Die Demokraten setzen auf Motivation der zögerlichen Wähler
Angesichts des Vorsprungs sei Kasich der klare Favorit, sagt Nash. Aber entschieden sei das Rennen nicht. Wie viele andere Bundesstaaten ist auch Ohio seit einigen Jahren dazu übergegangen, "Early voting" zu erlauben: Wer will, darf bereits in den 35 Tagen vor dem Wahltag seine Stimme abgeben, persönlich oder per Briefwahl. Wie schon 2008 haben auch 2010 mehr Demokraten als Republikaner davon Gebrauch gemacht.
Die Demokraten setzen auf ihre Organisationskraft in Ohio. 2,4 Millionen Bürger haben sich als Demokraten registriert, 1,5 Millionen als Republikaner. Von angeblich mangelndem Enthusiasmus könne er nichts bemerken, sagt Pressesprecher Bringman. "Wir haben 300 bezahlte Wahlkampfhelfer und 20 000 Freiwillige." Das sei deutlich mehr als bei der siegreichen Kongresswahl 2006 und nur geringfügig weniger als 2008 bei der Präsidentschaftswahl, die stets eine größere Zahl von Bürgern mobilisiere.
Traditionell habe Ohio "die schlagkräftigste Get-the-vote-out-Organisation aller US-Staaten". Am Ende zählen nicht Umfragen und Sympathien, sondern abgegebene Stimmen.
"Get the vote out" ist eine Strategie, die eigenen Anhänger an die Urnen zu bringen. Aus öffentlich zugänglichen Statistiken weiß man, wer bei den letzten Wahlen abgestimmt hat und wer nicht. Diese Informationen gleichen Bringmans Leute mit ihren Unterlagen über ihre Anhänger ab – und bombardieren dann jene potenziellen Unterstützer, die als zögerlich gelten, mit Anrufen und Hausbesuchen.
Stolz erlaubt Bringman einen kurzen Blick in "die Kommandozentrale" im Keller des Parteihauptquartiers: ein fast turnhallengroßer Raum mit zwei Reihen von je sechs länglichen Tischen, an denen 60 bis 70 Helfer im Alter zwischen 25 und 35 mit Laptops und Telefonen hantieren. "Hier vorn sitzen die Leute vom Data-Team, die entscheiden, wen wir ansprechen müssen. Da drüben die Medienabteilung. Hinten unsere Juristen, die Einspruch einlegen, falls irgendwo Unregelmäßigkeiten gemeldet werden."
Bringman sagt es nicht offen, aber: Ohios Demokraten haben das Werben um Wechselwähler 2010 aufgegeben. Ihre Priorität ist, die eigenen Anhänger ins Wahllokal zu bringen – je früher, desto besser. Dann müssen sie sich am eigentlichen Wahltag nicht mehr um so viele Zögerliche bemühen.
Ein Eindruck, der sich an einem Abend im Gemeindezentrum von Upper Arlington County bestätigt, einem Vorort am nördlichen Stadtrand. Dort wohnen Amerikaner mit überdurchschnittlicher Ausbildung und überdurchschnittlichem Einkommen. Alle Kandidaten waren eingeladen, sich vorzustellen. Die Demokratin Kilroy ist nicht gekommen. Sie lässt sich mit einem Krankheitsfall in ihrer Familie entschuldigen.
"Sie weiß, dass sie hier wenig zu gewinnen hat", kommentiert Ann, eine Ärztin Ende 30, die sich selbst als "typische Wechselwählerin" einschätzt. Für sie heißt das in diesem Jahr, ihre Stimme zu splitten. Für den Kongress wählt sie republikanisch. Obamas Gesundheitsreform sei überhastet durchgepeitscht worden und voller handwerklicher Fehler. Die müssen korrigiert werden. Und Kilroy sei ihr "ein bisschen zu links". In den Landtag von Ohio wählt Ann hingegen den Demokraten Ted Celeste.
Schon am Wochenende wird Obama erneut nach Ohio kommen, zum 12. Mal seit 2009. Wenn er die konservative Wende hier aufhalten kann, dann vielleicht auch anderswo. As Ohio goes, so goes the nation.
- Datum 26.10.2010 - 13:50 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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