US-Kongresswahlen : Mit Kabarett und Karneval gegen Politfrust und Tea-Party

Hunderttausende haben am Samstag in Washington demonstriert: für die Vernunft, gegen (rechte) Polemik. Satire-Star John Stewart hatte zu der Demo gerufen.
Das liberale Amerika demonstriert in Washington © Win McNamee/Getty Images

Während Präsident Barack Obama an diesem Wochenende wieder unermüdlich versucht, das fast Unvermeidliche zu verhindern: die drohende Niederlage seiner Demokraten bei den Kongresswahlen am Dienstag. Während die Nachrichten pausenlos davon berichten, dass islamistische Terroristen Dutzende von Sprengstoffpaketen nach Amerika verschickt haben. Während die Vereinigten Staaten also Kopf stehen und viele Amerikaner wütend, deprimiert oder verunsichert sind, versammeln sich unter strahlend blauem Himmel vor dem Kapitol zu Washington Hunderttausende von fröhlich-aufmüpfigen Menschen zu einer Kundgebung der ganz eigenen Art.

"Rally to restore sanity" lautet ihr Motto, sie fordern "die Wiederherstellung der Vernunft" oder besser gesagt: des gesunden Menschenverstandes. Auf manchen Plakaten steht gar "rally to restore sanity and/or fear".

Die U-Bahnen sind verstopft, die Taxis ausgebucht, viele Zufahrtswege in die Innenstadt gesperrt. Aber kein Hindernis lässt die Menschenmassen verzagen, sie sind geduldig, gut gelaunt und ausnehmend höflich. Wer nicht mit dem Verkehrsmittel vorwärts kommt, macht sich zu Fuß auf den Weg zur National Mall, der Museumsmeile zwischen Monument und Kapitol.

Junge und Alte, Großfamilien, Menschen aller Hautfarben – von überall aus Amerika sind sie angereist. Weit mehr als 10.000 allein aus New York. Die Online-Journalistin Arianna Huffington von der Huffington Post hat einigen von ihnen die Fahrkarten bezahlt.

Mit einem solchen Andrang hatten die Veranstalter nicht gerechnet. Der vorgesehene Platz kann die Menschen gar nicht fassen. Viele harren am Rande und in den Parallelstraßen aus, können weder etwas sehen noch hören. Trotzdem zerstört das Chaos ihnen nicht die Laune. Dabei sein ist alles!

Die "rally to restore sanity" ist ein Happening, ein bisschen Woodstock, ein bisschen Halloween, Karneval – und viel Kabarett. Schließlich haben die Stars des Satire- und Kabarettsenders Comedy Central, Jon Stewart und Stephen Colbert, zu dieser Demonstration aufgerufen.

Etliche sind gekommen, um sie zu sehen und ihnen dafür Tribut zu zollen, dass sie in einem rauen politischen Klima standhaft bleiben. Die Hip-Hop Gruppe Roots spielt auf, John Legend, Sheryl Crow, Yusuf Islam alias Cat Stevens. Etliche Leute haben sich verkleidet, als Jesus Christus, Freiheitsstatue, Zauberer oder Hexe. Die Stimmung ist ausgelassen.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Wieso? Wofür? Warum? - was soll Ihr Defätismus?

Seit wann gibt es in Deutschland das Problem, daß Parteien HAß (gegen Andersdenkende Menschen) sähen?, außer bei Rechtsradikalen Splittergruppen wie der NPD.

Wie kommen Sie darauf, daß es in Deutschland eine solche Mauer in den Köpfen gibt, wie bei den 50% Amerikanern die mit Rechtsaußen sympathisieren?!

Wenn Sie Stewart und Colbert und deren Veranstaltung auch gut finden, dann vergiften Sie bitte deren Idee und deren Engagement nicht mit Ihrem Defätismus. DANKE.

Defätismus?

In dem von Ihnen beantworteten Kommentar (ein knapper Zweizeiler) kann ich jedenfalls keinen Defätismus finden, auch nehme ich den Grundtenor - wenn man das bei dieser Kürze überhaupt so sagen kann - als ausdrücklich positiv wahr.

Der Kommentator freut sich über dieses Ereignis und meint, "so etwas könnten wir hier auch gebrauchen".

Können Sie mir bitte erklären, worin genau er hier die Idee von Colbert und Stewart "durch Defätismus VERGIFTET"?

Gern, Elfer-Uli, antworte ich Ihnen

Vorneweg erstmal: Ich habe eine 'Deutschland-Bashing-Allergie', noch aus der Zeit Helmut Kohls, als von den Konservativen ständig versucht wurde unsere Leistungen und Infrastruktur madig zu reden, um die Löhne und Umweltstandards zu knicken.

Mein Kommentar bezieht sich auf die Aussage: "Ja sowas könnten wir auch gebrauchen ..."

Das finde ich eben überhaupt nicht! ... weil es hier bei uns dazu eben halt gar keinen Anlaß dazu gibt, sowas gebrauchen zu können! - Schließlich haben wir in Deutschland eben nicht diese katastrophalen Zustände in so viel Köpfen und allen Parteien, wie in USA!

Was in USA gut und passend ist, muß noch lange nicht auf uns in Deutschland zutreffend sein.

Und schon gar nicht sollten wir uns dergleichen Mist einreden lassen, ... auch nicht mit so lockeren Bemerkungen wie "... sowas könnten wir auch gebrauchen ..."

Nein, BRAUCHEN WIR NICHT, bei uns ticken die Menschen nicht so schräg und die Parteien tanzen bei uns nicht so nach der Kohle der Superreichen und das Reaktionäre Gesindel ist bei uns auch noch dort wo es hingehört, in der Gosse (NPD, etc).

Sie sehen ich nehme es sehr genau.
Aber wer das nicht tut, bekommt halt ständig irgendwelchen Mist untergeschoben, nicht nur bei der Werbung.

~ 1154

Ach, seien wir doch ehrlich: Das hätten wir in den USA kaum noch zu hoffen gewagt! Es ist wirklich eine gute Nachricht, dass selbst an dieser Front überbordenden Sendungswillens und verherrlichendem Nationalismus immer noch Menschen leben, die Verstand besitzen und dies auch zeigen. Das sollte sich die Welt einmal als Vorbild nehmen. Aber leider schaffen es nicht einmal die Politiker in den USA. Von unseren gar nicht zu reden...

sehr wichtiges treffen

Ich war vor Ort, weil ich das Angenehme (Rally) mit dem Nuetzlichen (Verwandtschaft besuchen :D) verbinden wollte. Colbert und Stewart sind echte Groessen, nicht nur in der politischen Comedy, sondern auch in der amerikanischen Gesellschaft.
Wir Deutschen haben so etwas aber auch, leider von vielen nicht wahrgenommen. Ich denke da an Kabarettisten wie Schramm, Mittermaier und Comedians wie Welke.

Wir haben sowas auch - fast

Was ich an Jon Stewart so mag, ist, dass er neben aller Kritik immer die Liebe zu seinen Mitmenschen und die Hoffnung durch scheinen lässt. Es ist nie ein "alle anderen sind doch viel zu blöd!" sondern mehr ein "Kommt, das muss nun wirklich nicht sein. Lasst es uns anders machen!". Er hat einen politischen Standpunkt, aber er sagt nicht, dass andere Ansichten falsch wären. Das macht ihn - soweit ich das überblicke - recht einzigartig.

„Wir Deutschen“ haben so etwas nicht!

Kann „man“ Comedy „haben“? Da vergeht mir doch das Lachen, erst recht wenn die Inbesitznahme im Namen der Nation geschieht. Comedy darf also nicht einfach Comedy sein, sie muss nationalisiert werden, bevor sie sein darf.

Jetzt sagen mir die genannten deutschen Namen gar nichts. In meinem Regal steht aber ein lesenswertes Buch aus dem Jahr 2004 mit dem Untertitel: „A Citizen’s Guide to Democracy Inaction.“ Über solche Themen publiziert hier höchstens die Friedrich-Ebert-Stiftung, und das ist dann auch trockener Stoff. Das Vorwort zum „Citizen´s Guide“ stammt von einem gewissen Thomas Jefferson. Alles klar!?! Muss ich noch erwähnen, dass der Autor des „Citizen’s Guide“ Jon Stewart ist?

Stewart macht seit Jahren ernsthaft und engagiert politische Comedy, nicht nur auf Comedy Central und nicht nur zu politischen Großanlässen. Das macht seine Glaubwürdigkeit aus. Und eins ist ihm dabei immer absolut fremd: das von schräg unten Anschleimen.

Übrigens hat es eine Berliner Kandidatin von der CDU bei der letzten Bundestagswahl bis in die Show von Colbert geschafft, wegen ihres tiefen Dekolletés, das sie auf ihren Wahlplakaten neben dem der Bundeskanzlerin ausstellte. Motto: Wer hat das tiefere?

Colbert als großer Freund konservativer Werte hat sie dafür natürlich über den Klee gelobt. Geholfen hat es ihr aber nicht. Die Kanzlerin jedoch hat sich seitdem nicht wieder im Dekolleté blicken lassen. Sage also keiner, Comedy könnte die Welt nicht besser machen!

DIE Amerikaner gibt es zum Glück nicht

Das Pauschalurteil, Amerikaner seinen naiv, dumm, unpolitisch, oberflächlich ect. gibt es zum Glück nicht. DER Amerikaner in Rudeln mag so wirken, aber DER Deutsche in Rudeln wirkt auch nicht grade herzerfrischend.

Ich habe schon sehr intelligente, weitsichtige, politische, tiefgründige Amerikaner kennengelernt. Diese Demo ist ein Beweis, dass es DEN Amerikaner nicht gibt. Es gibt halt wie in jedem Land einen Haufen Blödmanngsgehilfen, die Rattenfängern wie Sarah Palin nachlaufen. Die haben wir hier aber leider auch.