US-WahlkampfMit Satire zurück zur Vernunft

Jon Stewarts "Daily Show" gilt vielen Amerikanern als beste Nachrichtensendung im Land – obwohl es Satire ist. Am Samstag ruft Stewart zur Großdemo nach Washington. von 

Beißender Spott ist Jon Stewarts Markenzeichen

Beißender Spott ist Jon Stewarts Markenzeichen  |  © Jason Kempin/ Getty Images

"Was glauben Sie, was ich bin Herr Präsident, ein Clown?", sagt Jon Stewart mit gespielter Entrüstung in die Kamera. Gerade hat Stewart in seiner abendlichen Daily Show einen Clip gespielt, in der Barack Obama vor einer Schulklasse steht und den Kindern erzählt, wie lustig er den 48 Jahre alten New Yorker TV-Moderator findet. Dann lehnt Stewart sich zurück und legt seine Füße auf den Tisch, die in riesigen roten Schuhen stecken. "Naja gut", korrigiert Stewart sich. "Vielleicht hat Obama in diesem Fall ja doch nicht so ganz Unrecht."

Die Daily Show läuft seit 1999 jeden Abend um 23 Uhr auf dem Spartensender Comedy Central. Im Grunde war sie schon immer als Satire angelegt – auf das politische Tagesgeschehen in Washington und vor allem auch auf die immer absurdere Berichterstattung darüber in den vermeintlich ernst zu nehmenden Medien. Doch mittlerweile ist nicht mehr so eindeutig, ob Stewart tatsächlich nur ein Witzemacher ist. 1,8 Millionen Amerikaner pro Abend sehen ihn mittlerweile als die zuverlässigste Nachrichtenquelle im Land an. "In einer Zeit, in der die Fakten durch Lügen zertrampelt werden und die Wahrheit durch Demagogie ersetzt, bildet Jon Stewart ein unersetzliches Korrektiv", schrieb jüngst das New York Magazine. "Er ist das, was einst der Nachrichtensprecher Walter Cronkite war – der Mann, dem Amerika am meisten vertraut."

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Das jüngste und vielleicht eindringlichste Beispiel dafür, wie Stewart es schafft, Satire mit einer durchaus ernst gemeinten politischen Botschaft genial zu verbinden, ist seine am Samstag geplante Großkundgebung auf der Mall in Washington – dem großen Freigelände direkt unterhalb der Monumentalbauten der Bundesregierung. 200.000 Menschen werden erwartet, wenn Stewart dort seine "Rally to restore sanity" abhält – seine "Zusammenkunft zur Wiederherstellung der Vernunft". Es ist eine Parodie der Veranstaltung von Glenn Beck, dem konservativen Hetzer des Sendenetzwerks Fox, der vor wenigen Wochen die Anhänger der Tea-Party nach Washington rief, um "Ehre" in Amerika wiederherzustellen.

Beck, der sich im Gegensatz zu Stewart selbst unglaublich ernst nimmt, ist eine Dauer-Zielscheibe von Stewarts Spott. Beinahe täglich zerpflückt Stewart mit Genuss die abstrusen Verschwörungstheorien, die Beck in seinem Programm verbreitet, allen voran die, dass Obama ein Krypto-Sozialist sei, der die amerikanische Demokratie aushöhlen und den Kapitalismus abschaffen wolle. Der Spaß auf Becks Kosten hat selbstverständlich einen überaus ernsten Hintergrund – Jon Stewart ist es von Herzen darum zu tun, im Irrsinn der derzeitigen politischen und Medienlandschaft Amerikas eine letzte Oase der Vernunft zu schaffen. "Ich stimme Ihnen nicht in allem zu Herr Präsident", ist etwa eines der Schilder, die Stewart seinen Anhängern am Samstag mitzubringen empfiehlt. "Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht Stalin sind." Ein anderes: "Eine Nummer leiser bitte, Amerika."

Glenn Beck auf Fox News

Jon Stewart hat mit seinen bissig-ironischen Meta-Nachrichten das geschafft, was etwa das Netzwerk CNN mit seiner grauen Faktenberichterstattung seit zwei Jahren vergeblich versucht. Er ist die Stimme und die Identifikationsfigur all derer geworden, die angesichts der extrem polarisierten und zunehmend irrationalen Polit- und Medienkultur in den USA fassungslos sind. Wenn Stewart einen Clip von Fox News oder eine Rede eines Tea-Party-Kandidaten einspielt und dann kopfschüttelnd in seinem Sessel versinkt, tut er dies stellvertretend für alle Amerikaner, die sich sehnlichst die Rückkehr der Vernunft in den öffentlichen Diskurs des Landes wünschen.

Natürlich ist Stewart auch ein Produkt jener Kultur, die er zu bekämpfen sucht. Seine Sendung erregte erstmals nachhaltiges Aufsehen, als er sich über den Wahlkampf im Jahr 2000 mokierte – jene Wahl, in welcher der Gewinner nach Stimmen Al Gore dem Verlierer George Bush das Amt überlassen musste. "Wir haben uns schon Wochen vorher Witze für den Augenblick überlegt, an dem Gore vor die Kameras tritt und seine Niederlage eingesteht", erinnert sich Stewart.

Stewart legte damals bereits den Finger auf jenes Problem, das seit dem Amtsantritt von Obama immer offensichtlicher das größte Übel der heutigen Vereinigten Staaten ist: Die völlige Dysfunktionalität und Lähmung des politischen Systems. Dieser Systemfehler war auch während der Bush-Jahre stets das eigentliche Ziel seines Hohns, auch wenn es an direkter Kritik für die Administration nicht mangelte. Sein Blick für den größeren Zusammenhang positionierte ihn dann perfekt für die Obama-Ära: Entgegen vieler Prognosen ist Stewart seit 2008 noch relevanter und populärer als je zuvor.

Leserkommentare
  1. Bei Ihm ist großes Kino angesagt. Warum haben wir so etwas in Deutschland nicht?

    Da gibt es entweder jeden Tag um 20.15 die Reichspropagandaschau auf ARD, oder Talksshows, die durch ihre ausgesuchten Protagaonisten, die Gesamtmeinung, die man zu denken hat, schon im voraus erahnt.

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    Die gibt es doch zum Glück noch, wenn auch noch vereinzelt, die mal die Wahrheit klar und direkt ansprechen wie Hagen Rether, und andere, die nicht nach dem Motto "das darf man doch wohl sagen dürfen" an Sachen rangehen, um am Ende nichts konstruktives ans Tageslicht bringen zu können. Leider ist es ziemlich bedauernswert mitanzusehen, wie diese gerne diffamiert werden als linke und multikulti-Anhänger und noch bedauernswerter ist es, dass wir der Normalbürger diese Anschuldingungen einfach frisst, dass uns die Taugenichtse vorwerfen. Es ist nicht zu empfehlen, den heutigen Spitzenpolitikern blind zu vertrauen. Bundeskanzerlin Merkel hat es freundlicherweise nochmal im Atomstreit demonstriert, wieso es so ist.

    Gibts alles. Einfach mal abends durchs Kulturprogramm zappen. Informationen gibts auf phönix, arte und 3sat. Und Ironie und beissenden Humor in den Dritten (extraDry, Satiregipfel etc.). Sogar "Neues aus der Anstalt" hat öfters echtes politisches Kabarett zu bieten (leider nun ohne Schramm, aber ich hoffe das Beste)

    • ovozim
    • 29. Oktober 2010 15:09 Uhr

    Nicht ganz. Die Heute-Show auf dem Zweiten erstaunt mich doch immer wieder :) auch wenn sie manchmal ein bissl arg blöde daher kommt.

  2. Nennt sich "heute show". Natürlich kommt Oliver Welke noch nicht an den großen Jon Stewart heran, aber er macht große Fortschritte in die Richtung.

  3. Die gibt es doch zum Glück noch, wenn auch noch vereinzelt, die mal die Wahrheit klar und direkt ansprechen wie Hagen Rether, und andere, die nicht nach dem Motto "das darf man doch wohl sagen dürfen" an Sachen rangehen, um am Ende nichts konstruktives ans Tageslicht bringen zu können. Leider ist es ziemlich bedauernswert mitanzusehen, wie diese gerne diffamiert werden als linke und multikulti-Anhänger und noch bedauernswerter ist es, dass wir der Normalbürger diese Anschuldingungen einfach frisst, dass uns die Taugenichtse vorwerfen. Es ist nicht zu empfehlen, den heutigen Spitzenpolitikern blind zu vertrauen. Bundeskanzerlin Merkel hat es freundlicherweise nochmal im Atomstreit demonstriert, wieso es so ist.

    Antwort auf "Klasse!"
  4. Gibts alles. Einfach mal abends durchs Kulturprogramm zappen. Informationen gibts auf phönix, arte und 3sat. Und Ironie und beissenden Humor in den Dritten (extraDry, Satiregipfel etc.). Sogar "Neues aus der Anstalt" hat öfters echtes politisches Kabarett zu bieten (leider nun ohne Schramm, aber ich hoffe das Beste)

    Antwort auf "Klasse!"
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    • fauler
    • 29. Oktober 2010 19:30 Uhr

    sie heißt aber extraDREI und nicht extraDRY ;)

    Heute Show ist auch ganz klasse.nicht so gut wie jon stewart aber immerhin. Früher lief mitternachts die daily show auch in Comedy cantral deutschland, haben das dann aber leider wieder abgesetzt :(

  5. ... zwischen dem, was im deutschen Fernsehen läuft (und ich habe auch große Hoffnung in die heute show!) und The Daily Show liegt aber größtenteils auch in der Frequenz. TDS läuft montags bis donnerstags zu einer Zeit, wenn das junge Publikum dann doch schon zuhause ist. Mit diesen knapp zwei Stunden Sendezeit pro Woche kann man dann doch mehr erreichen als mit dem wöchentlichen Sendeplatz. Und wenn der dann auch noch an einem Freitagabend liegt, wenn man ja doch gerne mal länger ausgeht.

    Allerdings ist TDS eben auch kein politisches Kabarett und deshalb viel leichter zugänglich, weil es in erster Linie das aufgreift, was uns ohnehin den ganzen Tag begleitet: die aktuellsten Nachrichten und vor allem das Fernsehen.

    Dazu muss man auch sagen, dass TDS keineswegs immer so brillant, aktuell und scharfzüngig war, wie sie es heute ist. Aber mit Jon Stewart sitzt da jemand, der keine Angst hat, auch mal Unrecht zu haben (bzw. sich eines besseren belehren zu lassen) und Fragen zu stellen, die sich sonst niemand traut. (Großartig z. B. die Interviews, die Stewart rund um die Finanzkrise geführt hat.) Und vermutlich auch, weil man mit Comedy Central einen Sender hat, der erkannt hat, dass sich auch junge Leute für halbstündige Interviews interessieren. Und wenn man diese nicht on air austrahlen kann, werden sie ins Netz gestellt. Und da bleiben sie.

    Falls man mal wieder eine Portion Vernunft braucht ...

    • TomFynn
    • 29. Oktober 2010 15:41 Uhr

    wurde 2006 zum "Correspondents Dinner" in Weiße Haus geladen um einen "Roast" auf die versammelte Politprominenz - einschließlich George II. - zu halten. Ich fand es zum schreien. Die Anwesenden nicht. Warum bloss?

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  6. Welches Bild gibt ein Land ab, in dem die Menschen einen (zugegebenermaßen genialen) Satiriker als die zuverlässigste Quelle von Informationen ansehen?

    Bei uns ist es ja bereits ähnlich, wenn auch nicht ganz so laut. Ich höre einem Volker Piespers auch lieber zu als einem Peter Klöppel. Und dazu halte ich ihn für relevanter!

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    Sarkastisch könnte man anmerken, die restlichen 308 Mio Amerikaner schauen wahrscheinlich Werbefernsehen.

    Bei aller Kritik am deutschen öffentlich/rechtlichen Fernsehen ist bei selektiver Betrachtung einiges Ansprechendes bei 3SAT, Arte, Phoenix, den Dritten und auch bei ARD und ZDF zu finden.

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  • Schlagworte Barack Obama | Jon Stewart | Bundesregierung | Fox | Blogosphäre | Clown
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