vielen auf einen kognitiven Widerstand, er hat irgendwie etwas unerhörtes. Zumindest in der FAZ (oder FAS) ist aber schon vor längerer Zeit ein Artikel erschienen, in dem das Thema Legalisierung vor dem Hintergrund der Niederlage im amerikanischen "war on drugs" offen und wohlwollend diskutiert worden ist.
Tobias, Bonhuelo,
Uribe ist eine Lichtgestalt für die überwiegende Mehrheit der Kolumbianer, weil er das Land vom offenen gewalttätigen Konflikt befreit hat. Dies wird ihm auch von dem meisten links-liberalen Kolumbianern zugestanden. Der Militärschlag in Ecuador muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Grenzgebiete Rückzugs- und Trainingsgebiete für Guerilla-Terror-Gruppen sind, und beide Regierungen (ven & ecu) wenig Bereitschaft haben, dies zu ändern.
Die Schikanierung von Oppositionellen, die unsäglichen Aktivitäten des Geheimdienstes, das Ausufern der Paramilitärischen Strukturen, der Drogenhandel (auch durch den Geheimdienst) sind natürlihc ein gigantisches Problem, und das "schwere Erbe" der Regierung Uribe. Aber Uribe hat das Land nicht gespalten - dies ist lange vorher geschehen. Appeasement den Guerilla gegenüber hat das Land nicht weitergebracht (siehe Ingrid Betancourt). Urbine hat sich nur ganz klar auf eine Seite, die der Paramilitärs, gestellt, und durch den weitreichenden Sieg über die Guerilla die Chance für einen Neuanfang erst möglich gemacht. Ob Santos dafür der richtige Mann ist? Vor der Wahl sah es nicht so aus, aber vielleicht gibt es erste Anzeichen, dass er es doch sein könnte...
Der Gedanke trifft halt nach wie vor bei vielen auf einen kognitiven Widerstand, er hat irgendwie etwas unerhörtes. Zumindest in der FAZ (oder FAS) ist aber schon vor längerer Zeit ein Artikel erschienen, in dem das Thema Legalisierung vor dem Hintergrund der Niederlage im amerikanischen "war on drugs" offen und wohlwollend diskutiert worden ist.
Bezüglich Ihrer Formulierung "Niederlange im amerikanischen "war on drugs"", sollten Sie sich einmal ein paar andere Daten zu Gemüte führen, was dieser Propagandaphrase "war on drugs" dann doch einen anderen Anstrich verpasst.
http://alles-schallundrau...
Ich kenne den Artikel aus der FAS, auch in anderen Medien wie etwa der FTD* sind solche vereinzelten Meinungen zu lesen, allerdings eher in Kommentarspalten oder Feuilletons. Ich verstehe nicht, dass die Medien dieses Thema nicht viel breiter diskutieren. Weltweit wurden seit den 1960er Jahren Billionen(!) an Steuergeldern ins Meer geschmissen, um einen jährlichen Markt von 350 Milliarden USD(!!) zu "kontrollieren", das Ergebnis ist lediglich ein hohes Ausmaß an Kriminalität, ohne dass effektiv zur Suchtprävention beigetragen wird. Sprich das genaue Gegenteil von Kontrolle. Alleine in Deutschland könnten locker über 5 Milliarden EUR pro Jahr eingespart werden, würde endlich Vernunft in die Drogenpolitik einkehren. Gerade von Medien wie der ZEIT würde ich mir hier eine Vorreiterrolle wünschen. 50 Jahre nach der Forcierung der Repression ist nun der Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen - das Ergebnis kann nur vernichtend sein.
Immerhin ist man bei dieser Thematik nicht auf deutsche Medien angewiesen. Mehr und mehr internationale Wissenschaftler äußern laute Kritik an der derzeitigen Politik. Und wenn selbst amtierende und ehemalige Staatschefs aus Südamerika ein Umdenken fordern, kann man zumindest leise hoffen, dass erstmals neu diskutiert wird.
* http://www.ftd.de/politik...
Bezüglich Ihrer Formulierung "Niederlange im amerikanischen "war on drugs"", sollten Sie sich einmal ein paar andere Daten zu Gemüte führen, was dieser Propagandaphrase "war on drugs" dann doch einen anderen Anstrich verpasst.
http://alles-schallundrau...
Ich kenne den Artikel aus der FAS, auch in anderen Medien wie etwa der FTD* sind solche vereinzelten Meinungen zu lesen, allerdings eher in Kommentarspalten oder Feuilletons. Ich verstehe nicht, dass die Medien dieses Thema nicht viel breiter diskutieren. Weltweit wurden seit den 1960er Jahren Billionen(!) an Steuergeldern ins Meer geschmissen, um einen jährlichen Markt von 350 Milliarden USD(!!) zu "kontrollieren", das Ergebnis ist lediglich ein hohes Ausmaß an Kriminalität, ohne dass effektiv zur Suchtprävention beigetragen wird. Sprich das genaue Gegenteil von Kontrolle. Alleine in Deutschland könnten locker über 5 Milliarden EUR pro Jahr eingespart werden, würde endlich Vernunft in die Drogenpolitik einkehren. Gerade von Medien wie der ZEIT würde ich mir hier eine Vorreiterrolle wünschen. 50 Jahre nach der Forcierung der Repression ist nun der Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen - das Ergebnis kann nur vernichtend sein.
Immerhin ist man bei dieser Thematik nicht auf deutsche Medien angewiesen. Mehr und mehr internationale Wissenschaftler äußern laute Kritik an der derzeitigen Politik. Und wenn selbst amtierende und ehemalige Staatschefs aus Südamerika ein Umdenken fordern, kann man zumindest leise hoffen, dass erstmals neu diskutiert wird.
* http://www.ftd.de/politik...
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