In der amerikanischen Politik vollzieht sich gerade ein dramatischer Wandel. Die extreme Rechte befindet sich im Aufschwung und verändert die Partei der Republikaner von Delaware über New York nach Alaska.

Kandidaten der Tea Party dominieren die Vorwahlen: wegen ihres radikalen Protests, ihrer Unverblümtheit, ihrer aggressiven Attacken. Dabei ist es erst ein Jahr her, dass sehr viele Amerikaner die Bewegung als zu abseits und irrational ablehnten. Jetzt aber ist diese radikale Irrationalität auf dem Vormarsch in die Hauptstadt. Die Tea Party ist die neue politische Realität des konservativen Amerika und nicht lediglich ein Trend. Doch die ganzen Ausmaße des Phänomens zu begreifen ist sehr schwer. Was ist also die Charakteristik dieser Rebellion des rechten Rands?

Die Tea Party weist kaum eine formelle Organisationsstruktur auf. Es gibt keinen offiziellen Repräsentanten oder eine offizielle Plattform. Im Grunde ist sie ziemlich klein und dezentralisiert, ein Konglomerat aus prominenten politischen Akteuren, Publizisten, TV-Moderatoren sowie Graswurzelorganisationen (beispielsweise Freedom Works, die Tea Party Patriots und The Tea Party Express), die von größeren Unternehmen gesponsert werden.

Sie alle stehen im Konkurrenzkampf miteinander, für die Tea Party zu sprechen. Darüber hinaus haben jedoch auch viele etablierte und prominente Konservative Habitus und Rhetorik der Bewegung übernommen, sodass die Grenzen zwischen den "alten" und "neuen" Republikanern verschwimmen. Trotzdem kommt es auch innerhalb der Bewegung ab und an zu Konflikten. Die Siegerin der republikanischen Vorwahlen in Delaware Christine O'Donnell wurde von Freedom Works als eine zu riskante Kandidatin eingestuft. Solche Meinungsverschiedenheiten sind jedoch eher selten.

Obwohl eine zentrale Organisation fehlt, teilen alle diese Gruppen und Akteure dieselbe Ideologie. Eine Ideologie, die in der politischen Szene der Vereinigten Staaten nicht wirklich neu ist. Sie glauben an dieselben Ideale, die die amerikanische Rechte mindestens seit der Reagan-Ära hochhält: die Ablehnung einer starken föderalistischen Regierung sowie der Wunsch, sämtliche sozialen Wohlfahrtsleistungen zu beschneiden, wenn nicht komplett abzuschaffen.

Hinzu kommt eine grundsätzliche Feindlichkeit gegenüber Minderheiten, der feste Glauben an eine amerikanische Sonderrolle, Misstrauen und Ablehnung gegenüber akademischen Eliten, einen gelebten Anti-Intellektualismus in Verbindung mit Pseudo-Wissenschaftlichkeit ("Es gibt keinen Klimawandel!", "Evolution ergibt sich aus der Bibel!"), die Überhöhung des Evangelikalismus zum Rahmenwerk für soziale und moralische Werte, nostalgische Verklärung der letzten Weltkriegsveteranen und ihrer gesamten Generation sowie zu guter Letzt die Vergötterung demagogischer Ikonen wie des TV-Moderators Glenn Beck und Sarah Palin, die ihren eigenen Reichtum und ihre industriellen Sponsoren hinter Populismus verbergen.