Ein Jahr nach der Wahl Die Grünen feiern einen paradoxen Erfolg

Die Grünen sind beliebt wie nie. Doch nachhaltig wird dieser Trend nicht sein, vielen Anhängern geht es eher um Nostalgie als um grüne Inhalte. Teil eins unserer Parteien-Serie

Kampagnen-Luftballons der Grünen nach der Bundestagswahl 2009

Kampagnen-Luftballons der Grünen nach der Bundestagswahl 2009

In diesen Tagen jährt sich die Bundestagswahl. Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung analysieren für ZEIT ONLINE, wie sich die Oppositions- und Regierungsparteien im ersten Jahr von Schwarz-Gelb entwickelt haben. Teil eins: Die Grünen.

Mehr als zwanzig Prozent für die Grünen. Bei aller gebotenen Vorsicht zeigt sich in den aktuellen Umfragen ein scheinbar unaufhaltsamer Trend. Glaubt man den Meinungsforschern, ist dies nur ein kurzfristiger Ausschlag nach oben. Glaubt man grünen Programmatikern, so kann dies nur an der breiteren inhaltlichen Aufstellung der Grünen liegen.

Deren Green New Deal scheint endlich in den Köpfen der Menschen angekommen zu sein. Endlich, mögen die Grünen ausrufen, verfangen die bisweilen komplexen programmatischen Sowohl-als-auch-Positionen des Parteiprogramms.

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Die Grünen haben damit wohl vollbracht, was die aktuellen demokratietheoretischen Debatten fast fatalistisch ausschließen: Dass die Zunahme an Komplexität die Beschäftigung mit dem Politischen befördert. Ihr Erfolg scheint auch zu beweisen, dass immer mehr Teile der Bevölkerung bereit sind, ihren privaten Lebensstil den Prämissen des ökologischen Wandels anzupassen.

Indes hat sich kaum eine Partei für ihre Positionen so viel Häme eingehandelt wie die Grünen, über kaum eine Partei – die FDP ausgenommen – existieren so viele spöttische wie Ablehnung bezeugende Stereotype. Die Grünen waren schon immer eine Projektionsfläche. Kaum eine Partei hat derart viele Häutungen durchlebt, hat derart viele Zuschreibungen polarisierenden Charakters erfahren, wie die heute irgendwie mittig-bürgerlichen, dereinst linken, bewegten Friedens- und Bürgerkinder.

Und nun also die Grünen als progressive Gestalter der Zukunft?

Schon wird eine grüne Mitte ausgerufen, die die neubürgerlichen Eliten der Großstädte aufsaugt, die Beamten und Angestellten. Grüne Politik scheint sich schleichend über die Altbauviertel bis in die Vororte der deutschen Mittelschicht ausgebreitet zu haben. Hier, wo das Pendeln zum Arbeitsplatz mit dem Auto zum Lebensalltag gehört, hat sich die Idee des Green New Deal also scheinbar auch durchsetzen können?

Mitnichten. Inspiziert man die Mittel- und Oberschichten und fragt nach ihren Einstellungen zu Umweltpolitik und nachhaltigem Handeln, so zeigt sich, dass sich der Zynismus gegenüber der Umwelt nirgendwo so stark manifestiert hat, wie in diesen Teilbereichen der deutschen Gesellschaft. Hier wird der supranationalen Verantwortung für die Umweltpolitik das Wort geredet, um sich selbst aus der Verantwortlichkeit zu entziehen, die allmorgendlich den Arbeitsweg per Motorkraft begleitet.

Nein, die neuen, die modernen Grünen sind hier noch lange nicht angekommen. Was das Vorortbürgertum reizt, ist ein romantisch verklärtes Bild grüner Visionen aus den Anfangszeiten der Friedens- und Umweltbewegung. Nicht die Anpassung der Grünen an die aktuelle Politik, sondern die Verortung der Grünen als Mystiker des entschleunigten Lebens jenseits von Wirtschafts-, Finanz- und Ökokrise entfaltet hier ihren Reiz für jene, die dem konservativen Regrounding entwachsen, dem liberalen Projekt entfremdet sind.

Leser-Kommentare
  1. Es wäre schön, wenn auch die ZEIT-Redaktion dazu übergehen würde, nicht allgemein verständliche Begriffe kurz in einem Halbsatz zu erklären.

    Ich will nicht immer erst bei Wikipedia nachschlagen müssen, um Teile des Artikels verstehen zu können; Recherche ist Aufgabe des Redakteurs, dafür wird er bezahlt.

    Für alle anderen Ahnungslosen: http://de.wikipedia.org/w...

  2. Die Grünen sind links, ihre Wähler meistens nicht oder nicht mehr.

    Es gibt zwei Möglichkeiten:
    Entweder die Grünen wandern in die Mitte oder die Wähler wandern in die Mitte. Eins von beidem wird wohl langfristig passieren. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

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    Ich persönlich hätte auch kein Problem damit mal die Grünen zu wählen nur leider haben die diese abolut übertriebene Sozialpolitik, das ist ja nicht zum Aushalten. Wenn die Grünen einen Schritt in die Mitte wagen würden, dann kann ich mir wohl vorstellen, dass nach "bereinigten" Prognosen die Grünen das Zündlein an der Waage spielen könnten und sich zwischen Rot und Schwarz entscheiden.
    Wie auch immer da wo sie jetzt stehen werden sie nicht in 3 Jahren stehen, wenn gewählt wird.

    Ich persönlich hätte auch kein Problem damit mal die Grünen zu wählen nur leider haben die diese abolut übertriebene Sozialpolitik, das ist ja nicht zum Aushalten. Wenn die Grünen einen Schritt in die Mitte wagen würden, dann kann ich mir wohl vorstellen, dass nach "bereinigten" Prognosen die Grünen das Zündlein an der Waage spielen könnten und sich zwischen Rot und Schwarz entscheiden.
    Wie auch immer da wo sie jetzt stehen werden sie nicht in 3 Jahren stehen, wenn gewählt wird.

  3. Die Rot-Grüne Regierung war klar fehlerbehaftet, das geben selbst SPD und Grüne zu. Auch SIE sagen ja, dass die "grünen Ziele" von der SPD torpediert wurden. Natürlich trifft die Grünen dort eine Mitschuld, sie haben in dieser Regierung versagt. Das ist aber auch den Wahlergebnissen geschuldet. Eine starke SPD macht es den Grünen mit ihrem Programm nicht einfacher. Paradebeispiel dafür ist doch gerade die FDP.

    Die CDU unter Merkel jetzt als Avantgarde der grünen Politik darzustellen ist jedoch ein fataler Rückschluss. Man muss auch bedenken, wie lange die rot-grüne Regierung schon zurückliegt und wie 'einsichtig' die damals noch etablierte SPD und CDU waren. Das Thema hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Popularitätsschub erfahren. Hätte sich die CDU als Regierungspartei damit nicht stärker als bisher (was nicht mit "stark" gleichzusetzen ist) auseinandergesetzt, wäre sie vor allem aus wahlpolitischer Sicht schön doof gewesen.

    Programmatisch liegen die Grünen immer noch weit vor den Konservativen. Mag sein, dass die Grünen auch nicht das Gelbe vom Ei sind, aber die Menschen sind die Patzer unter CDU oder SPD Schirmherrschaft leid und suchen sich daher eine konsequentere Alternative.

    SO und nicht anders erkläre ich mir den Boom bei den Grünen. Der Erfolg ist also keineswegs paradox und muss auch nicht nur eine Laune der Natur sein, wie sie es hier versuchen darzustellen. Ich stehe Propheten wie ihnen generell skeptisch gegenüber und das aus gutem Grund.

    • B.V.
    • 23.09.2010 um 17:26 Uhr

    Die Grünen sind Ökokonservative und irgendwie-links-trendiges
    Alternativbürgertum.

    Mit einer Vergangenheit der man sich
    (ähnlich wie bei den Ostalgikern)
    hier & da gerne bedient und ein wenig
    in bunten Zeitfarben aufpept.

    Ein irgendwie komischer Laden.
    Ein Laden dem man nicht trauen sollte!

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    ... mit ihrer Bestandsaufnahme zu dem Wesen der Grünen. Mit Worten wie "irgendwie" und ihrem generell abschätzigem Misstrauen zeigen sie nur wie ahnungslos sie wirklich sind.

    Es ist immer wieder interessant, wie sich jeder anmaßt zu wissen, wer aus was besteht und am Ende stehen wir immer wieder bei Pauschalisierungen und allgemeiner Hetze. Bravo deutsche Diskussionskultur!

    ... mit ihrer Bestandsaufnahme zu dem Wesen der Grünen. Mit Worten wie "irgendwie" und ihrem generell abschätzigem Misstrauen zeigen sie nur wie ahnungslos sie wirklich sind.

    Es ist immer wieder interessant, wie sich jeder anmaßt zu wissen, wer aus was besteht und am Ende stehen wir immer wieder bei Pauschalisierungen und allgemeiner Hetze. Bravo deutsche Diskussionskultur!

  4. Anahltend wird dieser Effekt wohl nicht sein. Die Grünen profitieren von der zunehmenden Ratlosigkeit der Wähler und davon, im Bund grad nicht zu regieren, also keine Fehler machen zu können. Wenn es jetzt zum Regierungswechsel käme und grüne Vorstellungen in die Tat umgesetzt werden sollten, wäre es schnell vorbei mit den guten Ergebnissen.

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    denn sobald die Grünen in einer möglichen Koaliation zu sagen haben werden wieder die fundamental-asketischen Ideen herausgeholt wie 100 Km/h auf Autobahnen, Energie teurer und solche Rohrkrepierer wie das Flaschenpfand (das bis heute den Endverbrauchen unzählig viel Zeit, Geld und Energie gekostet hat) wieder als "Gut" erscheinen werden.

    Dann gehen die Grünen den gleichen Weg die die FDP.

    Was ich hingegen NICHT verstehe ist, dass die Wähler so dumm sind und von einer Schreihals-Klein-Partei-ohne-Regierungsideen zur nächsten rennen.

    Naja. Aus Schaden werden die dann eben klug. Trotzdem traurig zu sehen.

    • ribera
    • 23.09.2010 um 18:42 Uhr

    Folgender Artikel geht in die gleiche Richtung:
    http://www.ftd.de/politik...

    Das war nämlich genau der Effekt welcher der FDP unter der großen Koalition gute Ergebnisse beschert hat.

    denn sobald die Grünen in einer möglichen Koaliation zu sagen haben werden wieder die fundamental-asketischen Ideen herausgeholt wie 100 Km/h auf Autobahnen, Energie teurer und solche Rohrkrepierer wie das Flaschenpfand (das bis heute den Endverbrauchen unzählig viel Zeit, Geld und Energie gekostet hat) wieder als "Gut" erscheinen werden.

    Dann gehen die Grünen den gleichen Weg die die FDP.

    Was ich hingegen NICHT verstehe ist, dass die Wähler so dumm sind und von einer Schreihals-Klein-Partei-ohne-Regierungsideen zur nächsten rennen.

    Naja. Aus Schaden werden die dann eben klug. Trotzdem traurig zu sehen.

    • ribera
    • 23.09.2010 um 18:42 Uhr

    Folgender Artikel geht in die gleiche Richtung:
    http://www.ftd.de/politik...

    Das war nämlich genau der Effekt welcher der FDP unter der großen Koalition gute Ergebnisse beschert hat.

  5. ... mit ihrer Bestandsaufnahme zu dem Wesen der Grünen. Mit Worten wie "irgendwie" und ihrem generell abschätzigem Misstrauen zeigen sie nur wie ahnungslos sie wirklich sind.

    Es ist immer wieder interessant, wie sich jeder anmaßt zu wissen, wer aus was besteht und am Ende stehen wir immer wieder bei Pauschalisierungen und allgemeiner Hetze. Bravo deutsche Diskussionskultur!

    Antwort auf "Der Grüne Mischsalat"
  6. denn sobald die Grünen in einer möglichen Koaliation zu sagen haben werden wieder die fundamental-asketischen Ideen herausgeholt wie 100 Km/h auf Autobahnen, Energie teurer und solche Rohrkrepierer wie das Flaschenpfand (das bis heute den Endverbrauchen unzählig viel Zeit, Geld und Energie gekostet hat) wieder als "Gut" erscheinen werden.

    Dann gehen die Grünen den gleichen Weg die die FDP.

    Was ich hingegen NICHT verstehe ist, dass die Wähler so dumm sind und von einer Schreihals-Klein-Partei-ohne-Regierungsideen zur nächsten rennen.

    Naja. Aus Schaden werden die dann eben klug. Trotzdem traurig zu sehen.

    Antwort auf "Nicht anhaltend"
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    • smsag
    • 23.09.2010 um 18:19 Uhr

    Ich kann nicht erkennen, in wie weit die Grünen Schreihals Politik betreiben. Bei den Grünen - scheint es - handelt sich um die einzige größere Partei, in der noch so etwas wie eine Bindung zwischen Basis bzw. Gesellschaft und Führungspersonen festzustellen ist.

    Die Grünen war die einzige Partei die von Beginn an Stgt21 kritisch begleitet hat, es war die einzige Partei die beim Bau des Kongresszentrums Bonn kritisch blieb. Und mit ein bisschen nachdenken fallen sicher noch weitere Beispiele ein.

    • smsag
    • 23.09.2010 um 18:19 Uhr

    Ich kann nicht erkennen, in wie weit die Grünen Schreihals Politik betreiben. Bei den Grünen - scheint es - handelt sich um die einzige größere Partei, in der noch so etwas wie eine Bindung zwischen Basis bzw. Gesellschaft und Führungspersonen festzustellen ist.

    Die Grünen war die einzige Partei die von Beginn an Stgt21 kritisch begleitet hat, es war die einzige Partei die beim Bau des Kongresszentrums Bonn kritisch blieb. Und mit ein bisschen nachdenken fallen sicher noch weitere Beispiele ein.

  7. ... oder ist es einfach einfach und man sieht es nicht?

    Wissenschaftliche Studien für die Tatsache, dass die Grünen "Zulauf" haben? Wen würde ich denn wählen, wenn ich CDU, FPD und SPD nicht mehr wählen kann und die Linke nicht infrage kommt? Zu einfach das alles ...

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