Am Dienstagmorgen hatte Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew einen monatelangen Machtkampf zwischen dem Kreml und dem Moskauer Rathaus beendet: Während eines China-Besuchs sprach er dem Bürgermeister der Hauptstadt, Jurij Lushkow, sein Misstrauen aus und entzog ihm die Amtsgeschäfte.

Warum er damit nicht wartete, bis er wieder zurück in Moskau sein würde, wird klar, wenn man einen Brief liest, aus dem die regierungskritische Wochenzeitung Nowoje Wremja zitiert. Demzufolge hatte Lushkow am Montagabend – also nur wenige Stunden vor seiner Demission – Medwedjew in dem Schreiben vorgeworfen, in Russland ein Klima der Unterdrückung wie zu Stalin-Zeiten zu schaffen.

Das Land leide an mangelnder Demokratie, soll Lushkow an den Staatschef geschrieben haben. Seit der Herrschaft Stalins herrsche in Russland Angst, eine Meinung zu äußern. "Wenn die Führer des Landes diese Angst bestärken, kommt man leicht in die Lage, in der ein Land nur einen Führer hat, dessen Worte in Stein gemeißelt sind und dem man ohne Murren folgen muss", werden weitere Stellen aus dem Brief zitiert. "Wie passt das zu Ihrer Forderung nach der 'Entwicklung von Demokratie'?"

Der Kreml bestätigte zwar, dass Lushkows Brief im Büro des Chef des Präsidialamts, Sergej Naryschkin, eingegangen sei. Auch Medwedjew habe den Inhalt zwar gekannt, seine Entscheidung sei davon aber nicht beeinflusst worden, sagte eine Sprecherin.

Für den Staatschef war das Maß wohl erreicht. Seit Wochen schwelten die Spannungen zwischen ihm und Lushkow, der den Kreml immer wieder scharf kritisierte. So forderte der 74-Jährige, bei den in zwei Jahren anstehenden Wahlen müsse ein stärkerer Staatschef gewählt werden. Ihm wird auch vorgeworfen, einen Keil zwischen dem Kreml und Ministerpräsident Putin treiben zu wollen.

Auch sonst geriet Lushkow zunehmend in Bedrängnis : Die vom Staat kontrollierten Fernsehsender brachten viele Dokumentationen über ihn und seine Frau, die Milliardärin und Bauunternehmerin Elena Baturina. Zur besten Sendezeit wurde darin dem mächtigen Paar Korruption, Vetternwirtschaft und Missmanagement vorgeworfen. Auch Moskaus Bewohner waren jüngst nicht gut auf ihren Bürgermeister zu sprechen: Während der schweren Waldbrände im August machte der Rathauschef lieber Urlaub in Österreich, als in die von Rauchschwaden eingehüllte Stadt zurückzukehren.