Den größten Einfluss auf US-Außenpolitik hat kein Amerikaner, Israeli oder Iraner, sondern ein Österreicher. Und der ist seit 65 Jahren tot. Doch sein Geist spukt durch die amerikanische Iran-Debatte und man könnte fast meinen, er habe vom Körper Chameneis oder Ahmadineschads Besitz ergriffen. Zugeständnisse an Teheran sind aus dieser Sicht nichts anderes als die Appeasement-Politik beim Münchner Abkommen 1938. Und die Nuklearanlagen von Buschehr und Qom sind die Startrampen für das nächste Sobibor und das nächste Chelmno.

Nazi-Analogien sind in der amerikanischen Iran-Debatte allgegenwärtig und werden keineswegs nur dazu benutzt, den politischen Gegner mundtot zu machen. Sie beschränken sich auch nicht auf Geschwätzige vom politischen Rand. Nein, sie werden verwendet von Nachrichtenmoderatoren, Bloggern, Politikern, Akademikern und seriösen Journalisten.

In der politischen Szene bedienen sich nicht nur Neocons und Falken wie der ehemalige CIA-Chef James Woolsey des Nazi-Vokabulars. Auch die Hartgesotteneren unter den Demokraten machen von Nazi-Vergleichen gerne Gebrauch, wenn sie über Iran reden.

Natürlich lehnen auch etliche amerikanische Kritiker und Wissenschaftler die Analogie ab – ebenso wie die Obama-Regierung. Doch wie in anderen Fällen auch sind das Weiße Haus und seine Unterstützer bislang bemerkenswert erfolglos darin, der Öffentlichkeit die Politik des Präsidenten verständlich zu machen.

Während das Weiße Haus sich um direkte diplomatische Gespräche mit Iran bemüht, dominieren die "1938er" – um eine Wortschöpfung des  einflussreichen englisch-amerikanischen Politikberaters und Neocons Tony Blankley zu verwenden – die medialen Schaltstellen. Die Nazi-Analogie wird mantraartig immer und immer wieder heruntergebetet und formt die öffentliche Meinung.

Sicher, dieses Phänomen existiert nicht erst seit dem Atomstreit mit Iran und es wird ihn auch überdauern. Doch ist der rhetorische Missbrauch des Nationalsozialismus derzeit so verbreitet, dass er einer genaueren Betrachtung bedarf, will man die öffentliche Debatte in den USA über Iran verstehen.

Im Gegensatz zu den USA lässt sich Hitler in deutschen Debatten übrigens geradezu selten blicken. In dem Land, in dem die Leugnung des Holocaust unter Strafe steht, die Aufklärung über ihn an Schulen verpflichtend ist, und ein Zitat über ein vermeintlich "jüdisches Gen" für öffentliche Empörung sorgt – all das im Gegensatz zu den USA –, ist die Iran-Debatte nicht von Analogien zum Nationalsozialismus durchwuchert.

Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel: Kanzlerin Angela Merkel bediente sich des Vergleichs und die Vorsitzende des Zentralrats der Juden ebenfalls. Außerdem der Journalist Richard Herzinger in der Welt, der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, der ehemalige Staatssekretär und Publizist Klaus Faber sowie die Mitglieder der Kampagne "Stop the bomb". Aber sie alle gehören einer Minderheit an, wie sie auch selbst anerkennen.