"Wir müssen besser werden." Mit diesem Satz brachte US-Präsident Barack Obama in seiner umjubelten Rede gestern Abend am Ende des Armutsgipfels der Vereinten Nationen nicht nur die unzulänglichen Ergebnisse bei den sogenannten Millenniums-Entwicklungszielen auf den Punkt. Er fasst auch eine geplante entwicklungspolitische Wende der USA zusammen.

Seine Worte könnten zugleich als Titel über dem ganzen dreitägigen Treffen stehen. Denn abgesehen von diesem seltenen Moment der Empathie und des Selbstzweifels kurz vor Toresschluss blieb dieser Gipfel unzulänglich, uninspiriert, eine Enttäuschung.

Gewiss, mit sensationellen Beschlüssen oder neuen Geldzusagen zu rechnen, wie es manche Nichtregierungsorganisationen zuvor nahe gelegt hatten, war unrealistisch. Die 192 Mitgliedsstaaten wollten vor allem die Zwischenbilanz ziehen: Wie viel haben wir bei den acht großen Projekten erreicht, die wir uns vor zehn Jahren vorgenommen haben? Wie viel ist gelungen bei dem Versuch, Armut, Hunger, Krankheit, Unbildung, unmenschliche Lebensbedingungen und wirtschaftliche Unterentwicklung erfolgreich zu bekämpfen? Wie schaffen wir noch den letzten großen Kraftakt bis zur Zielgeraden im Jahr 2015?

Als positiv hat sich dabei erneut erwiesen, dass die Konkretion der Millenniumsziele – zum Beispiel: die Zahl der extrem Armen bis zum Jahr 2015 zu halbieren – die Anstrengungen der Nationen besser überprüfbar macht als die vagen, teils ideologischen Doktrinen der 1980er oder 1990er Jahre.

Unzweifelhaft ist nun dokumentiert: Neben den Erfolgen bei einigen Gesundheitszielen oder der Versorgung mit Trinkwasser gibt es viele andere, die zu erreichen fast aussichtslos erscheint; insbesondere bei der Bekämpfung des Hungers. Niemand kann sich da mehr etwas vormachen. Diese Mahnung an die Weltgemeinschaft könnte die Dynamik, die die Millenniumsziele in den letzten zehn Jahren in Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und Regierungen ja tatsächlich ausgelöst haben, noch einmal neu anstacheln. Ein Erfolg ist es deshalb auch, dass alle Regierungen im Abschlussdokument erneut ihren Willen bekräftigt haben, gemeinsam an den großen Aufgaben weiterzuarbeiten.

Doch dafür fanden die Regierungschefs, anders als Obama, weder Ausdrucksformen, um der nun notwendigen Kraftanstrengung öffentlichkeitswirksam neue Motivation zu verleihen. Noch legten sie sich auf konkrete Zwischenschritte fest. Auch nicht auf klare Prioritäten als Konsequenz ihrer eigenen Analyse.

Beispielweise würde die Tatsache, dass Armut besonders dramatisch in gescheiterten Staaten oder Nachkriegsgesellschaften herrscht, eine engere Verknüpfung zwischen Sicherheits-, Friedens und Entwicklungspolitik nahe legen. Eine brisante, komplexe, aber unumgängliche Herausforderung – trotzdem kein Schwerpunktthema in New York.

Auch zeigten die Regierungen keinerlei Initiative, über die nahe Zielmarke 2015 hinaus zu denken: Wie machen wir weiter, wenn wir, wie absehbar, auch in fünf Jahren noch nicht am Ziel sind? Wie verhindern wir, dass die Schockwellen der Wirtschafts- und Finanzkrisen, die gerade die armen Länder besonders überrollt haben und weiter zu schwächen drohen, die Anstrengungen zur Armutsbekämpfung vereiteln? Oder wie binden wir die Anpassung an den Klimawandel (der vor zehn Jahren als die Ziele formuliert wurden noch kein Thema war) in unsere Strategien ein?

Das einzig neue Großprojekt, das UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ankündigte, hatten die G 8-Staaten bereits vor Monaten beschlossen: eine milliardenschwere Initiative, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken.

Bemerkenswert auch, wie wenig sich der neue machtpolitische Stellenwert großer Schwellenländer wie Brasilien, Indien und China und ihre doppelgesichtige Rolle als entwicklungspolitische Geberländer mit riesigen eigenen Armutsproblemen gespiegelt haben.

Schon die Verhandlungen im Vorfeld waren nach dem Muster alter Nord-Süd-Gräben verlaufen. Auch in ihren Reden auf dem Gipfel lobten sich viel Empfängerregierungen unkritisch selbst. Zeitgleich schoben die meisten Industrieländer die  Verantwortung für das zukünftige Gelingen oder Scheitern des Millenniumszielprojektes allein der "guten Regierungsführung" der Entwicklungsländer zu. Letztere einzufordern ist zwar richtig, wäre aber noch glaubwürdiger, würden die Industrienationen das selbstgesetzte Ziel Nummer acht (Veränderungen des eigenen Wirtschaftens) konsequenter verfolgen. Im Gegenteil gehört es zu den erfolglosesten der Millenniumsziele.