Balkan Das Kosovo bleibt von den Geberländern abhängig
Außenminister Westerwelle besucht am Freitag eines der ärmsten Länder Europas. Zwei Jahre nach der Unabhängigkeit bleibt das Kosovo auf ausländische Hilfe angewiesen.
© Georg Hilgemann-Pool/Getty Images

Deutsche KFor-Soldaten bei einer Übung
Wenn Shefajet Berisha auf die Kosovo Force (KFor) der Nato angesprochen wird, zeigt er stolz einen Artikel über sich in einem Bundeswehrheft über den Einsatz im Kosovo. Darin wird die "hervorragende Zusammenarbeit" zwischen dem deutschen Feldlager und Berishas Lokalsender Radio Prizren beschrieben. "KFor ist weiterhin eine der vertrauenswürdigsten Institutionen im Kosovo", sagt Berisha, der Chefredakteur. Beim Militär absolvierte er sein erstes Schreibtraining nach dem Krieg. KFor ist sein wichtigster Spender und Werbekunde: Radio Prizren muss monatlich einige Pressemeldungen der Deutschen senden, im Gegenzug stellt der Militärsender K4 ein wöchentliches Programm bereit.
Ohne KFor wäre Radio Prizren, das einst neun ausländische Großspender unterstützten, längst verstummt. Der Sender kann kaum die Miete zahlen. Berisha musste die Löhne seiner Mitarbeiter auf 100 Euro herabsetzen. In diesem Monat hat ihm ein Auftrag der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Stromrechnung gerettet.
In einem der ärmsten Länder Europas ist ein florierender Werbemarkt so fern wie eine stabile Wirtschaft. Zwei Drittel der Jugendlichen sind arbeitslos, 17 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als einem Euro am Tag. Im Rahmen seiner Balkanreise besucht Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Freitag das Kosovo. Viel Positives wird er hinterher nicht zu berichten haben.
"Die einzige Wirtschaft, die hier zu existieren scheint, basiert auf Dienstleistungen für die internationale Gemeinschaft", sagt Kelmend Hapçiu, Gründer der Nachrichtenagentur Kosovalive. "Es gibt Hunderte Restaurants und Cafés für sie. Hunderte Ausländer mieten Apartments und Häuser."
Auf den Restaurantparkplätzen in Čaglavica, einem serbischen Vorort von Pristina, stehen fast ausschließlich Jeeps der großen Missionen: Kfor, UN und von der europäischen Rechtsstaatlichkeitsmission Eulex. Die Internationalen konsumieren, sie genießen das günstige Leben. Der Immobilienmarkt ist überhitzt, wenige Einheimische können sich eine eigene Wohnung in Pristina leisten.
Internationale Missionen sind attraktive Arbeitgeber – und ziehen Fachleute aus den kosovarischen Behörden ab. Naile Selimaj, Direktorin der staatlichen Medienaufsicht, hat viele ihrer früheren Mitarbeiter verloren: Bis zur Unabhängigkeit war ihre Behörde der OSZE unterstellt. Als die Regierung 2008 die Medienaufsicht übernahm, kürzte sie die Gehälter drastisch. "Wir haben ein riesiges Problem, gute Leute zu bekommen. Die Beamten im Kosovo muss man wirklich bemitleiden."
Während das monatliche Durchschnittsgehalt eines Beamten bei 250 Euro liegt, verdient ein Sicherheitsangestellter einer internationalen Mission das Drei- bis Vierfache. Innenminister Bajram Rexhepi sagt mit Blick auf Büros der Vereinten Nationen, dass die meisten dieser Organisationen "mehr wie Parasiten im Kosovo leben". Sie würden irgendwelche Projekte beginnen und das Geld dann für ihre Angestellten verbrauchen. "Diese Art von Hilfe brauchen wir hier nicht."
Auch Xhelal Sveçla, einer der Gründer der radikalen Bewegung Vetëvendosje (Selbstbestimmung), kritisiert die internationalen Organisationen: "Eulex schadet dem Land, hat zu viel Macht und steht über dem Gesetz." Der ehemalige UÇK-Kämpfer lehnt die Präsenz der Mission ab, weil fünf EU-Staaten Kosovo nicht anerkannt haben. Im ganzen Land hat seine Vetëvendosje-Bewegung Spuren des Protests hinterlassen: An Hauswänden, auf Plakaten und sogar auf öffentlichen Blumentöpfen sind Unmik- und Eulex-feindliche Sprüche zu lesen, stehen Slogans wie "Keine Verhandlung" und "Kauft Albanisch".
Albanisch kaufen – das ist jedoch in vielen Bereichen gar nicht möglich: Die meisten Produkte in den Läden stammen aus den nördlichen Balkanländern oder Westeuropa. "Wir können Wasserflaschen abfüllen", sagt Kosovalive-Chef Hapçiu. "Und das nennen wir dann eine Wirtschaft. Ich sehe aber sonst nicht viel, was produziert wird."
Ohne die internationalen Organisationen wäre die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit noch viel höher. Wie es ist, sich ohne festen und bezahlten Job durch zu schlagen, davon kann Bekim Turjaka berichten: Er war Übersetzer für die KFor, bis die Soldatenzahl im Kosovo reduziert wurde. Seitdem ist der diplomierte Jurist arbeitslos. In seiner Gemeinde in Obiliq berät er jetzt die Ärmsten – Mitglieder der Roma-Gemeinde. Ehrenamtlich, natürlich. Weil seine Familie im Krieg ihr Haus verloren hat, zahlt die Gemeinde ihm eine enge Zweiraumwohnung. Im August musste er eine Woche lang ohne Strom und Wasser überbrücken. Derartige Ausfälle sind auf dem Land keine Seltenheit. Turjaka hilft sich, indem er Albanisch kauft: echtes Flaschenwasser, hergestellt im Kosovo.
- Datum 26.08.2010 - 10:07 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Ein künstlich erzeugter neuer Staat, der nun auf Dauer an europäischen und amerikanischen Brust händen wird.
Dadurch wird die Haltung der Länder, die das Kosovo pflegen, immer eine parteiliche sein und einem guten Verhältnis zu Serbien immer im Wege stehen.
War es das wert ?
Orpheus
im Wortsinn ist das Wirken Großdeutschlands seit der Zurückdrängung der Türken auf dem Balkan für die dort lebenden so unterschiedlichen Völker immer gewesen. Der von Genscher eingeläutete Vernichtungsfeldzug gegen ein unter Tito aufgeblühtes Jugoslawien wird noch weitere bittere Früchte tragen. Die Berliner Republik tritt in die Fußstapfen der k.u.k Österreicher und der Hitler-Faschisten. Insbesondere die Serben haben uns nie etwas getan. Gestört hat uns immer, daß sie Freunde Rußlands waren. Die jetzt im Kosovo "Regierenden" sind nichts weiter als eine von der EU ausgehaltene Verbrecherbande.
strebt nach seiner Unabhängigkeit, um sich dann von der EU
(allen voran Deutschland) bis zum St. Nimmerleinstag unterhalten zu lassen.
Genscher's Krieg.
Es spaltete Russland von den Vereinigten Staaten (ob als gut oder schlecht betrachtet).
Die Verantwortung bleibt mit deer EU/mit D-Land.
Sehr geehrte Frau Sorge,
Minister Rexhepis Aussage, dass die meisten internationalen Organisationen "mehr wie Parasiten im Kosovo leben" finde ich provokant und einen guten Anlass, deren Rolle in Kosovo zu diskutieren. Vielleicht sollten Sie in Erwägung ziehen, diesen Artikel auch in Kosovo zu publizieren?
Es wäre interessant, woran Herr Rexhepi dieses Parasitentum festmacht. Die Begründung, dass ein Großteil von Mitteln der Organisationen Personalausgaben sind, zieht nicht. Denn der moderne Ansatz von Internationaler Zusammenarbeit ist, nicht wie in der Vergangenheit Brunnen zu bohren oder Schulen zu bauen, sondern Kosovo dabei beratend zu unterstützen, eigene Programme z.B. in der Wsserversorgung oder dem Bildungssektor zu entickeln und durchzuführen.
Dazu ist vor allem eines notwendig: Expertise, sei es von kosovarischen oder internationalen Experten. Diese kostet Geld (denn natürlich ist guter Rat teuer) und schlägt sich dementsprechend in den Personalkosten wieder. Der Vorteil: Beratungsleistungen lassen sich nicht wie z.B. Finanzleistungen für den Autobahnbau veruntreuen und wirken somit einem ebenso gegenwärtigem Phänomen in Kosovo entgegen: dem - um Herrn Rexhepis Wortwahl aufzunehmen - Parasitentum in den kosovarischen Institutionen selber.
Ich würde mich freuen, wenn Ihr ins Albanisch übersetzter Artikel in Kosova eine Debatte auslöst. Herr Rexhepi hat sicherlich auch einleuchtendere Gründe, an seiner Wortwahl festzuhalten.
Besten Gruß aus Prishtine.
Zitat:
"Die Begründung, dass ein Großteil von Mitteln der Organisationen Personalausgaben sind, zieht nicht. Denn der moderne Ansatz von Internationaler Zusammenarbeit ist, ..."
Doch, die Begründung zieht - leider - sehr wohl. Der "moderne Ansatz" ist zwar prinzipiell richtig, bleibt aber mehr oder weniger eine Fassade. Begründung dafür ist sehr einfach: für sehr viele "Helfer" ist der dortige Aufenthalt ein lukratives Geschäft, für viele davon gar ein wohl vergütetes Abenteuer, das sich in ihrem CV gut macht.
Zitat:
"Die Begründung, dass ein Großteil von Mitteln der Organisationen Personalausgaben sind, zieht nicht. Denn der moderne Ansatz von Internationaler Zusammenarbeit ist, ..."
Doch, die Begründung zieht - leider - sehr wohl. Der "moderne Ansatz" ist zwar prinzipiell richtig, bleibt aber mehr oder weniger eine Fassade. Begründung dafür ist sehr einfach: für sehr viele "Helfer" ist der dortige Aufenthalt ein lukratives Geschäft, für viele davon gar ein wohl vergütetes Abenteuer, das sich in ihrem CV gut macht.
Zitat:
"Die Begründung, dass ein Großteil von Mitteln der Organisationen Personalausgaben sind, zieht nicht. Denn der moderne Ansatz von Internationaler Zusammenarbeit ist, ..."
Doch, die Begründung zieht - leider - sehr wohl. Der "moderne Ansatz" ist zwar prinzipiell richtig, bleibt aber mehr oder weniger eine Fassade. Begründung dafür ist sehr einfach: für sehr viele "Helfer" ist der dortige Aufenthalt ein lukratives Geschäft, für viele davon gar ein wohl vergütetes Abenteuer, das sich in ihrem CV gut macht.
Hallo Zack34.
Sie sprechen von "Helfern", die in Kosova unterwegs sind, aber dabei kräftig verdienen und dabei ihre eigene Karriere im Blick haben.
Ich sprecher bewusst nicht von "Helfern", sondern Beratern. Denn wenn man Kosovo mit dem Anliegen kommen würde, zu "helfen", säße man schnell wieder vor der Tür. Was notwendig ist, ist eine Beratung durch "Fachleute" und "Manager", welche diese Beratung mit den kosovarischen Institutionen abstimmen, diese planen, deren erfolgreiche und transparente Umsetzung garantieren sowie die Wirkungen belegen.
Und hier kommt der eigentlich wichtige Moment ins Spiel: Diese Experten und Manager müssen etwas von ihrem Job verstehen, was sie durch Ausbildung,(Auslands-)Erfahrung und beruflichen Erfolgen(alles schön aufgelistet im CV) belegen müssen. Philantropische Helfer, die - ohne rücksicht auf ihren CV - von einer Hilfsaktion zur nächsten hecheln um zu helfen nützen Kosova herzlich wenig. Und werden von den kosovarischen Institutionen auch nicht nachgefragt!
Die Professionalität und Relevanz des Personals der internationalen Organisationen hängt also an der Personalwauswahl ab: wird Personal auf Grundlage geeigneter Kriterien (Expertise, Managementfähigkeit, Regionalerfahrung) und idealerweise mit den kosovarischen Institutionen ausgewählt? Ob dies immer so ideal abläuft und welche Personen ausgewählt werden, stelle ich auch in Frage. Aber glauben Sie mir, Kosovo ist selbstbewusst genug, die Ablehnung dieser zu zeigen.
Besten Gruß.
Herr Rexhepi ist gut beraten sich mit seiner Arbeit bzw. Arbeit seines Ministeriums zu beschäftigen. Genug zu tun hat er schon.
Er und seine Kollegen in der Regierung sollten ihre Energie nicht verschwenden in dem sie andere, in diesem Fall das ausländische Personal in Kosovo, kritisieren.
Tatsache ist aber, dass seit dem Ende des Krieges, viele ausländische Polizisten, Beamte, Berater, Helfer usw., im Kosovo tätig waren ohne auch ein ernsthaftes Interesse zu haben dem Land zu helfen. In Kosovo konnte/kann man für wenig „Arbeit“ gut verdienen. Das Leben ist günstig, in 3-4 Stunden kann man die schönen Seen in Mazedonien oder die griechische Küste erreichen. Dort verbringen viele ihr Wochenende aber auch die schönen Berge des Kosovo bieten einiges. Insbesondere Polizisten und Beamten aus div. Ländern die mit den gleichen Problemen wie Kosovo kämpfen, sind im Kosovo Fehl am Platz. Wie soll ein Polizist aus einem afrikanischen Land den Verkehr regeln wenn er diesen aus seiner Heimat gar nicht kennt?
Auch einige EU- Beamten (rumänische EULEX-Beamten lassen grüßen) haben im Kosovo nichts verloren. Schon gar nicht wenn sie die Kriminalität im Land selbst fördern.
Man darf nicht vergessen, dass die meisten Helfer aus dem Ausland gute Arbeit leisten für die sie großen Respekt verdienen. Genau diese Helfer braucht das Land. Auch Herr Rexhepi&co.
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