UN-EntwicklungszieleBan fordert mehr Geld für Millenniumsziele

Politiker aus aller Welt haben sich auf dem Armutsgipfel der Vereinten Nation zu mehr Entwicklungshilfe bekannt. Aber die Finanzkrise hat Rückschläge gebracht. von dpa und AFP

UN-Chef Ban Ki Moon

Der UN-Chef Ban Ki Moon auf dem Armutsgipfel der Vereinten Nationen  |  © Herbert Neubauer/dpa

Den Menschen in den ärmsten Regionen der Erde müsse schnell und vor allem nachhaltig geholfen werden, sagten Staats- und Regierungschefs und Vertreter von Weltorganisationen am Montag in New York. Es wurde aber auch deutlich, dass die Bemühungen noch nicht ausreichen und durch die Wirtschaftskrise sogar zurückgeworfen worden sind.

Bis Mittwoch wollen Staats- und Regierungschefs aus den 192 Mitgliedsstaaten eine Zwischenbilanz der sogenannten Millenniumsziele ziehen. Vor zehn Jahren hatten die UN acht Ziele für das Jahr 2015 formuliert: Hunger und Armut sollten reduziert werden. Die Mütter- und Kindersterblichkeit sollte drastisch verringert und Bildung und Umweltschutz verbessert werden. Auch der Kampf gegen Aids war ein Thema .

Vor Beginn des Gipfels zogen die UN und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bereits eine gemischte Bilanz der bisherigen Umsetzung. In den Bereichen Regierungsführung, Frieden und Sicherheit, Grundschulbildung und Reduzierung der extremen Armut hätten die Millenniums-Ziele "beachtliche Fortschritte" bewirkt, heißt es darin. UN und OECD sehen jedoch in der Trinkwasserversorgung und dem Zugang zu sanitären Anlagen "enorme Herausforderungen". Auch die hohe Mütter- und Kindersterblichkeit müsste verringert werden.

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Die acht UN-Millenniumsziele: 1.

Armut und Hunger bekämpfen: Die Zahl der extrem armen Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar (knapp ein Euro) am Tag leben, soll bis 2015 halbiert werden, ebenso die Zahl der Hungernden. Die Umsetzung dieser Ziele ist zweifelhaft. Etwa 1,4 Milliarden Menschen weltweit sind immer noch extrem arm, 2010 wird ihre Zahl wegen der globalen Wirtschaftskrise vermutlich sogar um 64 Millionen steigen. 830 Millionen Menschen leiden immer noch Hunger.

2.

Grundschulausbildung für alle Kinder gewährleisten: Alle Jungen und Mädchen sollen bis 2015 mindestens eine Grundschulausbildung erhalten. Inzwischen gehen 89 Prozent aller Kinder zur Grundschule, im Jahr 2000 waren es 83 Prozent. Angesichts des langsamen Fortschritts halten die Vereinten Nationen ein Erreichen des Ziels für unwahrscheinlich. Derzeit gehen immer noch 69 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter nicht in einen geregelten Unterricht.

3.

Gleichstellung und größeren Einfluss der Frauen fördern: Die Benachteiligung von Mädchen in der Schule soll bis 2015 beseitigt werden. Weltweit kommen jedoch auf 100 Grundschüler immer noch nur 96 Grundschülerinnen. Als Erfolg verbucht es die UN, dass der Anteil der weiblichen Parlamentsabgeordneten von 1990 bis 2010 von elf auf 19 Prozent gestiegen ist.

4.

Die Kindersterblichkeit senken: Die Sterberate von Kindern unter fünf Jahren soll bis 2015 um zwei Drittel sinken. Hier sieht die UN Teilerfolge: Starben 1990 noch 100 von 1000 Lebendgeborenen vor dem fünften Lebensjahr, sind es inzwischen nur noch 72 von 1000. Das bedeutet täglich 10.000 weniger Todesfälle von Kleinkindern. Nach derzeitigem Stand könnten aber nur zehn von 67 Ländern mit hoher Kindersterblichkeit bis 2015 das UN-Ziel erreichen.

5.

Die Gesundheit der Mütter verbessern: Die Zahl der Mütter, die während Schwangerschaft oder Geburt sterben, soll bis 2015 um drei Viertel sinken. Doch noch immer sterben jährlich Hunderttausende Frauen an Komplikationen, die Zahl hat sich seit 2000 kaum verringert.

6.

HIV/Aids, Malaria und andere Krankheiten bekämpfen: Hier gibt es Nachholbedarf: Immer noch stecken sich jeden Tag weltweit etwa 7000 Menschen mit dem HI-Virus an. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sank aber von 3,5 Millionen im Jahr 1996 auf 2,2 Millionen im Jahr 2008. Die Zahl der Infizierten mit Zugang zu HIV-Medikamenten in armen Ländern hat sich binnen fünf Jahren verzehnfacht.

7.

Eine nachhaltige Umwelt gewährleisten: Hierzu gehört unter anderem der Erhalt der Artenvielfalt und der Kampf gegen die Abholzung gefährdeter Wälder. Und vor allem die Trinkwasserversorgung: Die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser soll bis 2015 halbiert werden. Seit 1990 haben 2,7 Milliarden Menschen zusätzlich Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. 884 Millionen haben ihn derzeit nicht. Weniger gut läuft die Entwicklung bei hygienischen Sanitäranlagen: Derzeit haben 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang dazu, bis 2015 wird diese Zahl nach UN-Schätzungen sogar leicht ansteigen.

8.

Eine globale Partnerschaft im Dienst der Entwicklung schaffen: Die Exporte aus armen Ländern in Industrieländer nehmen laut den Vereinten Nationen stark zu, der Verschuldungsgrad armer Länder sinkt. Allerdings sind die reichen Länder noch weit vom UN-Ziel entfernt, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Entwicklungshilfe zu geben; derzeit liegt die Quote bei 0,31 Prozent.

Quelle: United Nations Regional Information Centre for Western Europe (UNRIC Brussels), AFP

 
"Die Uhr tickt", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, es gebe noch viel zu tun. Die Welt dürfe jetzt nicht nachlassen. Er mahnte die wohlhabenden Länder zum Auftakt des dreitägigen Sondergipfels, die Entwicklungshilfe trotz hoher Defizite in den Staatsbudgets nicht zu vernachlässigen. "Wir sollten die Staatshaushalte nicht auf dem Rücken der Armen sanieren", sagte er. "Die Erholung von der Wirtschaftskrise darf nicht die Rückkehr zu einer ungerechten Vergangenheit bedeuten." Ban bezifferte den zusätzlichen Finanzbedarf zur Umsetzung der Ziele bis 2015 auf mehr als 100 Milliarden Dollar. "Die Millenniumsziele sind erreichbar, ungeachtet aller Hürden, aller Skepsis und des sich schnell nähernden Termins."

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso kündigte in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau an, die EU wolle bis zu einer Milliarde Euro zusätzlich für die Millenniumsziele zur Verfügung stellen. Das Geld solle aus ungenutzten Mitteln des Europäischen Entwicklungsfonds umgewidmet werden. Die Weltbank will 750 Millionen Dollar zusätzlich geben. Nach UN-Angaben erfüllen derzeit nur fünf Länder das Ziel, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen.

Deutschland will auf dem Gipfel keine zusätzlichen Finanzzusagen machen. Die Bundesregierung will sich vor allem dafür einsetzen, bereits vorhandene Ressourcen effektiver zu nutzen. Beim Ziel, die weltweite Armut zu senken, sind sich die Regierungen weitgehend einig. Doch verlangen die wegen der Wirtschaftskrise unter hoher Arbeitslosigkeit und Schulden leidenden  Länder eine Diskussion, wie die Erfolgsquoten der Hilfsprogramme erhöht werden können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will die Hilfe für arme Länder künftig stärker an Bedingungen knüpfen. "Wir müssen die ergebnisbasierte Entwicklungshilfe in den Mittelpunkt stellen", sagte die Regierungschefin."Es geht nicht nur um Geld. Es geht auch darum, was wird aus dem Geld", sagte die Kanzlerin. Die Eigenverantwortlichkeit der Entwicklungsländer müsse gestärkt werden. Nötig sei zudem eine gute, transparente Regierungsführung in den Empfängerländern.

Am Dienstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu den Delegierten aus den 192 Mitgliedsstaaten sprechen. Sie bekannte sich zur Hilfe für die Dritte Welt, mit der in den nächsten fünf Jahren noch fast eine halbe Milliarde Menschen aus der Armut geholt werden sollen. "Es gibt Licht und Schatten", sagte sie. Asien habe gute Fortschritte gemacht, zu den Sorgenkindern gehöre Schwarzafrika.

Infografik: Millenniumsziele
Wie hängen die Millenniumsziele miteinander zusammen?

Wie hängen die Millenniumsziele miteinander zusammen? Laden sie die Grafik als PDF-Datei herunter  |  © Nora Coenenberg



Merkel betonte das Ziel, dass reichere Länder wie Deutschland bis 2015 für Entwicklungshilfe 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgeben sollen. "Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel", sagte die Kanzlerin und versprach: "Wir strengen uns an." Derzeit bringt Deutschland 0,4 Prozent auf, das sind sechs Milliarden Euro. Nach Angaben von Hilfsorganisationen hätte Deutschland in diesem Jahr bereits 0,5 Prozent leisten müssen.

Ohne ein globales Wirtschaftswachstum sind die Millenniumsziele nach Ansicht des Direktors des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, zum Scheitern verurteilt. Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre "müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln", um die im Jahr 2000 gesteckten Ziele gegen das Elend in Entwicklungsländern drastisch zu reduzieren, sagte er.

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Leserkommentare
    • Zenith
    • 20. September 2010 22:26 Uhr

    daß noch niemand zu diesem Thema postet. Oder schlägt wieder die Zensur gnadenlos zu?

    • Debatz
    • 20. September 2010 22:34 Uhr

    achja, jetzt ist es die Wirtschaftskrise, die uns vom Helfen abhält...was kommt als nächstes? Die von der Wissenschaft jetzt doch möglich gehaltene Eiszeit aufgrund fehlender Sonnenaktivitäten zum Ende ihres Zyklusses?

    Leute, wenn ihr Milliarden Schulden aufnehmen könnt um Dinge wie Kriege zu finanzieren, dann könnt ihr auch Kredite aufnehmen um armen Ländern zu helfen. Abgesehen davon wäre es mal von Nöten eine vernünftige Hilfe anzubieten, anstatt ihnen das Recht zu verwehren sich selbst zu helfen.

    Monsanto-Samen für die Bauern in Haiti und Pakistan, damit sie noch ärmer werden?

    Solarzellen für Afrikaner, damit man ja nicht zu viel helfen kann, weils schweineteuer ist?

    Ist ja auch alles richtig so, schließlich muss man ja die globale Erwärmung aufhalten, auch wenn das heißt, dass die Afrikaner ihre Erdöl- und Kohlevorkommen nicht anfassen dürfen. Gut dass China schon die Finger drauf hat, sonst könnte noch irgend so ein Hinz und Kunz sich daran bereichern...

    Wer helfen will, der kann auch helfen, Geld ist keine Ausrede.

    PS - Die Formulierung hier ist etwas unglücklich gewählt:

    "...um die im Jahr 2000 gesteckten Ziele gegen das Elend in Entwicklungsländern drastisch zu reduzieren, sagte er."

    Gesteckte Ziele drastisch reduzieren, das klingt sehr nach ernst gemeinter Hilfe...

  1. sie brauchen keine Milliarden, diese Gelder verschwinden sowieso in irgendwelchen Kanälen, die Bevölkerung sieht davon rein gar nichts!

    Das was in allen ärmeren Ländern gebraucht wird ist vor allem das Know-How damit sie sich selber versorgen können! Genauso MUSS (vorallem) EU und USA endlich aufhören ihre subventionierte Produkte dort abzusezten! Sie machen überall in diesen Ländern den heimischen Markt kaputt und schaffen nur noch mehr Abhängigkeit!
    Aber ich vermute einfach, dass es schlicht und ergreifend gewollt ist um die Ländern noch mehr auszubeuten!

  2. als die Forderung nach mehr Geld ?!!

    Seit Jahrzehnten werden hier unglaubliche Summen investiert, aber das Ergebnis ist immer erschreckender.

    Ergo liegt es nicht am Geld, sondern am Entwicklungshilfesystem!!

    Wie eine erfolgreiche Entwicklungshilfe stattfinden könnte, zeigt Karl-Heinz Böhm mit seiner Stiftung "Menschen für Menschen".

    Der UN-Chef Ban KI Moon täte gut daran, sich erst einmal um die zur Verfügung stehenden Geldmittel im Detail kundig zu machen.

    Und nicht immer mehr Geld für ein total verrottetes und korruptes System zu fordern!

  3. Ich sehe überhaupt nicht, wieso ich micht verpflichtet fühlen sollte, Menschen in anderen Teilen des Planeten, mit denen mich nichts verbindet außer die Zugehörigkeit zur selben Spezies, zu helfen.
    Homo Homine Lupus. Ergo : Ich helfe meinem Rudel, um mein Überleben zu sichern. Basta.

    Jede Hilfe nach Südamerika, Afrika und Asien sichert dort eine wachsende Nachkommenschaft.

    Überbevölkerung ist erwiesenermaßen der Tod der menschlichen Rasse und des aktuellen Ökosystems.
    Warum sollte ich zur Überbevölkerung beitragen ?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte Angela Merkel | Geld | UN | Bundesregierung | CDU | Europäische Union
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