Die Jungen ziehen nicht mehr alle weg: zwei Bewohner des Kibbuz Degania © Marlene Halser

Zwei gute Lebensabschnitte gäbe es, so scherzt man in Israel, um in einem Kibbuz zu leben: Als Kind und als Greis. Da sei man dort gut versorgt, ohne etwas dafür tun zu müssen. In den Jahren dazwischen aber, sei das Leben außerhalb des Kibbuz schlichtweg spannender und lukrativer.

Bis vor kurzem steckte viel Wahrheit in diesem Spruch. Der Kibbuz drohte auszusterben. Vor allem junge Kibbuzniks, die in einer solchen genuin israelischen Lebensgemeinschaft aufgewachsen waren, zog es in die Städte. Die Kibbuzim, jene dörflichen Zusammenschlüsse, in deren ursprünglicher Form alle Mitglieder gleichgestellt und unabhängig von Ausbildung, Herkunft und Geschlecht mit kollektivem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen zusammenlebten – viele Israelis kehrten ihnen in den letzten Jahrzehnten den Rücken. Elektrische Golfcarts, mit denen die ehemaligen Pioniere heute aus Gebrechlichkeit die ordentlich geteerten und von Bäumen beschatteten Kibbuzwege entlang rollen, wurden zum Sinnbild für die ehemals sozialistisch strukturierten und zwischenzeitlich vergreisten Lebensgemeinschaften.

Doch seit einigen Jahren hat sich dieser Trend gedreht. Heute – einhundert Jahre, nachdem der erste Kibbuz Israels gegründet wurde – zieht es viele junge Israelis wieder zurück in die gemeinschaftlich organisierten Dörfer, die mit den einstöckigen Bungalows und den vielen Rasenflächen an Feriendörfer in Spanien oder Portugal erinnern. Der Grund: Die meisten Kibbuzim sind heute kapitalistisch organisiert und das Leben in der Mehrheit dieser Gemeinschaften gleicht dem in einer behüteten und gut situierten Vorortsiedlung mit ausgezeichneten Schulen, wenig Kriminalität und sozialer Absicherung.

Shahaf Shoshany kann sich überhaupt nicht vorstellen, außerhalb des Kibbuz zu leben. Der 22-Jährige wurde in Israels ältestem Kibbuz geboren – in Degania am sonnigen Südufer des Sees Genezareth. Zehn junge Männer und zwei junge Frauen aus Weißrussland gründeten Degania am 29. Oktober 1910. Wie viele andere europäische Juden nach ihnen, flohen sie vor den zunehmenden Pogromen in ihrer Heimat nach Palästina, um dort Theodor Herzls zionistischen Traum von einem eigenen Judenstaat zu verwirklichen. Nach dem Vorbild Deganias entstand ein ums andere Kibbuz in Israel, mehr als die Hälfte davon noch vor der Staatsgründung 1948. Und auch im jungen israelischen Staat spielten die Kibbuzim eine wichtige Rolle: Einerseits definierten und sicherten sie vielerorts die Grenzen des von seinen arabischen Nachbarn bedrohten Staates. Gleichzeitig dienten die Kibbuzim während der britischen Mandatszeit als Ausbildungsstätten und Verstecke für die Mitglieder der israelischen Untergrundorganisationen Palmach und Hagana, die die illegale Einwanderung jüdischer Holocaustflüchtlinge nach Palästina organisierten und die britische Militärregierung sabotierten.

"Ich würde nicht in der Stadt leben wollen", sagt Shoshany, der der dritten Generation von Israelis angehört, beim Mittagessen im kibbuzeigenen Speisesaal. Dort sitzt er mit seiner Familie an einem der langen Tische: Seine Eltern sind da, seine Cousins und Cousinen und sein 82-jähriger Großvater, Itzhak Levy, der 1943 als Kind aus Breslau vor den Nazis flüchtete und heute zu den ältesten Bewohnern von Degania gehört. Schön ruhig sei es im Kibbuz, sagt Shoshany, und eine Menge junger Studenten kämen in letzter Zeit nach Degania, um einen der billigen Bungalows im Kibbuz zu bewohnen.