Angenommen, es gäbe sachdienliche Hinweise, dass sich der Anführer einer islamistischen Terrorgruppe, verantwortlich für die Ermordung mehrerer tausend Menschen, in einer Hochhaussiedlung einer europäischen Hauptstadt versteckt hält. Wie lange würde es wohl dauern, bis ein multinationales Heer an Geheimdienstlern und Fahndern ausschwärmt, um jeden Mülleimer zu observieren, jede Etage zu durchleuchten und notfalls die halbe Siedlung evakuiert?

Zwei Monate? Drei Wochen? Zehn Tage?

Einiges deutet daraufhin, dass sich Ratko Mladic, angeklagt vor dem UN-Jugoslawien-Tribunal (unter anderem) wegen des Völkermords von Srebrenica, in der Trabantenstadt von Neu-Belgrad versteckt hält. Das ist aus seiner Sicht eine Verschlechterung zu den Zeiten, als er sich trotz internationalen Haftbefehls öffentlich bei Fußballspielen in Serbien zeigen konnte.

Das ist aus Sicht all jener, die sich für die Ahndung von Kriegsverbrechen stark machen, ein Skandal.

Mladic hat seine anhaltende Freiheit zwei Umständen zu verdanken: Dem Schutz durch ein (allerdings schrumpfendes) serbisches Netzwerk von Fluchthelfern aus Politik, Militär und Sicherheitsdiensten. Und dem schwindenden Druck der Europäischen Union. Die hatte ursprünglich ihr erstes großes Befriedungsprojekt, die Integration der Nachkriegsstaaten des ehemaligen Jugoslawiens, mit der Bedingung verknüpft, dass diese Staaten volle Kooperation mit dem UN-Jugoslawien-Tribunal leisten müssen. Das bedeutet vor allem: Auslieferung von gesuchten Kriegsverbrechern. Das bedeutet für Serbien die Auslieferung der zwei letzten Tatverdächtigen auf der Fahndungsliste des Tribunals: Goran Hadzic, ehemals Führer der kroatischen Serben und der Morde und ethnischen Säuberungen an kroatischen Zivilisten beschuldigt. Und Ratko Mladic.

Am Montag sind die EU-Außenminister bei ihrem Treffen in Luxemburg von dieser Bedingung abgerückt. Die Minister haben das Beitrittsverfahren für Serbien formell eröffnet, obwohl weder Mladic noch Hadzic in Haft sind. Und obwohl der Chefankläger des Tribunals, der Belgier Serge Brammertz, klar gemacht hat, dass bei den serbischen Fahndungsbemühungen einiges anders und besser laufen könnte.

Dem Ganzen ging ein Manöver voraus, das man je nach Standpunkt als politischen Pragmatismus oder als Kuhhandel bezeichnen kann. Weil die pro-europäische serbische Regierung unter Boris Tadic ihren totalen Obstruktionskurs gegenüber dem Kosovo aufgegeben hat, wollten die tonangebenden Mitgliedsländer der EU, darunter Deutschland, sich erkenntlich zeigen. Sie wollten Tadic's Position daheim stärken, die Tür nach Europa ein bisschen weiter aufstoßen, zeigen, dass man es ernst meint mit der Integration – auch wenn es bis zum endgültigen Beitritt noch Jahre dauern wird.