Sozialismus Kuba erlaubt Bürgern ein bisschen mehr Privatwirtschaft

Von Reformen will Raúl Castro nicht sprechen. Der Sozialismus bleibe. Doch der Staat könne sich nicht um alles kümmern. So soll nun mehr Selbständigkeit erlaubt werden.

Kubas Präsident Raúl Castro öffnet den heimischen Arbeitsmarkt weiter – doch von Reformen will er dabei nicht sprechen

Kubas Präsident Raúl Castro öffnet den heimischen Arbeitsmarkt weiter – doch von Reformen will er dabei nicht sprechen

Im Kampf gegen die schlechte Wirtschaftslage hat die kommunistische Regierung Kubas angekündigt, mehr Selbstständigkeit auf dem Arbeitsmarkt zuzulassen. Der Ministerrat habe beschlossen, die Bandbreite für freiberufliche Tätigkeiten auszuweiten, sagte Präsident Raúl Castro. Zugleich schloss er Zugeständnisse an Regierungsgegner aus, nachdem er im Juli überraschend die Freilassung von 52 Dissidenten angekündigt hatte.

Nach Angaben von Wirtschaftsminister Marino Murillo soll die vor drei Monaten testweise eingeführte Privatisierung von Friseur- und Schönheitssalons auf andere Dienstleistungsbereiche ausgeweitet werden. Dies solle es dem Staat, der mehr als 90 Prozent der Wirtschaft kontrolliert, ermöglichen, "sich um wichtigere Dinge" zu kümmern, sagte der Wirtschaftsminister. Der Staat könne sich nicht "um alles kümmern", fügte er hinzu.

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Hoffnungen der Bevölkerung auf einen tief greifenden Wandel erteilte Murillo eine Absage: "Man kann nicht von Reformen sprechen, sondern von einer Aktualisierung des kubanischen Wirtschaftsmodells." Auch weiterhin sollten die Gesetze des Sozialismus und nicht des Marktes herrschen. 

Castro sagte zum Abschluss der Parlamentsdebatte, die Änderungen würden "Schritt für Schritt" umgesetzt, "im Rhythmus, den wir selbst bestimmen", um Fehler auszuschließen. Für Anfang nächsten Jahres kündigte Castro neue Lohn- und Gehaltspraktiken für Hunderttausende Staatsangestellte an, die nicht mehr gebraucht würden. Für diese Arbeitslosen biete sich durch die Ausweitung des Privatsektors eine Alternative. Hintergrund sind Pläne der Regierung, bis zu einer Million Arbeitsplätze – 20 Prozent der kubanischen Arbeitskräfte – von der staatlichen Gehaltsliste zu streichen.

Castro äußerte sich zudem erstmals öffentlich zu der von ihm beschlossenen Freilassung von 52 Dissidenten und schloss jegliche Zugeständnisse gegenüber "Feinden des Vaterlandes" aus. "Es wird keine Straffreiheit geben für die Feinde des Vaterlandes, für diejenigen, die versuchen, unsere Unabhängigkeit zu gefährden", sagte er. Die inzwischen freigelassenen Dissidenten seien nicht wegen ihrer Ideen verurteilt worden, sondern weil sie "im Dienste der US-Regierung und ihrer Blockade- und Umsturzpolitik Verbrechen begangen haben", sagte der Präsident, der das Amt vor vier Jahren von seinem älteren Bruder Fidel übernommen hatte.

Nach Verhandlungen mit Spanien und der katholischen Kirche hatte die kubanische Führung Anfang Juli überraschend angekündigt, 52 politische Häftlinge freizulassen. Sie gehören zu einer Gruppe von insgesamt 75 Regierungsgegnern, die im März 2003 festgenommen und zu Haftstrafen zwischen sechs und 28 Jahren verurteilt worden waren. 20 von ihnen sind inzwischen frei und wurden von Spanien aufgenommen. Ein bereits im Juni freigelassener Dissident befindet sich jetzt in den USA. Nach Angaben der von der kommunistischen Regierung geächteten, aber geduldeten Kubanischen Kommission für Menschenrechte und nationale Versöhnung, gäbe es in Kuba nach der Freilassung der 52 Häftlinge noch rund hundert politische Gefangene.

Raúl Castros Bruder Fidel, der sich in den vergangenen Wochen mehrfach in der Öffentlichkeit gezeigt hatte und am 13. August 84 Jahre alt wird, nahm nicht an der Parlamentssitzung teil. Stattdessen empfing er Medienberichten zufolge den chinesischen Außenminister Yang Jiechi.
 

 
Leser-Kommentare
  1. für die Bürger in einer der letzten sozialistischen Diktaturen. Ich hoffe auf weitere Reformen und einen unblutigen Übergang zur Freiheit und Rechtsstaatlichkeit!

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    Es ist erstaunklich, wie lange schon Castro es geschafft hat, sein Modell, welches schon länger reformiert gehört, zu halten. Außerdem freut es mich, dass Kuba nicht wieder die Vergnügungsinsel für Reiche iund Kriminelle aus den USA geworden ist. Wenn er den überwiegenden Teil des Volkes weiterhin an sich und seine Ideen binden will, muss er aber jetzt Entgegenkommen zeigen. Allein auf den Tourismus kann und sollte er sich nicht verlassen.

    Es ist erstaunklich, wie lange schon Castro es geschafft hat, sein Modell, welches schon länger reformiert gehört, zu halten. Außerdem freut es mich, dass Kuba nicht wieder die Vergnügungsinsel für Reiche iund Kriminelle aus den USA geworden ist. Wenn er den überwiegenden Teil des Volkes weiterhin an sich und seine Ideen binden will, muss er aber jetzt Entgegenkommen zeigen. Allein auf den Tourismus kann und sollte er sich nicht verlassen.

  2. Wenn die Diktatur in Kuba schlau ist, kann sie viel aus ihrem Land machen. Boris Jelzin verwechselte Marktwirtschaft mit Bazar. Die Folgen: Bürgerkriegsähnliche Unruhen und Mafiabosse, die jetzt als Milliardäre irgendwelchen halbstaatlichen Konzernen vorstehen.

    Die Diktatur in Kuba könnte statt dessen die neuesten und innovativsten Ansätze der Wirtschaftswissenschaft nutzen, um ein völlig neues Wirtschaftsmodell zu etablieren. Ich verweise nur auf das INET und andere Thinktanks, die "Echte-Preise-Theorie", strategische Handelspolitik auf dem neusten Stand der Erkenntnisse, Einbezug der Glücksforschung und und und...

    Aber es steht ein Wandel wie in der ehemaligen Sovjetunion zu befürchten, wenn überhaupt. Einfallslos, ratlos, ohne Kreativität und Mut. Das ist am einfachsten und Menschen sind denkfaul und ängstlich...

  3. Es ist erstaunklich, wie lange schon Castro es geschafft hat, sein Modell, welches schon länger reformiert gehört, zu halten. Außerdem freut es mich, dass Kuba nicht wieder die Vergnügungsinsel für Reiche iund Kriminelle aus den USA geworden ist. Wenn er den überwiegenden Teil des Volkes weiterhin an sich und seine Ideen binden will, muss er aber jetzt Entgegenkommen zeigen. Allein auf den Tourismus kann und sollte er sich nicht verlassen.

    Antwort auf "es gibt Hoffnung"
  4. "Hintergrund sind Pläne der Regierung, bis zu einer Million Arbeitsplätze – 20 Prozent der kubanischen Arbeitskräfte – von der staatlichen Gehaltsliste zu streichen."
    Da zeigt sich wieder einmal die fiese Fratze des Sozialismus, zuerst die Leute entlassen und dann
    "Auch weiterhin sollten die Gesetze des Sozialismus und nicht des Marktes herrschen."
    erwarten das man den Frisörbetrieb gefälligst sozialistisch führt. Hä?

  5. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

  6. passen Despotie und Kapitalismus auch in "kommunistischen" Länder hervorragend zusammen...

  7. Soweit ich weiß, sind Privatwirtschaft und Sozialismus kein Wiederspruch. Es gibt eigentlich keine klare Definition, was genau Sozialismus eigentlich ist. In Kuba ist es wohl die kommunistisch-totalitäre Variante. In anderen sozialistischen Staaten wird aber vorallem darauf geachtet, Kernbereiche zu vergesellschaftlichen. In Ländern mit Rohstoffen sind das z.B. Erdöl/Kohle Industrie.

    Wer weitergehen möchte als die Daseinsfürsorge und wenige Kernbereiche der Industrie, wird unweigerlich scheitern. Wenn Kuba wirklich jeden Friseur in staatlicher Hand hatte, wird es höchste Zeit das zu ändern. Jetzt gilt es mit Bedacht, einzelne Bereiche wieder freizugeben. Eine Öffnung von heute auf morgen würde zur hemmungslosen "Fledderung" führen, so geschehen in Russland oder auch der DDR. Es gibt keine aggressiveren "Leichenfledderer", als Investoren die Neuland betreten dürfen.

    • adept
    • 02.08.2010 um 19:14 Uhr

    ... die menschen in den ganzen arabischen und post-kolonialistischen "dritte-weg" staaten, wie z.B. Lybien. Da ist der terminus "dritter weg zwischen westlichem und sozialistischem modell" auch nur ein euphemismus um den menschen die politische partizipation zu versagen.

    Die geschichte zeigt: überall dort, wo menschen die freiheit haben sich selbst helfen zu können herrscht niemals elend. Daher haben auch alle versucht in der form wir-wollen-eine-bessere-gesellschaft-aber-dazu-müssen-wir-alle-zum-mitmachen-zwingen hinterher immer zu einer schlechteren gesellschaft geführt. Denn es ist die unfreiheit die das elend erzeugt. Auf das dies eine lehre für alle leute sei, die heute noch sozial- oder öko-beglückungsfantasien anhängen.

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