Westjordanland Der letzte Krieger von Dschenin

Früher baute Zakaria Zubeidi Bomben. Heute kämpft er im Westjordanland gewaltlos gegen Israel. Doch angekommen in der neuen Zeit ist er noch nicht.

Zakaria Zubeidi im "Freedom Theatre" in der Palästinenserstadt Dschenin (Archivbild)

Zakaria Zubeidi im "Freedom Theatre" in der Palästinenserstadt Dschenin (Archivbild)

Wenn Zakaria Zubeidi aus dem Fenster seines Hauses in den Hügeln von Dschenin blickt, dann eröffnet sich ihm ein Panorama wie aus einem Hemingway Roman. Die Stadt in der nördlichen Westbank liegt unaufgeregt in der trockenen Hitze, die hier erträglicher ist als die schwüle Luft im nahen Haifa. Ein weites Tal umgeben von weichen Hügeln mit leichtem Bewuchs erstreckt sich in schattierten Rot- und Brauntönen dem Horizont entgegen.

Zakaria Zubeidi ist ein junger Mann. Er ist 33 Jahre alt. Er hat eine Frau und zwei Kinder. Er hat israelische Soldaten getötet und Bomben gebaut. Er war, so behaupten die israelischen Behörden, Organisator von Selbstmordattentaten. Er stand ganz oben auf der Todesliste zu liquidierender Staatsfeinde.

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Als sich während der Zweiten Intifada ein Selbstmordattentäter aus dem ehemals prosperierenden Dschenin in Haifa in die Luft sprengt, rückt im April 2002 die israelische Armee an und zerstört große Teile der Stadt. Die Palästinenser greifen ihrerseits zu den Waffen. Während der "Schlacht um Dschenin" wird Zubeidi zu einem der Anführer der Fatah nahen Al-Aksa-Brigaden.

Aus tiefen, versehrten Augen blickt Zakaria Zubeidi nun auf. In der fragmentierten Iris sitzen scheinbar verstreut kleine, abstrakte Pupillen. 2003 war vor ihm ein Sprengkopf explodiert. Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.

Viel haben diese Augen gesehen. Die Panzer und Bulldozer, die die Häuser von Freunden nieder walzten. Die leblosen Körper seiner Mutter und seines Bruders, die in der Zweiten, der Al-Aksa-Intifada, ums Leben kamen. Eine Mauer, die sein Land von der Außenwelt abtrennt.

Als 2007 eine Amnestie für ehemalige Al-Aksa-Kämpfer beschlossen wird, bekennt sich Zubeidi zum "kulturellen Widerstand", zur "kulturellen Intifada". Er gründet zusammen  mit dem israelischen Schauspieler und Dissidenten Juliano Mer-Khamis das Freedom Theatre im ehemaligen Flüchtlingslager von Dschenin.

Noam Chomsky und Judith Butler unterstützen das Projekt. Junge Palästinenser entwickeln Theaterstücke, lernen zu fotografieren und belegen Journalismus-Kurse, um ihre eigene Geschichte erzählen zu können. Zakaria Zubeidi trifft nun Politiker wie den Ministerpräsidenten von Brandenburg, Matthias Platzeck. Er begegnet dem palästinensischen Ministerpräsidenten Fayyad auf Augenhöhe. Die Pragmatiker in der neuen palästinensischen Führung wissen, dass sie Männer wie Zubeidi mitnehmen müssen in das neue Palästina. Sie sind die Basis. Sie sind die Straße.

Das Paradox ist: Zakaria Zubeidi ist ein Krieger. Und er wird es immer sein. In der Welt der bilateralen Konsultationen ist er ein Fremdkörper, manche sagen ein Anachronismus. Doch mit seinen 33 Jahren wird er jenes neue Palästina, das jetzt in Konferenzzimmern und auf internationalen Treffen gebaut wird, in die Tat umsetzen müssen. Dieser Widerspruch ist nicht leicht zu lösen. Wenn der alte Feind auf einmal zum Partner werden soll, dann geraten die Koordinaten der Identitätsbestimmung durcheinander.

Zubeidi sitzt aufrecht auf einem Sofa im Freedom Theatre . An der Wand hängt ein Ché-Guevara-Bild. "Der bewaffnete Widerstand ist Teil des Palästinensischen Widerstandes", sagt er bestimmt in einem eigentümlichen Singsang: "Aber wir haben Ärzte, Ingenieure, Künstler, das Kino und das Theater. Wir haben neue Waffen, die wir verwenden."

Zubeidi meint die internationalen Volontäre, die nach Dschenin kommen, um kulturelle Projekte wie das vom deutschen Filmemacher Marcus Vetter initiierte Cinema Jenin zu unterstützen. Er meint das Freedom Theatre , welches eben auch über die Kultur, den kulturellen Widerstand, eine nationale Identität umreißen soll: "Das ist eines unserer wesentlichen Ziele, an denen wir arbeiten: Eine palästinensische Idee zu bestimmen und zu entwickeln", sagt Zubeidi. 

Doch diese Identität ist prekär. Immer wieder spricht Zubeidi von der dritten Intifada als sinnstiftendem Ereignis. Wenn er einen dabei so sonderbar fern anblickt, dann weiß man, das sind nicht die Floskeln eines Politikers oder saturierten Alt-Aktivisten. "Ich habe meine Waffen nicht niedergelegt. Ich benutze sie schlicht nicht mehr", sagt Zubeidi dann und greift dabei beiläufig an sein Pistolenhalfter, das er unter seinem Hemd am Rücken verborgen immer bei sich trägt.

Zubeidi sagt, er trage diese Waffe nicht, um zu töten, sondern um getötet zu werden, sollten israelische Spezialeinheiten ihn einmal doch in Haft nehmen wollen. Man nimmt ihm ab, dass er das ernst gemeint.

In den Augen, den Gesten und dem Ton von Zubeidi findet sich eine eigentümliche Sanftheit, die einfach nicht zu seiner Biografie passen will. Wenn man seinen Blick erwidert, schlägt er oftmals die Augen nieder. Aber nicht verschüchtert oder zaghaft. Es ist, als wenn Zakaria Zubeidi schon längst nicht mehr ganz da wäre, schon halb an einem anderen Ort. 

Blickt man in seine Augen dann begegnet einem die ganze Komplexität und das biblische Alter des Nahost-Konfliktes. Und die Sonntagsreden der Politik scheinen sich in der flirrend heißen Luft Dschenins schlicht aufzulösen.

In der vergangenen Woche haben durch die Vermittlung der Amerikaner wieder direkte Gespräche zwischen den Palästinensern und der israelischen Regierung begonnen. Am Tisch saß eine Generation, die überlebt hat und dabei alt geworden ist. Nicht die Zubeidis des bewaffneten Kampfes sprachen und sprechen über die Zwei-Staaten-Lösung, das Rückkehrrecht und Jerusalem als gemeinsame Hauptstadt, sondern der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und sein Regierungschef Salam Fayyad.

Sie sprechen für eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.

"Nach der (Zweiten) Intifada begannen die inner-palästinensischen Probleme zwischen Hamas und Fatah. Das ist der wahre Grund, warum ich den bewaffneten Kampf unterbrochen habe" sagt Zubeidi leise: "Man kann die palästinensische Flagge nicht mehr sehen. Alle Flaggen sind grün, gelb oder schwarz: Die Farben der einzelnen Parteien. Die Palästinenser haben diese Partikular-Interessen ständig vor Augen." Ihm gehe es um Einheit. Den Politikern in Ramallah misstraut er dabei: "Wir haben die Opfer gebracht. Dort wird nur geredet", sagt der ehemalige Al-Aksa-Brigaden-Chef. 

Die Narben, die Zakaria Zubeidi im Gesicht und am Körper trägt, sind die Wunden des Konfliktes, die ihn zum Mörder, zum Volkshelden, zum letzten Krieger haben werden lassen. Er kann keinen Frieden finden. Er kann von den Israelis nicht als gleichberechtigter Partner akzeptiert werden. Umso abstrakter klingt es wenn Zubeidi sagt, er lade jeden Juden ein, sein Nachbar zu sein: "Wir beanspruchen das ganze Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. In diesem palästinensischen Staat begrüßen wir alle Religionen. Wir sind das heilige Land für alle drei Religionen." Dazu wird es wohl niemals kommen. Zubeidi weiß das.

Manchmal, wenn er eine Zeit lang schweigt, scheint es, als versinke Zubeidi in der Vergangenheit, als höre er "die im Dunkeln unter dem Fenster entlang marschierenden Truppen", wie Hemingway in A farewell to arms schreibt. Als spüre er das Gewicht und den Rückstoß der Maschinenpistole in seiner Hand. "Die Israelis besetzen unser Land, unsere Kultur und unsere Träume", sagt Zubeidi schließlich. Unruhige Träume müssen das sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Woher will der Autor eigentlich wissen was die "neue Zeit" eigentlich ist?

    Wer prägt die Zukunft in den Köpfen der jungen Palistinänser. Judith Butler oder die Geschichten vom Heldentod? Die Zukunft gehört denen, welche Kinder in die Welt setzen. Zumindest davon gibt es in dieser Weltregion genug...

  2. dass der unbarmherzige Feind weiß, dass sein Staatsfeind Nummer Eins der echte gerechte Frieden ist, und dass für weitere Kriege und Aggressionen -mit der Zeit- seine Begründungen und Ausreden nicht mehr überzeugen werden.

    Das Dillema der Palästininser ist, dass sie das genau wissen, aber mit dem Rücken zur Wand stehend, so einem Feind ausgeliefert sind.

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    zeit.de hat sicherlich schon genug sich wiederholende Debatten zu dem ganzen Thema erlebt.
    Und obwohl ihr Username dem schon wiederspricht, bitte ich Sie wenigstens den Versuch zu unternehmen den ganzen Konflikt nicht nur Schwarz-Weiß zu sehen.

    Gruß

    zeit.de hat sicherlich schon genug sich wiederholende Debatten zu dem ganzen Thema erlebt.
    Und obwohl ihr Username dem schon wiederspricht, bitte ich Sie wenigstens den Versuch zu unternehmen den ganzen Konflikt nicht nur Schwarz-Weiß zu sehen.

    Gruß

  3. zeit.de hat sicherlich schon genug sich wiederholende Debatten zu dem ganzen Thema erlebt.
    Und obwohl ihr Username dem schon wiederspricht, bitte ich Sie wenigstens den Versuch zu unternehmen den ganzen Konflikt nicht nur Schwarz-Weiß zu sehen.

    Gruß

    Antwort auf "Das Dillema!"
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    Die erste weibliche Terroristin ("palästinensiche Befreungsfront")sitzt heute in Jordanien und sagt öffentlich, dass sie ihre Ansichten keinen Deut geändert hat.

    Sie wurde seinerzeit überwältigt, aber mit den Geiseln der anderen drei entführten Flugzeuge freigepresst.

    Die erste weibliche Terroristin ("palästinensiche Befreungsfront")sitzt heute in Jordanien und sagt öffentlich, dass sie ihre Ansichten keinen Deut geändert hat.

    Sie wurde seinerzeit überwältigt, aber mit den Geiseln der anderen drei entführten Flugzeuge freigepresst.

  4. Die erste weibliche Terroristin ("palästinensiche Befreungsfront")sitzt heute in Jordanien und sagt öffentlich, dass sie ihre Ansichten keinen Deut geändert hat.

    Sie wurde seinerzeit überwältigt, aber mit den Geiseln der anderen drei entführten Flugzeuge freigepresst.

    Antwort auf "Weniger Schachdenken"
    • schlof
    • 20.10.2010 um 2:20 Uhr

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