Verteidigungsstrategie Nato will Raketenschirm in Europa
Einigung in Brüssel: Die Bündnispartner wollen das Raketenabwehrsystem mit den USA. Auch Berlin stimmt erstmals dafür – und riskiert neue Konflikte mit den Atommächten.
© John Thys/AFP/Getty Images

Transatlantische Einigkeit: Verteidigungsminister Guttenberg (l.) in Brüssel im Gespräch mit seinem US-Amtskollegen Gates
Es war Ronald Reagan, der 1983 den Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen verfügte. Das Verteidigungsprogramm, das unter dem Namen Star Wars bekannt wurde, wurde erst vom Nachnachfolger des damaligen US-Präsidenten als politische Mission wiederentdeckt: George W. Bush reanimierte die Idee des amerikanischen Abwehrsystems und wollte Teile davon in Polen und Tschechien stationieren – ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Nato-Verbündeten und der russischen Regierung.
Barack Obama schließlich, der neue Herr im Weißen Haus, stoppte das umstrittene Milliardenprojekt und machte den europäischen Bündnispartner ein neues Angebot: Sie alle sollten bis zum Jahr 2018 in ein Netz von Raketenabwehrsystemen einbezogen werden, das vor allem Angriffe aus Iran abwehren soll. Auch Moskau wurde von Washington zur Beteiligung an dem Schutzschirm eingeladen.
Diese Verhandlungstaktik war weitaus geschickter, denn nun steht fest: Die Nato wird sich auf ihrem Gipfel Mitte November in Lissabon grundsätzlich für eine Raketenabwehr in Europa aussprechen – auch wenn über die Ausgestaltung en détail, vor allem über die Höhe und Verteilung der Kosten, noch gar nicht gesprochen wurde. Doch erst einmal stellten sich die Mitgliedsländer bei ihrem Treffen in Brüssel einmütig hinter das US-Projekt. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen konnte im Anschluss der Gespräche von einer "breiten Zustimmung" berichten.
Auch die Bundesregierung stimmte dem Raketenschirm erstmals öffentlich zu: Dies sei "angesichts der Gefährdungslage heute und morgen" nötig, sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in Brüssel. Damit wendet sich die neue Regierung aus Union und FDP gegen das Votum des früheren rot-grünen Kabinetts, das die Pläne des ehemaligen US-Präsidenten Bush noch abgelehnt hatte. Außenminister Guido Westerwelle begründete das Umdenken damit, dass die USA das Abwehrsystem nun gemeinschaftlich mit allen Nato-Partnern aufbauen wollen und nicht mehr im Alleingang mit Polen und Tschechien. "Der entscheidende Durchbruch" sei zudem der US-Appell an Russland, sich an dem Raketenschirm zu beteiligen.
Unumstritten ist die Abwehr jedoch nicht: Frankreich meldete massive Bedenken an und verglich sie mit der Maginot-Linie, dem wirkungslosen Schutzwall Frankreichs gegen Nazi-Deutschland. "Es gibt noch viele technische und finanzielle Unwägbarkeiten", sagte Verteidigungsminister Hervé Morin. Nato-Chef Rasmussen bezifferte die nötigen Mittel auf 200 Millionen Euro. Die USA gehen nach Angaben ihres Verteidigungsminister Robert Gates nur von 85 bis 110 Millionen Euro aus. Dies sei "wirklich sehr bescheiden", betonte er auf dem Flug nach Brüssel. Dazu dürften nach Diplomatenangaben allerdings Milliarden für Abfangsysteme in den einzelnen Ländern kommen. Deshalb räumte auch Guttenberg ein: "Wir können heute schwer sagen, in welcher Form sich das finanziell auswirken wird."
So einig sich Berlin und Paris in puncto finanzieller Risiken des Projekts waren, so unterschiedlich ist ihre Auffassung in Fragen der atomaren Abrüstung. Die Bundesregierung knüpft ihre Zustimmung zu dem Raketenschild nämlich an Fortschritte insbesondere bei der nuklearen Abrüstung – und steht dabei im Konflikt mit der Atommacht Frankreich. Sie will jeden Nato-Einfluss auf ihr Arsenal verhindern und ist deshalb äußerst skeptisch gegenüber dem geplanten Verweis auf das Ziel einer atomwaffenfreien Welt in der neuen Bündnis-Strategie.
Diese Formulierung geht auf den Wunsch Deutschlands zurück, das eine möglichst präzise Festlegung präferiert. Außenminister Westerwelle sagte dazu in Brüssel, die Zeichen der Zeit stünden auf Abrüstung und weniger Nuklearwaffen. Dies irritierte nicht nur die Franzosen, sondern auch die US-Delegation. Deshalb betonte Gates die fortgesetzte Notwendigkeit zur nuklearen Abschreckung. Angesichts der Forderung des Bundestags nach einem Abzug der rund 20 verbleibenden US-Atomsprengköpfe aus Deutschland, reagierte Morin wiederum ungehalten: "Die Präsenz dieser US-Bomben ist für uns Ausdruck der transatlantischen Solidarität", sagte er.
- Datum 14.10.2010 - 20:02 Uhr
- Quelle dpa, Reuters, AFP
- Kommentare 9
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...das wird ein heißes Eisen und ein kalter Krieg...
"Die Präsenz dieser US-Bomben (in Deutschland) ist für uns Ausdruck der transatlantischen Solidarität"
Ahh, dieser Zynismus könnte fast von mir stammen.
Um widerrechtlich auf Guantanamo internierte Menschen fand ein jahrelanges Tauziehen um Aufnahme in NATO-Bündnispartnern statt. Hier wäre eine unkomplizierte Abwicklung eher transatlantische Solidarität, denn die Stationierung von Atomwaffen.
"Außenminister Guido Westerwelle begründete das Umdenken damit, dass die USA das Abwehrsystem nun gemeinschaftlich mit allen Nato-Partnern aufbauen wollen und nicht mehr im Alleingang mit Polen und Tschechien."
[...]
""Der entscheidende Durchbruch" sei zudem der US-Appell an Russland, sich an dem Raketenschirm zu beteiligen."
[... ]Putin hatte damals Bush die Kooperation angeboten um das System näher an der "Bedrohungslage" zu stationieren.
"Frankreich meldete massive Bedenken an und verglich sie mit der Maginot-Linie, dem wirkungslosen Schutzwall Frankreichs gegen Nazi-Deutschland."
Die Franzosen haben Humor und ich mach mir auch eher Sorgen um "friendly fire" aus dem Rücken.
Der ganze Kasperleverein NATO wäre zum Kaputtlachen, ginge es nicht um Menschenleben. Und dass die jetzige Bundesregierung zustimmt war bei den US-Lakaien Merkel und Guttenberg sowieso selbstverständlich. Sie müssen für den Schwachsinn persönlich nicht aufkommen.
MfG
AoM
Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er
Kein Band an der Hose.
Nur Frankreich hat davon ein bißchen.
Die übrigen Muschkoten nehmen Haltung an und trauen sich nicht, ihrem Kommissar wirklich zu widersprechen.
"Nato-Chef Rasmussen bezifferte die nötigen Mittel auf 200 Millionen Euro."
NATO-Chef Rasmussen?
Ha ha ha ha ha, ich mach mich nass.
NATO-Generalsekretär ist eine hochtrabende Bezeichnung für den für public relations Verantwortlichen des Pentagon in Europa.
Wobei das Teilwort Sekretär schon zum Ausdruck bringt, dass er lediglich Befehle aus dem Pentagon in salbende zivile Worte kleidet.
Der wirkliche NATO-Chef, so man ihn nennen will, ist Admiral James G. Stavridis, seines Zeichens Kommandeur des US European Command (EUCOM) und Supreme Allied Commander Europe (SACEUR).
MfG
AoM
Wetten, dass dies eine weitere Entscheidung der spielwilligen Regierung ist, die von ihrem Volk mehrheitlich nicht begrüßt wird?
...die alte Konzeption der Abwehranlage in Polen und Tschechien wäre gegen die Russen gerichtet:
Man kann (wenn überhaupt) ballistische Raketen auf zwei Arten abfangen: Mit der Flugrichtung und gegen die Flugrichtung, quer dazu ist schlicht unmöglich.
Jetzt nehmt einen Globus (oder Google Earth) und zieht eine direkte Linie zwischen Iran und der Ostküste der USA.
Und, über welche beiden Länder verläuft diese direkte Linie ?
Die Russen schießen im Zweifel über den Pol, die hätten höchsten Probleme mit sehr weit westlich stationierten Raketen und beim Abfangen mit der Flugbahn.
Die derzeitigen Konzepte sehen aber alle Abfangen gegen die Flugbahn vor.
Desweiterren marginalisieren solche Systeme (wenn sie den funktionieren) alle Länder mit wenigen Atomwaffen, weswegen Britten und Franzosen das auch nicht witzig finden.
Das sind die Fakten.
Davon ab halte ich solche Systeme für rausgeworfenes Geld, sie werden auf absehbbare Zeit nicht funktionieren und sobald sie wenigstens das tun sind sie leicht zu täuschen.
Die Atomwaffen sind die knappe Resource für Länder wie Iran, nicht die Trägersysteme.
Also kann man eine fette Salve schießen, mit reichlich Dummysprengköpfen.
Da ist M.A.D. immer noch die bessere und billigere Methode.
für den Abschuss von Interkontinentalraketen vom Boden aus ist die Aufstiegsphase. Befinden sie sich im Orbit sind sie von bodengestützten Abwehranlagen nicht mehr zu erreichen. Jedenfalls nicht von solchen, über deren Preise bei der NATO-Versammlung gesprochen wurde.
Polen und Tschechien sind zu weit weg für einen Abschuss während des Aufstiegs.
Abgesehen davon hat die iranische Führung gar nicht die Mittel für Interkontinentalraketen.
Mittelstreckenraketen können Osteuropa erreichen, aber ich bezweifle sehr, dass die iranische Führung Osteuropa als Hauptfeind ansieht.
Anders sieht es aus bei Kurzstreckenraketen gegen Israel und Polen und Tschechien sind nicht gerade deren Nachbarn.
MfG
AoM
für den Abschuss von Interkontinentalraketen vom Boden aus ist die Aufstiegsphase. Befinden sie sich im Orbit sind sie von bodengestützten Abwehranlagen nicht mehr zu erreichen. Jedenfalls nicht von solchen, über deren Preise bei der NATO-Versammlung gesprochen wurde.
Polen und Tschechien sind zu weit weg für einen Abschuss während des Aufstiegs.
Abgesehen davon hat die iranische Führung gar nicht die Mittel für Interkontinentalraketen.
Mittelstreckenraketen können Osteuropa erreichen, aber ich bezweifle sehr, dass die iranische Führung Osteuropa als Hauptfeind ansieht.
Anders sieht es aus bei Kurzstreckenraketen gegen Israel und Polen und Tschechien sind nicht gerade deren Nachbarn.
MfG
AoM
"5.5. ~ 1123
Wetten, dass dies eine weitere Entscheidung der spielwilligen Regierung ist, die von ihrem Volk mehrheitlich nicht begrüßt wird?"
Das könnte schlimmer kommen als Stuttgart.
für den Abschuss von Interkontinentalraketen vom Boden aus ist die Aufstiegsphase. Befinden sie sich im Orbit sind sie von bodengestützten Abwehranlagen nicht mehr zu erreichen. Jedenfalls nicht von solchen, über deren Preise bei der NATO-Versammlung gesprochen wurde.
Polen und Tschechien sind zu weit weg für einen Abschuss während des Aufstiegs.
Abgesehen davon hat die iranische Führung gar nicht die Mittel für Interkontinentalraketen.
Mittelstreckenraketen können Osteuropa erreichen, aber ich bezweifle sehr, dass die iranische Führung Osteuropa als Hauptfeind ansieht.
Anders sieht es aus bei Kurzstreckenraketen gegen Israel und Polen und Tschechien sind nicht gerade deren Nachbarn.
MfG
AoM
...direkt auf dem Großkreis von Iran zur US-Ostküste liegt, darüber sind wir uns schon einig ?
Der Iran ist wahrscheinlich dichter an einer Interkontinentalrakete dran als die USA an einer funktionierenden Abfangrakete.
Für ein Abfangmanöver im Gegenanflug mit sowas: http://en.wikipedia.org/w... ist das schon der richtige Standort.
Die midcourse phase wird hier beschrieben: http://en.wikipedia.org/w...
Wie sinnvoll das ganze ist ? Die Tests liefen eher schlecht: http://en.wikipedia.org/w...
Trotzdem.
1) Der einzige sinnvolle Großkreis durch Polen und Tschechien führt durch Iran und die USA.
2) Russische Interkontinentalraketen auf Amerika könnnen mit dem System einfach nicht abgefangen werden.
Diese zwei Punke habe ich behauptet und IMHO gut bewiesen.
...direkt auf dem Großkreis von Iran zur US-Ostküste liegt, darüber sind wir uns schon einig ?
Der Iran ist wahrscheinlich dichter an einer Interkontinentalrakete dran als die USA an einer funktionierenden Abfangrakete.
Für ein Abfangmanöver im Gegenanflug mit sowas: http://en.wikipedia.org/w... ist das schon der richtige Standort.
Die midcourse phase wird hier beschrieben: http://en.wikipedia.org/w...
Wie sinnvoll das ganze ist ? Die Tests liefen eher schlecht: http://en.wikipedia.org/w...
Trotzdem.
1) Der einzige sinnvolle Großkreis durch Polen und Tschechien führt durch Iran und die USA.
2) Russische Interkontinentalraketen auf Amerika könnnen mit dem System einfach nicht abgefangen werden.
Diese zwei Punke habe ich behauptet und IMHO gut bewiesen.
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