In diesen Tagen jährt sich die Bundestagswahl. Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung analysieren für ZEIT ONLINE, wie sich die Oppositions- und Regierungsparteien im ersten Jahr von Schwarz-Gelb entwickelt haben. Teil eins: Die Grünen.

Mehr als zwanzig Prozent für die Grünen. Bei aller gebotenen Vorsicht zeigt sich in den aktuellen Umfragen ein scheinbar unaufhaltsamer Trend. Glaubt man den Meinungsforschern, ist dies nur ein kurzfristiger Ausschlag nach oben. Glaubt man grünen Programmatikern, so kann dies nur an der breiteren inhaltlichen Aufstellung der Grünen liegen.

Deren Green New Deal scheint endlich in den Köpfen der Menschen angekommen zu sein. Endlich, mögen die Grünen ausrufen, verfangen die bisweilen komplexen programmatischen Sowohl-als-auch-Positionen des Parteiprogramms.

Die Grünen haben damit wohl vollbracht, was die aktuellen demokratietheoretischen Debatten fast fatalistisch ausschließen: Dass die Zunahme an Komplexität die Beschäftigung mit dem Politischen befördert. Ihr Erfolg scheint auch zu beweisen, dass immer mehr Teile der Bevölkerung bereit sind, ihren privaten Lebensstil den Prämissen des ökologischen Wandels anzupassen.

Indes hat sich kaum eine Partei für ihre Positionen so viel Häme eingehandelt wie die Grünen, über kaum eine Partei – die FDP ausgenommen – existieren so viele spöttische wie Ablehnung bezeugende Stereotype. Die Grünen waren schon immer eine Projektionsfläche. Kaum eine Partei hat derart viele Häutungen durchlebt, hat derart viele Zuschreibungen polarisierenden Charakters erfahren, wie die heute irgendwie mittig-bürgerlichen, dereinst linken, bewegten Friedens- und Bürgerkinder.

Und nun also die Grünen als progressive Gestalter der Zukunft?

Schon wird eine grüne Mitte ausgerufen, die die neubürgerlichen Eliten der Großstädte aufsaugt, die Beamten und Angestellten. Grüne Politik scheint sich schleichend über die Altbauviertel bis in die Vororte der deutschen Mittelschicht ausgebreitet zu haben. Hier, wo das Pendeln zum Arbeitsplatz mit dem Auto zum Lebensalltag gehört, hat sich die Idee des Green New Deal also scheinbar auch durchsetzen können?

Mitnichten. Inspiziert man die Mittel- und Oberschichten und fragt nach ihren Einstellungen zu Umweltpolitik und nachhaltigem Handeln, so zeigt sich, dass sich der Zynismus gegenüber der Umwelt nirgendwo so stark manifestiert hat, wie in diesen Teilbereichen der deutschen Gesellschaft. Hier wird der supranationalen Verantwortung für die Umweltpolitik das Wort geredet, um sich selbst aus der Verantwortlichkeit zu entziehen, die allmorgendlich den Arbeitsweg per Motorkraft begleitet.

Nein, die neuen, die modernen Grünen sind hier noch lange nicht angekommen. Was das Vorortbürgertum reizt, ist ein romantisch verklärtes Bild grüner Visionen aus den Anfangszeiten der Friedens- und Umweltbewegung. Nicht die Anpassung der Grünen an die aktuelle Politik, sondern die Verortung der Grünen als Mystiker des entschleunigten Lebens jenseits von Wirtschafts-, Finanz- und Ökokrise entfaltet hier ihren Reiz für jene, die dem konservativen Regrounding entwachsen, dem liberalen Projekt entfremdet sind.

 

Nicht unzufällig scheint der neue Aufschwung der Grünen mit kaum mehr zu leugnenden Naturkatastrophen einherzugehen. Selbst den letzten arglosen Anhängern des Energieträgers Öl dürfte am Beispiel der explodierten Ölplattform im Golf von Mexiko, zumindest aber angesichts der immer weiter steigenden Benzinpreise, klar geworden sein, dass eine Energiewende nötig ist.

Die Feuer in den verseuchten Wäldern um Tschernobyl und am Rande des Ural, das aufgeregte Verfolgen von Windzugrichtungen und Niederschlägen, haben die Angst vor der nur scheinbar beherrschbaren Atomkraft neu entflammen lassen.

Eine Debatte, die einzig in manchen Teilen der Union und der FDP noch immer keinen Niederschlag findet, obwohl die Zustimmung zu grüner Politik in dem Maße steigt, wie sie im Regierungslager abnimmt.

Dabei ist es schon einigermaßen paradox, dass gerade die Union in punkto Umweltpolitik weit mehr erreicht haben mag, als die Fischer-Truppe unter Rot-Grün. Jürgen Trittin wird wissen, warum er vor einem rot-grünen Automatismus auf Bundesebene warnt. Schließlich waren es die Genossen aus dem Willy-Brandt-Haus, die grüne Prestigeprojekte torpedierten. Ganz anders die Kanzlerin.

Merkel hat die Akzeptanz von Umweltpolitik weit mehr gesteigert, als die rot-grüne Vorgängerregierung. Die hat das grüne Bewusstsein der Bürger durch die Einführung der Ökosteuer eher belastet. Merkel dagegen war eine Meisterin der Inszenierung, man bekam, bis in die bürgerliche Anhängerschaft hinein, eine Idee davon, dass eine bessere, eine erhaltenswerte Welt möglich sei. Auf diesen Humus traf nun die dreifache Krise, die der Banken, die des Euro und die der Ökologie

Und da steht sie plötzlich wieder im Raum, die Idee eines besseren Früher, wenn das hier und jetzt angesichts platzender Spekulations- und Ölblasen unkontrollierbar scheint. Am Horizont taucht wieder das Bild auf von friedlichen, sich der Beschleunigung und dem Raubbau an der Natur entziehenden Öko-Hippies im Hüttendorf in der niedersächsischen Provinz.

Das mag eine der Ursachen sein für die steigenden Teilnehmerzahlen an Anti-AKW-Demos, bei den Protesten gegen Stuttgart 21 , insbesondere auch unter jüngeren Menschen.

Die Welt, in der sie groß geworden sind, die Welt von Börse, Effizienz, Selbstoptimierung und Krise, soll nicht die ihre werden. Die der Eltern in Brockdorf ist um so vieles entspannter. Die pragmatische Generation entflieht der Verantwortlichkeit in vermeintlich grün-alternative Tagträume jenseits der Prämissen, die sie für die meisten Krisen verantwortlich machen.  

Welch Glück für die Grünen, in solch aufgewühlten Zeiten nicht politisch verantwortlich zu sein. Nur so können sie hinter sich ein buntes Konglomerat von Wählern versammeln: überzeugte Anhänger, die nachwachsende Post-Krisen-Generationen, verunsicherte, sich nach Ruhe sehnende Mittelschichten sowie die vielen, am grün-ökologischen Zeitgeistchic partizipierenden LOHAS ( lifestyle of health and sustainability,  gesunder und nachhaltiger Lebensstil).

Dies ist eine launische Klientel, aber auch eine, die überzeugt und mitgenommen werden kann, wenn die Grünen die richtige Ansprache finden, die romantische Sehnsüchte mit nachhaltiger Politik zu verbinden weiß. Wie das aussehen könnte, bleibt abzuwarten. Aber eine Leerstelle gibt es im politischen Gefüge der Republik, den Konservatismus . Diesen grün zu deklinieren wäre eine interessante Möglichkeit.