Referendum Türken stimmen über Verfassungsreform ab
Die Erdoğan-Regierung in Ankara schlägt vor, die alte Militärverfassung zu ändern. Kritiker monieren, der Premier wolle sich damit den Staat zur Beute machen.
Neuer Anlauf für die Verfassungsänderung in der Türkei : Bereits im Mai hatte die allein regierende AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan im Parlament über ihre angedachte Rechtsreform abstimmen lassen – und fiel durch. Nun sollen es die etwa 50 Millionen Wahlberechtigten richten. Sie sind aufgerufen, darüber zu entscheiden, ob die 1982 per Diktat verordnete Militärverfassung in insgesamt 27 Punkten verändert werden soll oder nicht.
Im Kern sieht das Reformpaket vor, die Organisation der Justiz umzugestalten und die Macht der Militärs einzuschränken. So soll unter anderem die Zahl der Verfassungsrichter erhöht werden und bei ihrer Benennung nicht nur der Staatspräsident, sondern auch das Parlament eine Rolle spielen. Auch der Hohe Rat als oberstes Kontrollorgan der Justiz soll künftig mehr Mitglieder haben, um seinen Aufgaben künftig besser gerecht zu werden.
- Diktat der Armee
Die türkische Verfassung trat 1982 nach einem Putsch mit dem Segen der Armee in Kraft. Obgleich viel daran verändert wurde, bestimmen einige autoritäre Klauseln weiter das politische Leben der Türkei. Die Verfassungsänderungen der AKP-Regierung, über die das Volk am kommenden Sonntag abstimmen soll, betreffen 27 Paragrafen. Kinderrechte und der persönliche Datenschutz werden erweitert, Reiseverbote erschwert. Beamte bekommen das Recht auf einen Tarifvertrag. Ein Ombudsmann-Amt für Proteste der Bürger wird eingerichtet. Sie können sich künftig auch direkt mit Klagen ans Verfassungsgericht wenden. Das Verfassungsgericht wird von 11 auf 17 Mitglieder erweitert. Der Präsident jedoch behält das entscheidende Auswahlrecht für 14 der Richter. Der Hohe Rat der Richter und Staatsanwälte verliert seine elitäre Zusammensetzung, die Zahl der Mitglieder wie der Wahlberechtigten wird erweitert. Zivilisten dürfen nur noch im Kriegsfall vor Militärgerichte gestellt werden, während bei Zivilvergehen die Zivilgerichte auch für Soldaten zuständig sind.
Weiterhin ist in dem Änderungsentwurf angedacht, auch die Generäle des Militärs künftig vor Gericht stellen zu können. Der Militärjustiz soll zudem die Zuständigkeit für zivile Vergehen von Soldaten entzogen werden. Dies würde es beispielsweise ermöglichen, ihnen künftig wegen Planung eines Putsches vor unabhängige Gerichten den Prozess zu machen. Die Militärgerichte hatten solche Verfahren in der Vergangenheit mehrfach mit zweifelhafter Begründung eingestellt.
Reichlich symbolträchtig findet die Volksabstimmung dann auch am 30. Jahrestag des Militärputsches vom 12. September 1980 statt. Ministerpräsident Erdoğan verspricht den Türken durch die geplante Verfassungsänderung mehr Demokratie und Freiheit. Die Opposition spricht dagegen von einem Versuch seiner islamisch-konservativen AKP, die Kontrolle über sämtliche Bereiche des Staates zu übernehmen und die säkularen Prinzipien zu schwächen. EU-Vertreter hatten erklärt, sie unterstützten grundsätzlich die Reformen, hätten sich jedoch eine breitere und umfassende Debatte gewünscht.
Angesichts der erhitzten Debatte um das Referendum gilt es als wichtiger Test für die politische Stimmung in der Türkei. Den letzten Umfragen zufolge deutet sich ein Sieg für Ministerpräsident Erdoğan an. Erste Ergebnisse werden am Abend erwartet.
- Datum 12.09.2010 - 09:30 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
- Kommentare 28
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Es ist schon Traurig das es überhaupt zu Reform Abstimmung kommen musste, die Abstimmung zeigt nur die Politische Wahrheit aber wird für die Zukunft Klarheit zeigen, wohin es weiter geht, das traurige daran ist das man Jahrzehnte verschlafen hat oder die Wahrheit nicht sehen wollte und vor sich geschoben hat.
Ich versteh' auch nicht worum es explizit geht. Hat die Reform etwas mit den EU-Beitrittsverhandlungen zu tun? Was ist den konkret bisher schief gegangen? Ich steh' auf dem Schlauch. Wie ist es möglich sich den Staat zur Beute zu machen. Wäre nett, wenn hier Beispiele angeführt würden!
die Reform so durchgeht ist Erdogan wieder einen Schritt weiter auf seinem Weg zur Abschaffung der Demokratie und zu einem Islamischen Staat nach Iranischem Vorbild - beides hat er selbst schon gesagt!
Was das für die EU Beitrittsverhandlungen bedeutet muss ich sicher nicht mehr erklaeren.
Bitte verzichten Sie auf Hetze und vertrauen Sie auf qualitative, sachlich vorgetragende Argumente. Die Redaktion/is
die Reform so durchgeht ist Erdogan wieder einen Schritt weiter auf seinem Weg zur Abschaffung der Demokratie und zu einem Islamischen Staat nach Iranischem Vorbild - beides hat er selbst schon gesagt!
Was das für die EU Beitrittsverhandlungen bedeutet muss ich sicher nicht mehr erklaeren.
Bitte verzichten Sie auf Hetze und vertrauen Sie auf qualitative, sachlich vorgetragende Argumente. Die Redaktion/is
Intressant ist doch auch das die nicht genau benannt
und den alten Verfassungsartikeln gegenübergestellt werden,
so das man sich mehr als ein Verschwommenes Bild machen kann...
Woran das wohl liegt ?
Diese besorgt, denn bei einem Beitritt zur EU
würde sie ja an der EU Gesetzgebung mitwirken.
Das die Türkei schon sehr weit sei scheint mir
laut Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
(EGMR) nicht so zu sein:
http://www.echr.coe.int/e...
http://de.wikipedia.org/wiki/Europäischer_Gerichtshof_für_Menschenrechte#Verurteilungsstatistik
Gruß
Kamill
Die Opposition befürchtet, die Schwächung der säkularen Prinzipien. Dabei würde sie, gesetzt Fall sie würde mal zur stärksten Kraft gewählt, doch davon auch profitieren. Insofern wäre natürlich eine Erläuterung der Bedeutung der Änderungen in diesem Sinne wünschenswert.
Es scheint aber auch in politischen Teilen der Türkei, dass das säkulare und demokratische Prinzip verbunden wird mit einer starken Stellung des Militärs.
In der Anschuung des Westens bedeutet ja die Schwächung des Militärs im Allgemeinen eine Stärkung der Demokratie.
ist doch schön zu hören dass das volk über diese verfassungsreform abstimmen kann! nicht so wie bei uns!!! bei großen weltgeschehen werden hinter unseren rücken grundrechte entzogen!!!
Ich bekommt ihr mehr und genauere Inforamtionen über diese Verfassungsänderung:
http://www.istanbulpost.n...
die Reform so durchgeht ist Erdogan wieder einen Schritt weiter auf seinem Weg zur Abschaffung der Demokratie und zu einem Islamischen Staat nach Iranischem Vorbild - beides hat er selbst schon gesagt!
Was das für die EU Beitrittsverhandlungen bedeutet muss ich sicher nicht mehr erklaeren.
Bitte verzichten Sie auf Hetze und vertrauen Sie auf qualitative, sachlich vorgetragende Argumente. Die Redaktion/is
Allein die Überschrift von diesem Artikel macht mich schon traurig.
Auch Kurden (15 Millionen leben in der Türkei) dürfen (ja man wundert sich, sie "dürfen" wählen) heute über das Referendum entscheiden.
Obwohl ihnen mit diesem Referendum nicht geholfen wäre, bleibt zu erwarten, was passiert, wenn jenes Referendum durchkommt.
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