Südkoreas Armee hat die höchste Alarmstufe seit dem Ende des Koreakriegs in den 1950er Jahren ausgelöst. Grund ist eine etwa einstündige Attacke durch das kommunistische Nordkorea, bei der die Volksarmee nach südkoreanischen Angaben mehr als 100 Granaten über dem Gelben Meer in Richtung Südkorea abfeuerte. Etwa 50 davon schlugen demnach auf der südkoreanischen Insel Yeonpyeong vor der Westküste ein. Zwei Marinesoldaten starben. Knapp 20 Menschen, darunter Zivilisten, erlitten Verletzungen.

Einige Granaten trafen bewohntes Gebiet auf der Insel. "Mindestens zehn Häuser brennen. Ich kann deutlich den Rauch sehen", zitierte der TV-Sender YTN einen Bewohner der Insel. Durch den Beschuss mit mindestens 200 Granaten seien 60 bis 70 Häuser in Brand geraten. Die Einwohner seien per Lautsprecherdurchsage aufgerufen worden, ihre Häuser zu verlassen und sich in Bunker zu begeben. Bewohner der Insel flohen auch in ihren Fischerbooten.

Das südkoreanische Militär teilte mit, die Armee habe "zur Selbstverteidigung" sofort zurückgeschossen und Artilleriestützpunkte an der nordkoreanischen Küste unter Beschuss genommen. Wie der Fernsehsender YTN berichtete, wurden mehrere südkoreanische Kampfjets zu der Insel geschickt.

Nordkorea warnte den Süden vor Vergeltung und drohte mit weiteren Schlägen. "Sollte die südkoreanische Marionettengruppe es wagen, auch nur 0,0001 Millimeter in Nordkoreas Hoheitsgewässer vorzudringen, wird die revolutionäre Streitmacht nicht zögern, weiter gnadenlose militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen", hieß es in einer Erklärung des Truppenkommandos. Im Gelben Meer gelte nur die von Nordkorea selbst gezogene Grenzlinie, hieß es.

Mit "Marionettengruppe" beschimpft Nordkorea üblicherweise die Regierung in Seoul. Nordkorea erkennt die von den Vereinten Nationen zum Ende des Koreakrieges 1953 einseitig gezogene Seegrenze nicht an. Deshalb befinden sich die Länder offiziell noch im Kriegszustand. Yeonpyeong liegt vor der Westküste der koreanischen Halbinsel, unweit der umstrittenen Seegrenze.

Nordkorea hatte sich an einer Militärübung gestört, die der Süden veranstaltete und dagegen heftig protestiert. Der Süden habe ein Feuergefecht ausgelöst und damit den Norden zu einer Reaktion veranlasst, hieß es. Südkoreanische Militärs wiesen die Anschuldigungen zurück. Bei der Seeübung der südkoreanische Marine habe es sich um ein jährliches Manöver gehandelt, zitierte die nationale Nachrichtenagentur Yonhap einen Militärvertreter. Man habe Geschosse getestet, sie aber nach Westen und nicht Richtung Norden abgeschossen. Die Übung habe 20 bis 30 Kilometer südwestlich von Yeonpyeong stattgefunden.

Südkoreas Präsident Lee Myung Bak berief eine Dringlichkeitssitzung ein. Mit seinen Sekretären zog er sich in einem unterirdischen Bunker zu Beratungen zurück. Einem französischen Diplomaten zufolge wird der UN-Sicherheitsrat in ein oder zwei Tagen zu einer Sondersitzung zusammentreten.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle appellierte an beide koreanischen Staaten, die Spannung nicht weiter zu verschärfen. "Die Tatsache, dass Gewalt eingesetzt wird, ist etwas, was uns in Europa mit Sorge erfüllt", sagte Westerwelle. Die US-Regierung nannte das Vorgehen Nordkoreas eine "kriegerische Aktion" und forderte das Land auf, sich an den Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel zu halten. Russland bezeichnete die Gewaltanwendung zwischen beiden koreanischen Staaten als absolut inakzeptabel und forderte zur Mäßigung auf.

Nordkoreas engster Verbündeter China äußerte sich besorgt. Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking forderte beide Seiten auf, den Frieden zu wahren und zu den Sechs-Parteien-Gesprächen zurückzukehren. In den Verhandlungen der beiden koreanischen Staaten, der USA, Russlands, Chinas und Japans soll die Führung in Pjöngjang zur Aufgabe seines Atomprogramms bewegt werden. Die Runde ist seit rund zwei Jahren ausgesetzt.

Die Lage auf der koreanischen Halbinsel war bereits vor dem neuerlichen Zwischenfall äußerst angespannt. Südkorea wirft dem Norden vor, eines seiner Kriegsschiffe im Gelben Meer versenkt zu haben. Bei dem Vorfall kamen im März 46 Soldaten ums Leben. Eine internationale Untersuchung bestätigte die Schuld Nordkoreas. Das Land bestreitet eine Verwicklung aber. In den vergangenen Jahren lieferten sich beide Länder immer wieder opferreiche Gefechte.

Die Beziehungen zwischen Seoul und Pjöngjang sind auch wegen des nordkoreanischen Atomprogramms gespannt. Vor zwei Tagen war bekannt geworden, dass das Regime in Pjöngjang eine große Anlage zur Urananreicherung heimlich gebaut hatte. Nordkorea hatte erstmals im Oktober 2006 und dann erneut im Mai 2009 Atomwaffen getestet. Kurz vor dem zweiten Test war Nordkorea aus den Sechser-Gesprächen ausgestiegen. In den vergangenen Monaten signalisierte Pjöngjang allerdings wiederholt seine Bereitschaft, unter bestimmten Bedingungen an den Verhandlungstisch zurückzukehren.