Nordkorea gehört zu den wenigen Staaten dieser Welt, über die man kaum etwas weiß – Internet und Globalisierung zum Trotz. Gut zu erkennen ist dies einmal mehr in den US-Diplomatenakten, die bislang von Wikileaks publiziert wurden. Umso spannender sind deshalb diejenigen Depeschen, in denen zu erkennen ist, wie Nordkoreas direkte Nachbarn China und Südkorea über den Paria-Staat denken.

Einblicke darüber gibt beispielsweise ein scheinbar sehr offen geführtes Gespräch zwischen dem chinesischen Botschafter in Kasachstan, Cheng Guoping und seinem US-Kollegen Richard E. Hoagland im Sommer 2009. China hoffe langfristig auf eine friedliche Wiedervereinigung Koreas, sagte Cheng Guoping damals, man halte sie aber kurzfristig für nicht realistisch. Eine Perspektive, die für einen chinesischen Offiziellen nicht gänzlich ungewöhnlich ist, gibt es mit Taiwan für die Volksrepublik China doch einen vergleichbaren Fall.

Das nordkoreanische Atomprogramm befand Cheng im Übrigen als "äußerst ärgerlich". Auch das ist kein Geheimnis, einen nuklear gerüsteten Nachbarn Nordkorea will man auch in China nicht. Und dass man sich in Peking über Pjöngjang ärgert, ist spätestens seit der Zündung einer atomaren Waffe in Nordkorea im Mai 2009 kein Geheimnis mehr. Die Chinesen waren ahnungslos und düpiert. Die Aufzeichnungen aus der US-Botschaft in Kasachstan bestätigen dies erneut. Und nach Raketentest des Nordens nur einen Monat zuvor wird Chinas Vizeaußenminister He Yafei zitiert , Nordkorea wolle direkte Gespräche mit den USA und benehme sich wie ein "verzogenes Kind", um die Aufmerksamkeit des "Erwachsenen zu bekommen".

Interessanter sind Einschätzungen des früheren südkoreanischen Vize-Außenministers Chun Yung Woo über die chinesische Politik gegenüber dem Norden. Chun ist inzwischen Sicherheitsberater des Präsidenten. Seine Meinung äußerte der Vize-Außenminister in Seoul bei einem Essen mit Kathleen Stephens, der US-Botschafterin in Südkorea. Laut Chun sehen einige chinesische Regierungsvertreter Nordkorea nicht mehr als verlässlich an, das sei eine Generationenfrage. Es gäbe heute kluge chinesische Beamte, die sich mit einem wiedervereinigten Korea unter Führung Seouls anfreunden könnten. Und auch der Sinn des Nordens als Pufferstaat nehme für China ab.

Chuns Ansicht nach würde Nordkorea zwei bis drei Jahre nach dem Tod von Diktator Kim zusammenbrechen. Eine Tolerierung für ein wiedervereinigtes Korea könne man in Peking sinngemäß mit der Aussicht auf gute Geschäfte befördern. Dennoch, nach einem Kollaps des Nordens wolle man wohl auch in China keine US-Truppen an der koreanischen Grenze : (...) China would clearly "not welcome" any U.S. military presence north of the DMZ (DMZ: die "demilitarisierte Zone" ist heute die Grenze zwischen Nord- und Südkorea). Und Chun weiß natürlich auch, dass Peking mit dem heutigen Status Quo zufrieden ist ( ... but the PRC was also content with the status quo ).