Nehmt unverzüglich den TGV, den Hochgeschwindigkeitszug nach London, falls er nicht bestreikt wird, und schaut euch an, was die Briten machen: Das riet dieser Tage ein Leitartikel der Le Monde Nicolas Sarkozys Regierungspartei und den oppositionellen Sozialisten. Französisches Interesse an wirtschafts- und finanzpolitischen Rezepten der Angelsachsen ist, dazu noch von einem Blatt der linken Mitte, eine Rarität.

Doch nicht nur Frankreich, die ganze westliche Welt schaut interessiert Richtung Insel, auf der gerade ein einzigartiges Experiment anläuft. Kann die Regierung in London vormachen, wie man aus Finanzkrise und staatlicher Überschuldung herauskommt und zugleich das schier Unmögliche vollbringen, den unbezahlbar gewordenen Sozialstaat zu reformieren? Letzteres allein wäre schon beinah der heilige Gral moderner Politik.

Weder in den USA noch anderswo in Europa zeichnet sich bislang ein Königsweg ab, der die Bürde der Schulden mindert, den ersehnten Aufschwung einleitet, geschweige denn den beinah überall fälligen Umbau des Wohlfahrtsstaates anpackt. In vielen Staaten schwächelt die Wirtschaft, lässt die ersehnte Erholung auf sich warten. Allen voran in den USA, wo die Arbeitslosigkeit hartnäckig auf hohem Sockel verharrt; den "keynesianischen" Kurs Obamas kann man beim besten Willen nicht als rauschenden Erfolg bezeichnen. Der Stimulus ist weitgehend verpufft, ohne viel Wirkung entfaltet zu haben; zurzeit bleibt nur der Ausweg der Dollar-Abwertung, was im Extremfall in einem ausgewachsenen Währungskrieg und gefährlichen protektionistischen Tendenzen mündet.

Auch in Europa sieht es nicht gut aus, vor allem in südlichen Gefilden. Eine der wenigen Ausnahmen ist Deutschland, das mit guten Wirtschaftsdaten überrascht. Ironischerweise ist das jenen Reformen der "Neuen Mitte" – Stichwort Hartz IV – zu verdanken, von denen sich die SPD schon seit geraumer Zeit distanziert, anstatt daraus die richtige Lehre zu ziehen: man hätte die Agenda 2010 früher angehen müssen.

Ob in Berlin, Paris oder anderen Hauptstädten Europas – man wird nicht daran vorbeikommen, die hohe Verschuldung der öffentlichen Hand zu reduzieren und die Reform des Sozialstaates anzupacken. Erforderlich ist, mit anderen Worten, die Anpassung an neue, globale Realitäten, die niemandem erspart bleibt: Amerika und Europa verlieren an wirtschaftlicher Kraft, andere, allen voran Ostasien und Brasilien, gewinnen dazu.

In dieser Situation spielt Großbritannien die Rolle des Vorreiters. Wie schon vor dreißig Jahren, als der Thatcherismus Marktprinzip und Privatisierung propagierte, den Staat entschlackte und durch seinen Erfolg eine hoffnungslos nach links abgedriftete Labourparty zwang, sich zu erneuern. Danach kam Tony Blairs Dritter Weg einer modernisierten, realistischeren Sozialdemokratie, die den Markt bejahte, sanfte Umverteilung praktizierte und sich an Sozialstaatsreformen heranwagte, dabei aber nach guten Ansätzen stecken blieb. Konservative und Liberaldemokraten, durch das Wahlergebnis in eine ungewohnte Koalition gezwungen, knüpfen hier an. Ihre Politehe entpuppt sich bislang als erstaunlich radikale Formation, der es an Mut nicht mangelt.

Macchiavelli hätte seine Freude an Premier David Cameron und Vize Nick Clegg. Sie beherzigen seinen Rat, kühn und einig zu sein und begehen die notwendigen Grausamkeiten gleich am Anfang. Tempo und Volumen der britischen Spar- und Reformoperation sind erstaunlich. Nicht nur soll binnen vier Jahren das strukturelle Defizit von über 86 Milliarden Pfund beseitigt sein. Allein die Zinszahlungen verschlingen im Jahr 44 Milliarden Pfund. Am Ende, wenn das Werk gelungen sein sollte, wird die Staatsquote bei 41 Prozent des Bruttosozialproduktes liegen, wo sie zuletzt 2007 lag. Inflationsbereinigt wird Großbritannien nach erfolgter Rosskur sechs Prozent mehr Geld ausgeben als 1997, dem Jahr, als Labour die Konservativen ablöste, eine Realität, die das Gerede vom neoliberalen Kahlschlag als Unsinn entlarvt.