Australien Parteilose beherrschen einen ganzen Kontinent

Nach 70 Jahren bekommen erstmals Parteilose eine Schlüsselrolle in der Regierung Australiens. Premierministerin Gillard wird dabei zur Moderatorin.

Australiens parlamentarischer Demokratie stehen turbulente Zeiten bevor. Die Ankündigung des Unabhängigen Rob Oakeshott, einer von zwei Parteilosen, eine Labor-geführte Minderheitsregierung stützen zu wollen, ist Warnung und zugleich Beleg dafür. Der künftigen Regierung von Premierministerin Julia Gillard werde er "im Fall von Misswirtschaft oder Korruption" das Vertrauen gleich wieder entziehen, verkündete er.

Oakeshotts deftige Wortwahl zeigt, in welcher Krise das Land und sein parlamentarisches System derzeit stecken. Australien steht seit Langem eigentlich als Musterschüler unter den Industrienationen da, von Misswirtschaft und Korruption im Flächenstaat am Südpazifik hat selten ein Abgeordneter gesprochen. Nun genügte ein einziger Wahlausgang mit unsicheren Mehrheiten. Und siehe da: Die Wüste lebt.

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Das Mehrheitswahlsystem, das Liberalkonservativen und Labor seit 70 Jahren im programmierten Wechsel zur Macht verhalf, hat sich in den Augen vieler Australier ad absurdum geführt. Künftig wird also eine Handvoll unabhängiger Politiker im Parlament von Canberra darüber wachen, wie die oft großspurigen Versprechungen der Volksparteien in der parlamentarischen Praxis umgesetzt werden.

Die Gewinnerin des Augenblicks ist Julia Gillard. Sie dürfte, wenn sich das neue Parlament konstituiert, als erste Frau im Amt des australischen Premierministers bestätigt werden. Nach zweieinhalb Wochen zäher Verhandlungen gelang es der Sozialdemokratin, eine denkbar knappe Mehrheit von Abgeordneten, 76 von 150, im Unterhaus zustande zu bringen. Zunächst schloss Gillard ein Bündnis mit zwei Abgeordneten der Grünen. Noch schwieriger war es, zwei Parteilose, darunter Oakeshott, die sich zuvor von den Liberalkonservativen abgespalten hatten, für eine Mitte-Links-Regierung zu begeistern.

Verlierer ist Oppositionsführer Tony Abbott, vor allem deshalb, weil er sich weigerte, den Unabhängigen Einblicke in die Finanzierung seines Wahlprogramms zu gewähren. Es ist wie eine Revolution im Commonwealth of Australia: Eine Handvoll Parteiloser zwingt die beiden Volksparteien, ihre Programme mit Zahlen zu belegen. Da die Bildung einer Großen Koalition im britisch geprägten Parlament von Canberra praktisch ausgeschlossen ist, kommt den insgesamt drei Parteilosen, die allesamt ländlich geprägte Wahlkreise vertreten, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg eine Schlüsselrolle zu.

Zuweilen chaotisch präsentierte sich das Parlament in der abgelaufenen Legislaturperiode, die durch den Labor-internen Putsch gegen Ex-Premier Kevin Rudd und die vorgezogenen Neuwahlen ein jähes Ende fand. Häufiger als anderswo, alle drei Jahre, wird in Australien gewählt. Doch was sich in der vergangenen Periode in den heiligen Hallen des Parlaments von Canberra abspielte, hat dessen Würde vielfach verletzt. Einmal traten mehrere Abgeordnete der Opposition mit Schnapsflaschen ans Rednerpult, um plakativ gegen eine Steuer auf Alkoholmixgetränke zu protestieren. Bei einer anderen Sitzung zitierte Ex-Premier Rudd minutenlang genüsslich aus einer Liste über Investitionen in das Straßennetz einzelner Wahlkreise, um Abgeordnete der Liberals und Nationals zu provozieren. Fragesteller überboten sich mit boshaften Unterstellungen. Antwortgeber ignorierten das Gefragte und redeten minutenlang am Thema vorbei.

Als Bedingung für die Unstützung einer neuen Regierung haben die beiden Parteilosen Rob Oakeshott und Tony Windsor daher eine Parlamentsreform mit Gillard ausgehandelt. Demnach wird etwa der Parlamentspräsident, der Speaker, künftig keiner Partei mehr zugehören. Dies solle einem Wandel der Parlamentskultur zugute kommen, begründeten die unabhängigen Abgeordneten diese Maßnahme. Während der vom australischen Fernsehen übertragenen Question Time werden Abgeordneten künftig nur noch 45 Sekunden zugestanden, um eine Frage zu stellen. Regierungschef und Minister bekommen nicht mehr als vier Minuten Zeit, um darauf zu antworten. Ihre Statements sollen sich zudem klar auf die gestellte Frage beziehen. "Das politische System Australiens ist bislang von der Exekutive dominiert worden", erklärt Oakeshott die angestoßene Reform. "Die Abgeordneten haben nur eine untergeordnete Rolle gespielt."

Leser-Kommentare
    • iDog
    • 07.09.2010 um 21:45 Uhr

    ich hoer immer krise ??? gewohnlich wird als krise der demokratie bezeichnet , wenn sich tatsaechliche demokratische kontrolle durchzusetzen beginnt . wer nennt so etwas krise ? die oligarchen und maechtigen, denen dann ihre unkmontrollierte pseudo "demokratie von oben" zwischen den fingern zu zerrinnen droht.

    warum haben die waehler unabhaengige kandidaten gewaehlt? ganz einfach: schnauze voll von den parteikorrupten regierungen und deren dienstleister alluren für die elite. mehr parteilose bedeutet mehr kontrolle, denn der unabhaengige kandidat ist eben nicht der partei, sondern bestenfalls seinen waehlern verpflichtet. ein krise , ja , aber nur für die bislang alleine und unkontrolliert herrschenden. für alle anderen ist es ein sich lohnender versuch, denn schlechter kann es sicher nicht werden - hoechstens besser , und das heisst demokrartischer.

  1. Im Kern trifft Herr Schmilewskis Zusammenfassung der Geschehnisse in Australien zu, aber - vermutlich um den Artikel uebersichtlich zu belassen, einige wichtige Details wurden beiseite gelassen:
    1)Es sind nicht zwei Gruene im Unterhaus vertreten, sondern nur einer. Der Unabhaengige Andrew Wilkie kann aber zurecht als ideologisch den Gruenen nahestehend bezeichnet werden. Es ist dennoch angemessen zu differenzieren, da Wilkie doch seine eigene Agenda verfolgt und sich auch klar seinem eigenen Wahlkreis verpflichtet fuehlt (siehe die Forderung nach finanzieller Unterstuetzung fuer das 'Royal Hobart Hospital'.
    2)Insgesamt gibt es im Unterhaus nun 6 Abgeordnete, die sich nicht direkt als Teil von Labour (in Schmilewskis Text meiner Meinung nach passend mit 'Sozialdemokraten' uebersetzt) oder Liberal (Schmilewski: Liberalkonservativen) verstehen. Labour hat sich die provisorische Unterstuetzung von vieren dieser Abgeordneten gesichert.
    3) "Zuweilen chaotisch präsentierte sich das Parlament in der abgelaufenen Legislaturperiode" - da musste ich dann doch lachen; die unruehmlichen Scheindebatten, die der Autor beschreibt sind schon seit Jahrzehnten moniert worden. Da stoeren sich eigentlich auch beide grossen Parteien dran, aber bisweilen gab es nie eine Aenderung des parlamentarischen Protokols, da die gegenwaertige Regierung (und Mehrheitspartei) immer davon profitierte. Von daher wundert es auch nicht, dass diese Reformen ausgehandelt wurden bevor es zu einer Entscheidung zur....

  2. ...Regierungsbildung kam. Von daher wuerde ich dies nicht unbedingt als eine Bedingung Oakshots und Windsors beschreiben and wenn man es doch tut, so sollte dann auch der dritte laendliche Abgeordnete, Bob Katter, genannt werden (welcher sich dazu entschlossen hat die Opposition zu unterstuetzen).
    4)"Verlierer ist Oppositionsführer Tony Abbott, vor allem deshalb, weil er sich weigerte, den Unabhängigen Einblicke in die Finanzierung seines Wahlprogramms zu gewähren." - Das sah zwar fuer die Australischen Buerger gar nicht gut aus, vor allem dann nicht als das Finanzministerium der Opposition attestierte sich um circa 7 Milliarden zu ihren Gunsten verschaetzt zu haben, aber keiner der unabhaengingen Abgeordneten erwaehnte dies als wichtigen Faktor in seiner Entscheidung. Es ging vielmehr um (a) die Wahrscheinlichkeit, dass die Regierung die naechsten drei Jahre uebersteht, (b) die Aufruestung der Internetverbindung vor allem im Busch durch ein nationales Glasfasernetzwerk, (c)die Einstellung der Parteien zur globalen Erwaermung und der Bekaempfung des Treibhauseffektes, was in Australien eine viel groessere Rolle spielt als gemeinhin in Europa angenommen.
    5) "Gillard hat Oakeshott und Windsor bereits Posten im Kabinett zugesagt." - Nein, nur Oakeshott und nicht Windsor. Ausserdem hatte Oppositionsfuehrer Abbott Oakeshott scheinbar auch die gleiche Offerte gemacht, so dass dies nicht ausschlaggebend fuer die Entscheidung war.
    Spannend gerade in Australien. Mehr berichten lohnt.

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