Er ist einer der mächtigsten Männer Russlands, er gilt als selbstherrlich und autoritär: Jurij Lushkow . Nun hat er die Basis seiner Macht verloren, seine Amtsgeschäfte als Moskauer Bürgermeister muss er niederlegen. Präsident Dimitrij Medwedjew, der sich gerade zu einem Staatsbesuch in China aufhält, hat ihn nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen mit einem entsprechenden Dekret entlassen – und damit einen monatelangen Machtkampf für sich entschieden.

Lushkow stand seit 1992 an der Spitze der russischen Hauptstadt, deren Bürgermeister seit der Präsidentschaft von Wladimir Putin nicht mehr gewählt, sondern durch den Kreml ernannt wird. Auch wegen dieser Nähe zum russischen Machtzentrum war der 74-Jährige für viele Beobachter nach Putin der Mann mit dem größten Einfluss im größten Land der Erde.

Lushkow trat infolge seines Rauswurfs aus der Regierungspartei Einiges Russland aus. Ein entsprechender Antrag sei eingegangen, sagte ein Vertreter der Partei von Ministerpräsident Wladimir Putin. Entsprechend des Statuts der Partei wird ein Mitglied demnach automatisch ausgeschlossen, wenn es dies wünscht.

Zwischen Lushkow und Putins Nachfolger Medwedjew gab es seit geraumer Zeit Spannungen . So forderte der Regionalpolitiker, bei den in zwei Jahren anstehenden Wahlen müsse ein stärkerer Staatschef gewählt werden. Schließlich sprach er in einem Artikel von einer "sehr drückenden Atmosphäre in der Gesellschaft" – ebenfalls ein direkter Angriff auf die Politik des Kremls. Dieser wirft Lushkow außerdem vor, mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2012 einen Keil zwischen Medwedjew und Ministerpräsident Putin treiben zu wollen. Zuletzt hatte der Präsident dem Bürgermeister nahegelegt, in die Opposition zu gehen.

Kommentatoren hatten Medwedjew in den vergangenen Tagen zögerliches Regieren vorgeworfen. Viele Beobachter meinten, Lushkow könne auch diese Krise aussitzen. Allerdings hatte Russlands Präsident zuletzt auch betont, alte Schwergewichte wie Lushkow dürften seinen Modernisierungskurs nicht bremsen.

Zugleich starteten die Staatsmedien eine beispiellose Kampagne gegen den Bürgermeister, dem sie Korruption, Missmanagement und Vetternwirtschaft vorwerfen. Zur besten Sendezeit brachten die russischen Fernsehsender Dokumentarfilme über Lushkow und seine Frau Jelena Baturina. Die Bau- und Immobilienunternehmerin gilt mit einem geschätzten Vermögen von mindestens 2,3 Milliarden Euro als reichste Frau Russlands. Unter anderem ging es um den Vorwurf, Baturina habe es nur dank der Hilfe ihres mächtigen Mannes zu Reichtum im öffentlichen und privaten Immobiliensektor gebracht.

Seine Gegner werfen ihm zudem vor, Moskau im sowjetisch-autoritären Stil zu regieren. Die Opposition kritisierte immer wieder die Unterdrückung Andersdenkender sowie Polizeigewalt gegen Demonstranten. Kundgebungsverbote waren unter Lushkow an der Tagesordnung. Seine Kritiker machten ihn aber immer wieder auch für eine Zerstörung wertvoller Kulturdenkmäler verantwortlich, die modernen Bürobauten weichen mussten. Auch die Gerichte der Stadt stehen im Ruf, vom Bürgermeister kontrolliert zu werden. Zuletzt wurde Lushkow von den Einwohnern verübelt, dass er sie während der schweren Waldbrände rings um Moskau lange allein ließ und im August lieber Urlaub machte.

Menschenrechtler feierten die Entlassung des Stadtoberen als einen "Freudentag" für die unterdrückten Andersdenkenden in Moskau. Die Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ljudmila Alexejewa, warnte allerdings vor Euphorie. "Es ist ja noch völlig unklar, wer nun Nachfolger wird." Der Kampf um die Führung der Hauptstadt ist längst entbrannt, auch weil das Dekret Medwedjews lange erwartet worden war. Kurz nach der Entlassung Lushkows erhob die Partei Geeintes Russland von Regierungschef Putin Anspruch auf das prestigeträchtige Amt.