Der junge Mann war weit gereist, um zu sterben. Er raste mit einem mit Sprengstoff beladenen Toyota in ein Büro des Geheimdienstes von Puntland, im Norden Somalias. Dann zündete er die rollende Bombe. Shirwa Ahmed, amerikanischer Staatsbürger mit somalischen Wurzeln, riss am 29. Oktober 2008 zahlreiche Menschen mit in den Tod.

Gleichzeitig schlugen vier andere Selbstmordattentäter in Somalia zu. Sie attackierten den Präsidentenpalast, ein Gebäude der UN und eine Hilfsorganisation. Die amerikanische Bundespolizei FBI ermittelte, dass Shirwa Ahmed und rund 20 weitere Männer aus Minnesota nach Somalia gereist waren, um dort einen Heiligen Krieg gegen die Übergangsregierung und ausländische Truppen zu führen.

Kein Einzelfall: Am Donnerstag nahmen amerikanische Sicherheitsbehörden erneut mehrere Männer fest, die Verbindungen zu somalischen Terrororganisationen unterhalten haben sollen.

Nach Angaben amerikanischer und europäischer Sicherheitskräfte ist Somalia neben dem afghanisch-pakistanischem Grenzgebiet und Jemen der wichtigste Rückzugsort für islamische Terroristen. Der Staat ist zerfallen, die Macht haben Warlords, Bandenchef und Clans. "Das Land ist zu einem Hort für Piraten und dschihadistische Kämpfer geworden", heißt es ganz offiziell im Auswärtigen Amt. Das Ministerium pflegt sonst größere Zurückhaltung bei der Beschreibung anderer Staaten. Für diplomatische Beschönigung gibt es bei Somalia schlicht keinerlei Anlass. Das Land destabilisiert eine ganze Region.

Frieden am Horn von Afrika ist nur möglich, wenn es gelingt, ein Mindestmaß an Sicherheit in Somalia zu schaffen
Staatsminister Werner Hoyer

"Frieden am Horn von Afrika ist nur möglich, wenn es gelingt, ein Mindestmaß an Sicherheit in Somalia zu schaffen", sagte Staatsminister Werner Hoyer vor Kurzem bei einem Treffen der europäischen Außenminister. Die EU hat ein Trainingsprogramm für somalische Soldaten in Uganda begonnen. Die Somalis sollen für den Kampf gegen Piraten und Terroristen ausgebildet werden. 13 der 140 internationalen Trainer stellt die Bundeswehr. 2000 somalische Unteroffiziere und Offiziere werden in "Minenabwehr, Kampf im bebauten Gelände, Sanitäts- und Fernmeldewesen" geschult. Die Sicherheitslage Somalias lässt sich so allerdings kaum verbessern.

Die großen Hoffnungen, die Somalia vor 50 Jahren begleiteten, als die Region die italienische und britische Kolonialherrschaft abstreifte und ein geeinter, freier, unabhängiger Staat wurde, lösten sich nach Jahrzehnten der Gewalt im Nichts auf. Heute steht Somalia symbolhaft für einen failed state – und für das Versagen der internationalen Gemeinschaft und der Afrikanischen Union.

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Jede dritte Somali ist auf humanitäre Hilfe aus dem Ausland angewiesen, 1,5 Millionen Menschen leben an Binnenvertriebene in notdürftigen Lagern, 600.000 sind nach Angaben der UN ins Ausland geflohen. 3,8 Millionen – rund 40 Prozent der Bevölkerung gelten als Not leidend – viele Hilfsorganisationen haben wegen der dramatisch schlechten Sicherheitslage jedoch Somalia verlassen. Das Auswärtige Amt zählt Somalia zu den größten Krisengebieten der Welt.

Die Unabhängigkeitsfeier fiel wegen dem Bürgerkrieg aus. Militärparaden, Ansprachen, Jubelfeiern – die anderen afrikanischen Staaten, die vor 50 Jahren in die Unabhängigkeit entlassen wurden, begehen das Jubiläum mit Prunk. Somalia hingegen hat wenig zu feiern. Die Übergangsregierung ohne demokratisches Mandat verfügt in großen Teilen des Landes über keine Macht. In Südsomalia kämpft die Regierungsmiliz gemeinsam mit den Friedenstruppen der Afrikanischen Union gegen die in mehrere Fraktionen zersplitterte Union der Islamischen Gerichtshöfe sowie gegen die al-Shabab.

Gebildet hat sich die Übergangsregierung 2004 im Exil in Kenia. In einem Hotel im winzigen Nachbarstaat Dschibuti holte sie sich dann die Zustimmung zahlreicher Clans. Die Sicherheitslage ließ kein Treffen in Somalia zu. Besonders kritisch ist die Lage in Zentral- und Südsomalia, auch die Hauptstadt Mogadischu ist unsicher. "Deutschen Staatsangehörigen wird dringend geraten, das Land zu verlassen. In ganz Somalia besteht für westliche Staatsangehörige ein sehr hohes Entführungsrisiko", teilt das Auswärtige Amt in einer Reisewarnung mit. Deutschland, die USA und die meisten anderen westlichen Staaten unterhalten in Somalia keine diplomatische Vertretung – auch dafür ist die Lage zu unsicher.