Frage: Herr Kretschmann, erinnern Sie sich noch an den 12. Dezember 1985?

Winfried Kretschmann: Klar. Damals wurde Joschka Fischer im hessischen Landtag vereidigt – als erster grüner Umweltminister der ersten rot-grünen Koalition in Deutschland. Das Foto der Vereidigung – Fischer trug Turnschuhe – ist unvergessen, weil es eine Zäsur der deutschen Parteiengeschichte festgehalten hat.

Frage: Von Ihnen könnte es bald auch ein historisches Foto geben …

Kretschmann: Moment, Moment. Wir stehen fünf Monate vor der Landtagswahl in Baden- Württemberg. Da denke ich nicht über historische Fotos nach.

Frage: Trotzdem können Sie damit rechnen, nach der Wahl der erste grüne Ministerpräsident der ersten grün-roten Koalition in Deutschland zu werden. Beflügelt Sie die Vorstellung nicht?

Kretschmann: Seit meiner linksradikalen Vergangenheit als Student habe ich mir Machtfantasien abgewöhnt. Wir wollen gestalten und sind dafür gut aufgestellt. Wir werden die Verantwortung annehmen, wenn der Wähler uns in die Pflicht nimmt und uns die Verantwortung für dieses Land zuweist. Auch ich persönlich.

Frage: Klingt nicht sonderlich begeistert.

Kretschmann: Ich kann da nur den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel zitieren: "Das Amt muss zum Mann kommen, nicht der Mann zum Amt." Was auf uns zuläuft, nehmen wir an, aber erst mal müssen wir uns kümmern. In den Umfragen kommt eine hohe Erwartungshaltung an uns Grüne zum Ausdruck. Der müssen wir gerecht werden – vor und nach der Wahl.

Frage: Werden die Grünen Stuttgart 21 stoppen, wenn sie an die Regierung kommen, wie es Ihr Parteifreund, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, verspricht?

Kretschmann: Wir setzen alles daran, so schnell wie möglich aus dem Projekt auszusteigen. Jetzt geht das auf jeden Fall noch. Ob das nach den Landtagswahlen noch möglich ist, kann seriöserweise niemand sagen.

Frage: Warum nicht?

Kretschmann: Die Lage ist doch so: Während der laufenden Schlichtungsgespräche gibt es einen Bau- und Vergabestopp. Stand heute müssen wir davon ausgehen, dass die Projektträger nach Ende der Gespräche, Anfang Dezember, Bauaufträge vergeben werden, vertragliche Verpflichtungen eingehen, sprich: auf Teufel komm raus Fakten schaffen werden.

Wir können demnach heute beim besten Willen nicht einschätzen, wie sich die juristische Lage Ende März darstellt, das heißt, ob und wenn ja, zu welchem Preis wir noch aussteigen können. Wenn es irgendwie geht, werden wir nach der Wahl aussteigen beziehungsweise dazu einen Volksentscheid einleiten, aber wir versprechen nichts, was wir gegebenenfalls nicht halten können.