Europäisches Parlament Barrosos Machtkalkül
Der EU-Kommissionspräsident meldet neuen Machtanspruch an und will sich mit dem Parlament verbünden. Doch das traut sich nicht.
Es ist allzu leicht, sich über José Manuel Barroso lustig zu machen, gerade an diesem Tag. Da trat der EU-Kommissionspräsident vor das Europäische Parlament in Straßburg, um eine Rede zur Lage der Union zu halten. Wir kennen das aus Amerika. Dort lässt sich das Staatsoberhaupt zu solchen Anlässen im Kongress feiern. Barroso als europäischer Obama? Oje.
Die Wahrheit ist allerdings eine andere. Barroso kommt mit seiner Rede einer Absprache nach, die er mit den Parlamentariern zu seiner Amtseinführung traf. Jedes Jahr wird er sich mit ihnen in dieser Weise über die Lage Europas aussprechen.
Er setzt damit ein wichtiges Symbol. Europa, das ist nicht mehr nach Brüssel geliehene Macht, die kurzfristig von den nationalen Regierungen zurückgefordert werden kann, ein Basar der nationalen Eitelkeiten und Kungeleien. Vielmehr formulierte Barroso in seiner Rede für sich und seine Kommission einen eigenen Machtanspruch. Für ihn nimmt er den Konflikt mit den nationalen Regierungen in Kauf. Eine eigene EU-Steuer, EU-Anleihen für Investitionsprojekte, eine Wirtschaftsunion (und damit gemeinsame Wirtschaftsregierung), eine ernstzunehmende gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik: Dies alles kündigte der Kommissionspräsident an, wissend, dass er mit solchen Ideen nationale Souveränitäten angreift und sich in Berlin, Paris, Warschau oder Vilnius wenig Freunde machen wird.
Barroso sieht die Basis seines Machtanspruchs in dem besonderen Verhältnis zwischen Kommission und Parlament, "den beiden Gemeinschaftsorganen par excellence ". Denn im Gegensatz zum ständigen Ratspräsidenten Herman van Rompuy musste die Kommission vom direkt gewählten Parlament bestätigt werden und ist entsprechend demokratisch legitimiert. So wird aus dem Bürokraten ein Politiker, der mit ähnlichem Recht im Auftrag der Bürger sprechen kann wie jeder andere europäische Regierungschef.
Alleine, das Parlamentspräsidium selbst traute den Abgeordneten nicht zu, ihren eigenen Bedeutungszuwachs begriffen zu haben. Ängstlich drohten die Fraktionsvorsitzenden den Parlamentariern an, man werde die Anwesenheit bei möglicher Spesenstreichung kontrollieren, damit Barroso nicht vor leeren Bänken sitze. Das ist die Tragik Europas: Selbst wenn es auf dem besten Weg ist, mehr Macht und Bedeutung zu erlangen, gelingt es ihm doch immer wieder, sich selbst lächerlich zu machen.
- Datum 07.09.2010 - 15:51 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 4
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Hier hilft wohl nur - wir sind Europa, Beamte jetzt forsch an die Arbeit und nicht einfach, oh Gott was nun, wir haben plötzlich mehr Entscheidungseinfluss...
Schreck lass nach, Europa tut sich schwer mit der "Einheit" und braucht noch sicher eine Generation, Lissabon war ein guter Anfang, die Finanzkrise hat es auch gezeigt, das hier alle an einem Strang ziehen können wenn sie wollen!!! (das ist wohl das Nonplusultra - Geheimsam anstatt Alleingänge!).
Und lasst keinen Gedanken aufkommen, hier sitzen nur Leute, die im eigenen Land dezent nach Brüssel geschoben wurden.
....soll: "Das ist die Tragik Europas: Selbst wenn es auf dem besten Weg ist, mehr Macht und Bedeutung zu erlangen, gelingt es ihm doch immer wieder, sich selbst lächerlich zu machen."
Ich hätte die illegitime Art gedacht, mit der Lissabon am Bürger vorbei installiert wurde, sei tragischer. Immerhin hat man da die Legitimität der ganzen Sache zu Gunsten der einfachen Handhabung geopfert und damit die Unterstützung im Volk. So weiß jeder, dass die Bürokratie die Rechte der Bürger verachtet und bei leichtem Zweifel schon unterdrückt.
...Barroso brutalstmöglichst scheitern. Weg mit dem "EU als Bundesstaat"-Projekt!
"Denn im Gegensatz zum ständigen Ratspräsidenten Herman van Rompuy musste die Kommission vom direkt gewählten Parlament bestätigt werden und ist entsprechend demokratisch legitimiert."
*aaargh* klar demokratisch legitimiert *zwinker*
Demokratisch legitimiert können NUR Entscheidungen sein, niemals Personen, schon gar nicht derart weit entfernte, medial verfälschte und lobbykorrumpierte Leute wie in der EU. Das lernt man auch auf Nationalebene gerade sehr mühsam, bei der EU ist das natürlich noch längst nicht angekommen.
"So wird aus dem Bürokraten ein Politiker, der mit ähnlichem Recht im Auftrag der Bürger sprechen kann wie jeder andere europäische Regierungschef."
Ja, selbstgemachtes Pseudodemokratierecht.
"gelingt es ihm doch immer wieder, sich selbst lächerlich zu machen"
Nein, es ist lächerlich. Ein verkopftes Wunschprojekt, meilenweit an den Menschen vorbei. Es wird sich hoffentlich mit dem imho unausweichlichen Euro-Crash zu Staub auflösen.
Ich habe nichts gegen europäische Zusammenarbeit, aber es möge bitte eine sein, die die Nationalstaaten erhält und nicht unterminiert. Ein europäischer Staatenbund, ohne Zwänge, ohne bedingungslosen Freihandel und Kapitalfreizügigkeit, aber mit umso mehr Sachverstand, Diskussionen, Demokratie und politischem Gestaltungswillen.
Möge er dahinscheiden der Brüsseler Bürokratenkrüppel, ich würde ihm keine Träne nachweinen...
Auch die Nettoempfänger wie Griechenland oder Spanien sind in der Pflicht etwas für die EU zu tun.
Anstatt das EU Geld für großzügige Verbeamtungen, für Luxusbahnhöfe, Hochgeschwindigkeitszüge, Geisterstädte und Autobahnen ins Nichts auszugeben, müssen sie die EU Milliardenhilfen in Zukunft für Bildung und den Ausbau der Industrie einsetzen, damit sie bald unabhängig von EU Geldern wirtschaften können.
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