Afghanische Männer tragen die Leiche eines Angehörigen weg, der bei der Bombardierung der Tanklaster ums Leben kam © Massoud Hossaini/AFP/Getty Images

Um der Gerechtigkeit zu dienen, ist Habibe Erfan in das Land der Täter gereist. Sie sitzt in Berlin im Café Einstein. Draußen vor der Tür liegt die alte preußische Paradestraße Unter den Linden. Touristenbusse fahren vorbei, hupende Taxis drängeln. Drinnen im Café treffen sich Geschäftsleute, unterhalten sich Politiker. Habibe Erfan hat keine Regung für den Trubel übrig. Sie konzentriert sich und legt die Stirn in Falten.

Ihr schwarz-weißes Kopftuch sitzt tief auf dem Kopf und lässt viel braunes Haar unbedeckt. Neben ihr übersetzt die Dolmetscherin gerade eine Frage von Christine Buchholz, Bundestagsabgeordnete der Linken. Die Partei hat Habibe Erfan nach Deutschland eingeladen, sie soll über die Tanklaster-Bombardierung bei Kundus berichten. Am Donnerstag hat sie vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss des Bundestages ausgesagt – als erste Zeugin aus Afghanistan.

Abgeordnete der Union kritisierten das. Sie sagten, dass der Erkenntnisgewinn gering, das Risiko für die Afghanen jedoch sehr hoch sei. "Natürlich wird es nach der Rückkehr noch gefährlicher für mich", sagt Habibe Erfan. Sie spricht ruhig, ganz unaufgeregt. Als Kandidatin für das afghanische Parlament ist sie Gefahr gewöhnt.

Die Taliban haben ihren Bruder ermordet, sie selbst erhält regelmäßig Morddrohungen der Radikalen – auch wegen ihres Kontakts zu den Deutschen. Dennoch wollte Habibe Erfan unbedingt kommen. Sie will, dass die Angehörigen der Opfer ordentlich entschädigt werden und Gerechtigkeit hergestellt wird, sagt sie. Sie will ihre Geschichte erzählen, damit die Menschen in Deutschland begreifen.

"Im Namen Gottes", sagt sie und räuspert sich. Mit leiser Stimme trägt sie ihre Geschichte vor, die in den Abendstunden des 4. September 2009 in Nordafghanistan beginnt. Es ist Ramadan, das allnächtliche gemeinsame Fastenbrechen ist beendet. Manche Familie sitzt das letzte Mal zusammen: Väter sehen zum letzten Mal ihre Söhne, Großmütter ihre Enkel. Der Tod kommt in dieser Nacht über sechs Dörfer in der Nähe des Kundus-Flusses.

Ein Gerücht beendet die nächtliche Ruhe: Es gebe Treibstoff in der Nähe, hieß es. Männer und Jungen eilen in tiefer Dunkelheit zu einer Furt am Kundus-Fluss. Dort, so lautete ein Gerücht, das sich schnell verbreitet, verteilen die Taliban Gratisbenzin. Manchen Dorfbewohner bitten die bewaffneten Gotteskrieger um Hilfe bei der Bergung der Ladung – einige werden wohl auch dazu gezwungen.

Die Aufständischen hatten zwei Tanklaster voller Benzin entführt, die im Auftrag der Internationalen Schutztruppe unterwegs waren. Einen Fahrer ermordeten die Taliban-Kämpfer, weil sein Laster sich am Fluss festgefahren hat. Auch das andere Fahrzeug steckte fest. Die Taliban beschlossen, das Benzin zu verteilen.

Das Benzin ist geklaut, so viel wissen die Menschen an der Furt. Doch wer in Afghanistan Angst vor dem kalten Winter hat und arm ist, der nimmt, was er kriegt. Die Männer und Jungen, die sich mit Kanistern und Eimern vor den Tankwagen drängen, ahnen nicht, dass sie aus einigen Kilometern Entfernung beobachtet werden. Im Feldlager Kundus stehen deutsche Soldaten vor einem Bildschirm. Sie sehen Bilder, die zwei amerikanische Kampfjets liefern, welche über der Furt kreisen. Dann gibt Oberst Georg Klein, der deutsche Kommandeur, einen verhängnisvollen Befehl . Die Piloten werfen zwei Bomben ab.

Eine Flammensäule schiesst in den Himmel, die Angehörige der Männer sehen sie noch kilometerweit entfernt. Sie eilen zur Furt und stoßen auf viele Leichen, die verschmorten Laster, einen ausgebrannten Traktor und einen toten Esel. Von manchen Toten finden sie nur noch Beine oder Arme.