AfghanistanKarsai will Einschränkung des US-Militäreinsatzes

Barack Obama hat seine Streitkräfte am Hindukusch aufgestockt. Nun fordert Afghanistans Präsident Hamid Karsai die Amerikaner auf, ihre Truppenstärke zu reduzieren. von dpa

US-Soldaten der ISAF in Herat

US-Soldaten der ISAF in Herat  |  © Jalil Rezayee/dpa

Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat die USA zu einer deutlichen Einschränkung des Kriegseinsatzes in seinem Land aufgefordert. "Die Zeit ist gekommen, um die Militäroperationen zu reduzieren", sagte Karsai in einem Gespräch mit der Washington Post . Die Bevölkerung in Afghanistan sei mit der massiven Präsenz ausländischer Truppen auf den Straßen und im Alltagsleben überfordert.

Karsai betonte, mit seiner Forderung keine Kritik an dem Einsatz der USA üben zu wollen. Jedoch werde sein Volk nach fast zehn Jahren Krieg ungeduldig und verlange, dass die "Aufdringlichkeit" der Truppen nachlasse. Vor allem die nächtlichen Hausdurchsuchungen von ausländischen Soldaten müssten ein Ende finden, sagte er. "Wenn es Razzien geben muss, dann sollten sie von der afghanischen Regierung nach afghanischem Recht durchgeführt werden."

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Damit widersprach Karsai dem Oberbefehlshaber der internationalen Truppen, US-General David Petraeus , der die nächtlichen Operationen in der Nacht als wichtigen Teil der Anti-Terror-Strategie bezeichnet hat. Laut der Washington Post fallen Spezialkommandos rund 200 Mal pro Monat unangekündigt in afghanische Häuser ein, um nach Aufständischen zu suchen. Allein in den vergangenen drei Monaten seien so 368 Rebellen festgenommen oder getötet worden. Die Zahl dieser Einsätze habe sich in den vergangenen eineinhalb Jahren versechsfacht.

Derzeit sind gut 130.000 Soldaten aus 48 Staaten in Afghanistan stationiert, davon rund 100.000 Amerikaner – eine Zahl, die Karsai jetzt als zu hoch bezeichnete. Im kommenden Jahr sollen die Truppen beginnen, in Teilen Afghanistans die "Sicherheitsverantwortung" an Armee und Polizei des Landes zu übergeben. Nach dem Willen von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) soll auch die Bundeswehr 2011 mindestens eine von ihr kontrollierte Provinz den afghanische Kräften überlassen.

Die US-Regierung selbst will in der zweiten Dezember-Hälfte ihre Zwischenbilanz zu Präsident Barack Obamas Afghanistan-Strategie vorlegen. Er hatte im Dezember 2009 verkündet, in diesem Jahr weitere 30.000 Soldaten ins Land zu schicken. Im Juli 2011 soll der Abzug der Truppen beginnen. US-Verteidigungsminister Robert Gates hatte Ende September erklärt, er erwarte nach der Überprüfung keine wesentliche Änderung der Strategie.

Derweil kamen am Wochenende bei mehreren Bombenanschlägen und einem Taliban-Angriff auf einen US-Militärstützpunkt in Afghanistan mehr als 20 Menschen ums Leben. In der Provinz Kundus im nordafghanischen Einsatzgebiet der Bundeswehr starben am Samstag zehn Zivilisten, als auf einem belebten Markt ein ferngezündeter Sprengsatz explodierte. Weitere 18 Menschen wurden nach Angaben des Innenministeriums verletzt. Für die Tat machten die Behörden Kämpfer der radikal-islamischen Taliban verantwortlich.

Im Osten Afghanistans schlugen Sicherheitskräfte am Samstag einen Taliban-Angriff auf einen Stützpunkt des US-Militärs zurück. Bei den stundenlangen Gefechten in Dschalalabad, der Hauptstadt der Provinz Nangarhar, seien sechs Aufständische getötet worden, teilte die Regionalregierung mit.

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Leserkommentare
  1. Wenn schon der vom Westen geförderte Präsident Einschränkung militärischer Operationen fordert, macht dies die Befreier für die Afghanen mit jeder neuen Militäroperation immer mehr zu Besatzern.
    Damit haben die Taliban sich wohl durchgesetzt und es ist für Karsai zu hoffen, dass er seinen Deal gemacht hat.
    Für die westlichen Truppen sind Karsais Worte aber auch eine goldene Brücke, einen unmöglichen Auftrag ehrenvoll zu beenden.
    Die Taliban loszuwerden mag im Interesse des afghanischen Volkes liegen, aber dieses Interesse hat es selbst wahrzunehmen.

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  2. Jeder halbwegs einfühlsame Mensch kann sich vorstellen, welchen Effekt es auf das Gemüt hat, wenn Soldaten willkürlich nachts in Häuser einfallen und Leute töten oder verschleppen. Das Argument "Sicherheit" oder "Terrorismus" hat noch jede Militärdiktatur für solche Aktionen geltend gemacht. Ich kenne diesen Hass aus Chile, wo ich lebe und wo unter Pinochet ähnlich verfahren wurde.
    Die Sympathie von Seiten der Bevölkerung für solche Aktionen wird sich in Grenzen halten, auch wenn die besten Absichten dahinter stünden. Nach zehn Jahren ist aber auch das Argument Al-Quaida nur noch eine Worthülse. Denn mitlerweile dürfte so ziemlich jeder afghanische Jugendliche, egal ob islamistisch-fundamentalistisch oder atheistisch-aufgeklärt, mit subversiven Gruppen liebäugeln.

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    • chosrau
    • 14. November 2010 19:03 Uhr

    Wer heute gehängt wird - einen Talib geholfen zu haben, könnte morgen den Friedensnobelpreis gewinnen.
    Die Politik steht jenseits von Gut und Böse - manchmal vielleicht in guten Absichten und seltener wird sie von einem klugen Weltmann geführt.
    Mir, einem einfachen afghnisch deutschen Bürger, kocht das Blut, wenn ich höre, dass man Häuser nach Aufständischen sucht. Wann in und welchem Krieg hat je ein Soldat mit einer Waffe ein Haus mit Unschuld betreten?! Ich denke - der Westen wird langsam alt und senil. Er erzählt und erzählt. Was herauskommt, sind Worte. Demokratie, Recht und Gleichheit... Nur, handelt der Oper aus Angst und wird von Verlogenheit getrieben...
    Es kommt mir das Bild eines Oppers, der ein dreckiges, aufmüpfiges, kleines Straßenkind belehrt und leider auch verhaut, in den Sinn...

  3. "US-General David Petraeus, der die nächtlichen Operationen in der Nacht als wichtigen Teil der Anti-Terror-Strategie bezeichnet hat."

    Sicher, dass er das so gesagt hat, nächtliche Aktionen in der Nacht?

    "Lustig" auch dies:
    "Bei den stundenlangen Gefechten in Dschalalabad, der Hauptstadt der Provinz Nangarhar, seien sechs Aufständische getötet worden, teilte die Regionalregierung mit."

    Stundenlange Gefechte mit "nur" 6 Toten? Das ist ein rethorischer Missgriff. Entweder "stundenlang" streichen oder "Gefechte" durch "Schießereien" oder "vereinzelte Feuerwechsel" ersetzen.
    Ansonsten muss ich ja annehmen, dass die gut ausgebildeten NATO-Truppen Tonnen an Munition sinnlos in die Gegend geballert haben.

    MfG
    AoM

  4. 5. Karsai

    steht schon länger in dem Verdacht selber ein (wenn auch früherer )Taliban gewesen zu sein.
    Klar welche Interessen er verfolgt,er braucht nur das Geld der Gemeinschaft,wir können uns vorstellen was er damit kaufen will ,die Gemeinschaft braucht er nicht.

  5. Die Afghanistan-Berichterstattung und die oeffentliche Meinung ist da ganz schlicht pragmatisch.
    Krieg in Afghanistan schlecht, weil nicht zu gewinnen. Krieg waere gut, wenn...

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte Hamid Karsai | Barack Obama | FDP | Guido Westerwelle | Afghanistan | Robert Gates
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