Die erste Aufregung über die auf Wikileaks veröffentlichten Dokumente des amerikanischen Militärs ist verebbt. Alles, was dort stehe, sei doch den Experten bekannt, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Und tatsächlich, wer sich regelmäßig über den Krieg in Afghanistan informiert hat, weiß, dass geheime Spezialkräfte auf Jagd nach Terroristen und Taliban gehen. Dass der pakistanische Geheimdienst ISI eine unrühmliche Rolle in Afghanistan spielt. Dennoch bieten die Dokumenten einen tiefen Einblick in die Realität des Einsatzes, der mittlerweile ins neunte Jahr gegangen und dessen Ende nicht in Sicht ist. 

Es sind in der Mehrzahl alltägliche Begebenheiten, die in den Militärakten dokumentiert sind. Und gerade deshalb, ist das, was dort zu finden ist, so alarmierend. Es zeigt: Auch in den vermeintlich ruhigsten Regionen Afghanistans, auch in den vermeintlich ruhigsten Monaten des Jahres gibt es fast täglich Zwischenfälle, fast täglich kommt es zu Angriffen mit Raketen, Mörsern, Kalaschnikows und Sprengfallen.

ZEIT ONLINE hat den aktuellsten Monat des Wikileaks-Materials, den Dezember 2009, für den Norden ausgewertet. Dieser Monat gilt generell als ruhigerer in Afghanistan. Die Kämpfer ziehen sich im Spätherbst traditionell in ihre Lager zurück, auf den Gebirgspässen liegt Schnee, die Armeen sind wegen der Kälte in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Doch der Winterbeginn 2009, das zeigen die Dokumente, ist von keiner nennenswerten Kampfpause begleitet. Längst sind die Taliban und andere Aufständische im Norden angekommen, haben sich dort sichere Operationsbasen geschaffen.

Beispiel Weihnachten 2009: Am 24. Dezember listen amerikanische Einheiten der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) für das von Deutschland geführte Regionalkommando Nord (RC North) zwei relevante Vorfälle auf. Unbekannte bringen unter einem Auto des Milizen-Anführers Saleb Khan bei Kundus einen Sprengsatz an. Zwei Bodyguards sterben nach der Explosion. Und im Almar Distrikt gerät eine gemischte Patrouille der Armee und der Polizei, die von ausländischen Ausbildern begleitet werden, unter Feuer. Die Truppe fordert einen "Close Air Support" an. Als die Kampfflugzeuge das Zielgebiet erreichen, ist das Feuergefecht vorbei.

An den beiden Weihnachtsfeiertagen verzeichnen die Militärdokumente vier weitere Vorfälle für den Norden: Zwei Hubschrauber, die in Kundus landen wollen, werden beschossen, in einem Dorf wird Material zum Bombenbau gefunden, an einer Straße eine Sprengfalle und dann auch noch ein Blindgänger, der entschärft werden muss. Und das sind nur die relevanten Vorfälle, die gemeldet wurden.

Deutschland, das getreu der Losung von Peter Struck die Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt, befindet sich umgangssprachlich im Krieg. Das sagen Kanzlerin und Verteidigungsminister. Was das bedeutet, zeigen die auf Wikileaks veröffentlichten Dokumente des amerikanischen Militärs.

 

Zwar sind einzelne Vorfälle längst bekannt. So listet der ehemalige Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei seit Jahren zahlreiche Gefechte und sicherheitsrelevante Vorkommen im Norden auf. Die wesentlichen Ereignisse sind dort zu finden. Nachtweis Homepage zeigt aber andererseits auch, dass die Wikileaks-Dokumente nicht vollständig sind: Der Grünen-Politiker hat von Vorfällen erfahren, die im Datenpaket des Enthüllungsnetzwerkes unter der Rubrik "RC North" nicht auftauchen – vermutlich, weil die Deutschen längst nicht alle Ereignisse an die Amerikaner oder die Isaf gemeldet haben.

Die Lektüre der überwiegend geheimen Wikileaks-Akten lohnt sich dennoch. Um die Informationen in allen rund 92.000 Dokumenten zu erfassen, werden Wissenschaftler und Journalistan Jahre brauchen. Für den Norden belegen die Militärmeldungen einen erbitterten Kampf um die Ringstraße, die Lebensader Afghanistans. Fast täglich müssen im Norden Entschärfer ausrücken, um am Straßenrand versteckte Sprengfallen, sogenannte IEDs, zu entschärfen. Ebenso häufig beschießen Taliban die Patrouillen der Isaf und der afghanischen Sicherheitskräften mit Mörsern und Raketen. Und die Aufständischen greifen zivile Trucks an, die Treibstoff und Lebensmittel in den Norden bringen. An illegalen Checkpoints lauern Banden auf Beute.

Oft scheint nur das Glück die ausländischen Soldaten zu retten – sie tragen nach Explosionen zwar Verletzungen davon, bleiben aber am Leben. So listen die Dokumente für den Dezember zwar einige Männer der Isaf als WIA (wounded in action) – als verwundet – auf. Getötet wird in diesem Monat in Nordafghanistan kein Isaf-Soldat. Für die afghanischen Soldaten und Polizisten sieht es deutlich schlechter aus – vor allem auch für die Zivilisten. Zwölf Polizisten, zwei Soldaten und zwei Zivilisten sterben im Dezember. 18 Aufständische wurden von Isaf-Soldaten und afghanischen Sicherheitskräften getötet.

Die Gefahr lauert vor allem auf der Straße. So überfallen am 6. Dezember einige Talibankämpfer einen zivilen Konvoi, der von privaten Sicherheitskräften eskortiert wird. Eine sogenannte HUMINT-Quelle, ein afghanischer Informant, teilt der US-Armee mit, dass die Täter "Mr. Weiss (IS 2293), Iman Shabz, Ehsan" gewesen seien. Wer sich hinter dem Decknamen "Mr. Weiss" verbirgt, ist unklar – IS steht für Insurgent Serial Number, einen bei der Isaf bekannten Gegner.

In einem weiteren Dokument wird als Anführer ein Mann namens Mir Vaisz genannt. Er und seine Kämpfer überfallen am 14. Dezember einen Checkpoint der Polizei. Acht Beamte werden erschossen. Die Angreifer rauben einen Geländewagen, "acht bis neun AK-47". Das Kalaschnikow-Sturmgewehr ist die Standardwaffe der Sicherheitskräfte und der Aufständischen. Gefährlicher für die Isaf ist, dass die Taliban auch einen Granatwerfer und ein Funkgerät entwenden, mit dem sie die Kommunikation zwischen Isaf und Afghanen abhören können.

Viele der interessanteren Informationen, die per Wikileaks für den Norden für Ende 2009 zu recherchieren sind, stammen von der amerikanischen Task Force Warrior. Diese Einheit besteht aus Soldaten der 10. Mountain Division, die ähnlich wie die deutschen Gebirgsjäger für den Kampf in großer Höhe trainiert werden. Diese Task Force berichtet, dass die Taliban die Bauern im Norden bedrohen und von jedem 5.000 Afghani als Zahlung für ihren Kampf fordern. Offensichtlich kann die Isaf sie nicht daran hindern.

Die Datensammlung zeigt deutlich, dass die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte eine Illusion bleibt. Die Lage ist keineswegs unter Kontrolle. Die Sicherheit, für die laut Außenminister Westerwelle und Verteidigungsminister Guttenberg bald die Afghanen verantwortlich sein sollen, existiert in großen Teilen des Mandatsgebiets schlicht nicht.

 

Zu allgegenwärtig sind die Taliban. Und zu flexibel. Innerhalb kürzester Zeit können sie eine große Zahl von Kämpfern mobilisieren. Das wird am 28. Dezember deutlich. Afghanische Quellen melden gegen 18.40 Uhr eine Offensive der Taliban gegen den Ort Shar-i Khona. 100 bis 200 Kämpfer errichten vor dem Ort eine Straßenblockade und zünden darin Geschäfte an.

Die afghanische Polizei und die Armee starten einen Gegenangriff. Die Sicherheitskräfte setzen Mörser ein. Fünf Aufständische und zwei Soldaten sterben beim Schusswechsel. Die Taliban fliehen mit Fahrzeugen in andere Siedlungen.

Wenn deutsche Soldaten in Gefechte verwickelt werden, gibt es hingegen im Dezember keine Toten. Die Dokumente machen deutlich, dass die Bundeswehr immer noch einen anderen Krieg führt als die Amerikaner. Die Verteidigung steht auch im Dezember 2009 im Vordergrund. Die deutschen Soldaten agieren meist passiv – schießen zurück, wenn sie beschossen werden. Fliehenden Aufständischen scheint häufig nicht nachgesetzt zu werden.

Das Feuer erwidern selbst stark bewaffnete Einheiten wie die deutsche Quick Reaction Force , die schnelle Eingreiftruppe, defensiv. Als "Show of Force", also um Stärke zu zeigen, schießen die Angegriffenen mehrfach mit Mörsern Leuchtgranaten ab. Als die QRF einmal eine Furt am Fluss Kundus erkundet und beschossen wird, zünden sie Rauchgranaten, um sich zu verbergen. Getötet oder verletzt wird offenbar kein Angreifer –  auch nicht, als ein deutsches Scharfschützenteam die Aufständischen aufspürt. 

Fast alle Tötungen von Taliban und anderen Aufständischen sowie die Festnahmen von Anführern gehen im Mandatsgebiet der Bundeswehr auf das Konto der afghanischen Sicherheitskräfte. Krieg scheinen zumindest Ende 2009 vor allem die afghanischen Sicherheitskräfte im Norden zu führen. Dass ihr Kampf gegen Taliban und Terroristen von Erfolg gekrönt sein wird, scheint nach der Lektüre der Wikileaks-Dokumente ausgeschlossen zu sein.