Schweizer Regierung Frauen haben ab heute die Mehrheit

Vier von sieben Regierungsmitgliedern in Bern sind nun weiblich. In der konservativen Schweiz ist das zwar bemerkenswert, doch es ist ein Pyrrhussieg, kommentiert Peer Teuwsen.

Simonetta Sommaruga (links im Bild) von der Schweizer Soziademokratischen Partei (SP) kurz nach ihrer Wahl zur Bundesrätin

Simonetta Sommaruga (links im Bild) von der Schweizer Soziademokratischen Partei (SP) kurz nach ihrer Wahl zur Bundesrätin

Ganz oben, fast unter dem Dach der Bundeshauskuppel, saß ihr Mann, der Schriftsteller Lukas Hartmann, und schaute zitternd ins Parlament hinunter, wo seine Frau zur 113. Bundesrätin der Eidgenossenschaft gewählt wurde. Er wusste schlagartig: "Jetzt wird alles anders." Und er hatte Recht, nicht nur in Hinblick auf sein Privatleben.

Denn es war ein historischer Moment fürs Land. Mit der Wahl der sozialdemokratischen Ständerätin Simonetta Sommaruga am Mittwoch wird die Schweiz erstmals überwiegend von Frauen regiert, vier von sieben Regierungsmitgliedern sind jetzt weiblich.

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Das ist bemerkenswert in einem Land, das erst 1971 das Frauenstimmrecht einführte, und zwar vor allem auf Druck von außen. Andernfalls hätte das Land die europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnen dürfen. Das ist sehr erstaunlich in einem Land, in dem erst 1984 die erste Frau in die Regierung gewählt wurde. In einem Land also, in dem die Politik mehrheitlich von Männern geprägt wurde.

Vor der Wahl war das bevorstehende Matriarchat in der Regierung seltsamerweise kein großes Thema. Gleichstellungsbeauftragte, Feministinnen und Politikerinnen zuckten meist nur mit den Schultern, wenn sie darauf angesprochen wurden und sagten lapidar: "Wir nähern uns der Normalität." Man mag aber in diese plötzliche Nonchalance nicht recht einstimmen. Denn es handelt sich um einen Pyrrhussieg.

Die politische Macht, die die Frauen sich allmählich in der Schweiz erobert haben, geht nämlich keineswegs mit ihrer wirtschaftlichen einher. In den wahren Schaltzentralen des Landes haben sie immer noch fast nichts zu sagen. Die gläserne Decke, sie besteht offenbar aus Panzerglas.

Nur acht Prozent der Mitglieder in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen der wichtigsten Schweizer Konzerne sind momentan weiblich – ein Verhältnis wie schon vor einem Jahrzehnt, wie schon vor zwei Jahrzehnten.

Zudem verdienen Frauen auch heute noch rund ein Fünftel weniger als Männer, auch das hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht geändert. Die Spitzenämter der Bundesverwaltung sind weitgehend Männerclubs geblieben.

Vielleicht ist deshalb die Freude der Frauen so verhalten. Sie wissen, dass ihnen die Männer lassen, was übrig bleibt. Die setzen sich lieber voll und ganz in der Wirtschaft ein, wo sie viel mehr Einfluss haben als in der Politik und viel Geld verdienen können.

In diesem Sinne sollte die politische Macht der Frauen zu denken geben. Sie steht auch für einen Bedeutungsverlust der res publica gegenüber der Wirtschaft. Man kann nur hoffen, dass die Frauen ihre politische Macht zu nutzen wissen.

 
Leser-Kommentare
    • Timo K
    • 22.09.2010 um 18:32 Uhr

    Nur 3 von 10 Parteimitgliedern weiblich.
    Aber weiblicher Erfolg muss sich ja nicht an der Basis begründen. ;-)

    Na dann frohes Prösterchen

    • SusaS
    • 22.09.2010 um 19:07 Uhr

    Zunächst einmal: Wer betont und überbemüht bildungsbürgerlich ein völlig veraltetes Wort wie "Pyrrhussieg" in die Überschrift miteinbaut (sodass einen die Bildleser - wohl nicht nur jene - auch ganz, ganz sicher schon in der Überschrift nicht verstehen), sollte zumindest dessen Bedeutung richtig verwenden: Ein Pyrrhussieg wäre es nur, wenn die betreffenden Damen in den politischen Ämtern massive Opfer hätten bringen müssen, um diesen "Sieg" zu erkämpfen, solcherart Opfer, dass der Sieg schon fast keiner mehr ist, bzw. verleidet ist.

    Zweitens: Die Situation in der Wirtschaft ist doch in Deutschland kaum anders und die Paygap auch nicht kleiner.

    Doch die Höhe ist: Daraus, dass FRAUEN die höchsten politischen Ämter bekleiden abzuleiten, dass diese das nur deshalb tun können, weil Männer diese ihnen überlassen, da die politischen Ämter ja eh kaum mehr was Wert seien.

    Ähm: Deshalb konnte also Mekel Bundeskanzlerin werden, hm? Was wohl die erbittert kämpfenden männlichen Konkurrenten zu dieser Logik sagen würden ;).

    Der Artikel ist: Nonsense. Nichts Neues. Kaum Recherchearbeit drin. Einfach so dahergeschrieben. Oh du liebe Göttin*!

    *Gott wurde durch Göttin ersetzt weil ja an Gott eh immer weniger glauben und das "Amt" deshalb von Gott an eine Frau abgegeben wurde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • A-Town
    • 22.09.2010 um 22:22 Uhr

    Sehe ich genauso:)

    • A-Town
    • 22.09.2010 um 22:22 Uhr

    Sehe ich genauso:)

  1. Wo auch immer die Frauen plötzlich mehr Macht haben als die Männer - man kann sich sicher sein, dass uns sofort erklärt wird dass das ja eh völlig unbedeutend ist und die wahre Macht irgendwo ganz anders steckt, da wo Frauen nie im Leben hinkommen würden.

    Wenn also in einigen Jahren die Frauen auch in den Vorstandsetagen in der Überzahl sind und Frauen generell mehr verdienen als Männer, dann wird man uns garantiert erklären dass die wahre Macht im Land von Müllmännern, Bauarbeitern und Matrosen ausgeht.

    Es gibt offensichtlich eine breit angelegte Männer-Verschwörung, die nur ein einziges Ziel hat: Frauen ganz gezielt zu diskrimieren!

  2. in der Schweiz müssen weder Frauen noch Männer "die politische Macht erobern", weil sie sie bereits haben

  3. Die Schweizer Bundesregierung, Bundesrat genannt, ist eine kollektive Regierungsbehörde, bei der alle sieben Mitglieder gleich viel Macht innehaben. Ein völlig anderes System also als z.B. die deutsche Bundesregierung, deren Mitglieder nicht, wie in der Schweiz, vom Parlament gewählt, sondern von der Kanzlerin ernannt werden. Von alledem findet sich im Artikel kein Wort. Schade, denn den geneigten Lesern (und Leserinnen!) nördlich des Rheins sollte solches unbedingt verdeutlicht werden, damit sie die Bedeutung der heutigen Wahl begreifen. Stattdessen: Häme, Unsachlichkeit und Ignoranz.

    • A-Town
    • 22.09.2010 um 22:22 Uhr

    Sehe ich genauso:)

    Antwort auf "Unfug..."
  4. 7. Fehler

    "Das ist sehr erstaunlich in einem Land, in dem erst 1994 die erste Frau in die Regierung gewählt wurde". Da scheint mir einiges durcheinander geraten zu sein: Elisabeth Kopp war von 1984 bis 1989 die erste Bundesrätin der Schweiz und Ruth Dreifuss wurde 1993 als zweite Frau in den Bundesrat gewählt. Ein bisschen peinlich, nicht?

  5. Ich muss mich meinen Vorrednern Anschliesen, der Bericht ist einfach Fehlerhaft und schlecht.

    Am extremsten Merkt man es an folgendem Satz:
    "Mit der Wahl der sozialdemokratischen Ständerätin Simonetta Sommaruga am Dienstag"

    Am Dienstag, intressant, das bei Ihnen in Deutschland heute erst Dienstag ist, hätten Sie nur ganz ganz ganz wenig Recherchiert wüssten sie, das heute die neuen Bundesräte gewählt wurden, und heute Mittwoch ist.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
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