Dmitrij Medwedjew hält seine Rede zur Lage der Nation © Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew hat am Montag sogar sein Abendessen versäumt: Die heutige Rede zur Lage der Nation war ihm wichtiger. Sie bedurfte noch des letzten Schliffs. Länger als sonst hat sich die Arbeit an diesem jährlichen Grundsatzreferat des Präsidenten hingezogen.

Begleitet wurde sie von demonstrativer Geheimhaltung und manchem, scheinbar zufälligen Informationsleck, wie es die Erprobung neuer Modelle in der Autoindustrie mit ersten Fotos der Erlkönige kennzeichnet. Herausgekommen ist bei Medwedjew, um im Bilde zu bleiben, eine Familienlimousine, die sich, abgesehen von einigen Extras, kaum vom bekannten Basismodell unterscheidet. Allerdings gibt es auch das bisher nur im Katalog.

Die Rede zur Lage der Nation im prachtweißen Georgssaal des Kremls unter goldenen Riesenkronleuchtern ist ein Ritual, das den Anwesenden ihr Gefühl der Bedeutung streichelt. Die Crème de la Crème der russischen Landesführung, Minister, Abgeordnete, enge Berater, saß da – fast durchweg männlich, im eintönigen Grau und Blau der Anzüge. Nur die Vertreter der Buddhisten und Muslims und einige Damen im knallroten Kostüm verliehen dem Publikum etwas Farbe. Für den Rest Aufsehen sollte der Präsident sorgen. Er bemühte sich. Doch die vorab von manchen annoncierte Bombe ließ er nicht platzen. Es ploppte höchstens ein bisschen im Kreml.

Die Innenpolitik stellt traditionell den Hauptteil der Rede. Medwedjews Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf der Familie, vor allem den Kindern als "unserer Zukunft". Das stimmt und hört sich zugleich herzergreifend an. Medwedjew, der bisher stärker der technischen Modernisierung Russlands das Wort redete, gab sich nun als Hüter der sozialen Ordnung. Die Hinwendung zu den Menschen ist aus Sicht des Kremls sinnvoll, steht doch in den nächsten 15 Monaten die Neuwahl des Parlaments und des Präsidenten an.

Mehr Kinder also braucht das in den vergangenen Jahren geschrumpfte russische Volk, und denen soll es künftig besser gehen! Dabei weisen viele Experten daraufhin, dass Russlands Demographieproblem vor allem in der hohen Sterblichkeit seiner Bewohner liege. Kurz ging der Präsident auch darauf ein: Die Sterblichkeit solle durch mehr Sport und weniger Rauchen verringert werden. Wichtiger aber war Medwedjew das neue Ideal der Familie.

Die Zahl der Vielkinderfamilie, forderte Medwedjew, solle "radikal" steigen. Immerhin seien doch viele russische Geistesgrößen wie Anton Tschechow und Anna Achmatowa dritte Geschwisterkinder gewesen, argumentierte der Präsident. Damit es mehr Tschechows gibt, muss der Staat in die Pflicht treten: Steuererleichterungen für die Familien und kleine Geschenke wie ein Grundstück für die dritte Geburt regte der Präsident an und lobte den eigens gestifteten "Orden des elterlichen Ruhms".

Vom Wohl der Nation, für das die Sorge um die künftigen Generationen "lebensnotwendig" sei, sprang der Präsident, wie in diesen Auftritten üblich, in die Details hinab. Das spiegelt die Erwartung vieler Russen, dass sich einer doch um alles kümmern muss, wenn schon der Rest der Staatsinstitutionen versagt. Medwedjew kritisierte Warteschlangen für Kindergartenplätze und die bisherige Versorgung von Neugeborenen mit geringem Körpergewicht. Er putinisierte ein bisschen, indem er, mit der Landesflagge als Anstecker am Revers, mehr patriotische Erziehung des Nachwuches verlangte. Die Wehrspielchen im Wald würden doch für "Anführergeist" und einen "mutigen Charakter" sorgen. Dann versprach er noch 2,5 Milliarden Euro für die Entwicklung der Kindermedizin. Beifall.

Ansonsten enthielt Medwedjews Rede wie eine Schüssel Buntes für jeden etwas: höhere Gehälter für Beamte, höhere Renten, mehr Wohnungsbau, weniger Energieverschleuderung, mehr russische Supercomputer, mehr intelligente Produkte, eine sauberere Umwelt, mehr Sicherheit, eine hochtechnologische Armee, Millionen neuer Arbeitsplätze.