VietnamAmerikanische Kriegstouristen suchen ihren Frieden

US-Veteranen des Vietnam-Kriegs kehren zu den alten Kampfplätzen zurück. Ein Dolmetscher, der im Krieg für die USA arbeitete, begleitet sie. von 

Hong Thanh Nhan Dolmetscher Vietnam Krieg USA

Der Dolmetscher Hong Thanh Nhan bei der Arbeit. Er übersetzt für Entwicklungshelfer, was ein Bauer in der vietnamesischen Provinz Soc Trang berichtet  |  © Hauke Friederichs/ZEIT ONLINE

Die Amerikaner sind wieder da. Sie sind zurück im Dschungel, auf den matschigen Pfaden in der grünen Hölle. Die Hölle, in der die Amerikaner und ihre Verbündeten im Vietnam-Krieg vom Vietcong aufgerieben wurden. Die ehemaligen amerikanischen Soldaten, heute alte Männer, wollen sehen, wo sie ihre Jugend verloren, wo sie Todesangst litten, wo Kameraden von Sprengfallen zerfetzt wurden, wo sie beschossen wurden, wo sie selber den Feind jagten und wo sie vielleicht Zivilisten töteten. Amerikanische Veteranen kehren nach Vietnam zurück, um die Schauplätze ihres Krieges wiederzusehen. Sie kommen, um vergessen zu können. "Sie kommen, um den Frieden zu finden", sagt Hong Thanh Nhan. Der Vietnamese führt die Veteranen zurück in ihre Vergangenheit. Er arbeitet als Dolmetscher, spricht ausgezeichnetes Englisch. Seine Kunden aus den USA wollen dem Krieg in ihrem Innern beenden, Alpträume und Traumata hinter sich lassen.

Bereits als junger Mann arbeitete Hong Thanh Nhan für die Amerikaner als Übersetzer. Er gehört der Minderheit der Khmer an. Er spricht deren Sprache, aber auch vietnamesisch. Sein Haar ist ergraut, sein Gesicht gegerbt, er sieht älter aus als seine 59 Jahre. Hong Thanh Nhan hat selber nicht im Krieg geschossen, aber dessen Verlauf ganz aus der Nähe erlebt. Auch dessen überraschend schnelles Ende.

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Vor 35 Jahren, 1975, begannen die nordvietnamesische Armee und der Vietcong eine letzte Offensive. Sie rückten weiter vor, kamen der Hauptstadt des Südens immer näher. Saigon wurde eingeschlossen. Die Amerikaner verließen das Land überstürzt, sie ließen nicht nur Hubschrauber und Panzer zurück. Die meisten ihrer vietnamesischen Angestellten mussten sich in der wiedervereinigten Republik mit den Gewinnern, mit den Sozialisten aus dem Norden, arrangieren. Auch Hong Thanh Nhan blieb. Vietnam wurde wiedervereinigt, die Sieger aus dem Norden sperrten ihn in ein Umerziehungslager im Dschungel.

Dort erlebte er seine grüne Hölle. Zwei Jahre und neun Monate musste er dort Bäume fällen, den Boden umgraben, immer hart körperlich arbeiten und den Sozialismus kennen lernen. Er zählte jeden Tag, hoffte auf Freiheit. Dann, endlich, durfte er das Camp verlassen. Die Regierung ordnete an, dass er Reisbauer werden sollte. Hong Thanh Nhan hätte sich heimlich aus dem Arbeitslager wegschleichen können. Er hätte versuchen können, wie so viele seiner Landsleute, auf einem Boot aus dem Land zu fliehen. Doch Hong Thanh Nhan harrte aus. Er fürchtete, dass seine Familie sonst für seine Flucht hätte büßen müssen.

Einige Jahre schuftete er auf dem Feld. Mitte der achtziger Jahre öffnete sich dann das Regime. Die Privatwirtschaft wurde zugelassen, die Gesellschaft ein bisschen weniger kontrolliert und auch für Hong Thanh Nhan brachen bessere Zeiten an. Anfang der neunziger Jahre begannen ausländische Firmen Niederlassungen und Produktionsstätten in Vietnam zu eröffnen. Entwicklungshelfer aus Europa, auch aus Deutschland, kamen in das Land. Hong Thanh Nhan begann erneut, als Dolmetscher zu arbeiten. Sein Englisch bewahrte er sich, indem er britisches Radio hörte und den Kontakt zu Verwandten hielt, die als Boatpeople in die USA geflohen waren. Vor einigen Jahren flog er in die Staaten und besuchte das Land, aus dem im Krieg seine Auftraggeber kamen. "Ich mag die Amerikaner immer noch", sagt er. Doch bleiben wollte er nicht in Nordamerika.

Er arbeitet lieber für die amerikanischen Touristen, die nach Vietnam kommen. Er führt Gruppen von Veteranen, ihre Frauen und auch Angehörigen von mittlerweile verstorbenen Ex-Soldaten zu den Tunneln des Vietcongs, zu den Schlachtfeldern und in die Dörfer, in denen sie gekämpft haben. "Die ehemaligen Soldaten wollen sehen, wie es dem Land heute geht. Sie wollen mit den Menschen sprechen, die früher nur Feinde waren", sagt Hong Thanh Nhan. Sie seien erleichtert, dass ihnen die Menschen nicht mit Hass gegenübertreten. Und sie staunen, dass der American Way of Life auch in Vietnam angekommen ist – zumindest beim Konsum.

Leserkommentare
  1. Der Titel des Artikels weist eine verächtliche Konnotation gegenüber Kriegsteilnehmern aus, die das Unglaubliche versuchen, indem sie ihre Albträume überwinden und zurückreisen an einen immer noch geschädigten Kriegsschauplatz und den dort lebenden Menschen gegenübertreten.

    Was genau sind Kriegstouristen? Sind das nicht eher Leute, die persönlich keine Ahnung vom Krieg haben und idealisierend vereinzelte Merkmale vergangener Schlachten fokussieren. Siegessäulen, Truppenübungsplätze, verlassene Bunker, Flughäfen, Kriegstechnik. Kleider in Kaki und Tarnfarben.

  2. konnte ich beobachten, wie ein älterer amerikanischer Tourist mit Tränen in den Augen sich die im Krieg zerstörte Kaiserstadt Hué angeschaut hat. Sehr ergreifend.

  3. Ich hab mal ein Artikel gelesen in dem die zustimmung für die Attentate in den USA niergends mehr Menschen erfeut hat als in Vietnam. Aber wer kann es ihnen verübeln!

  4. Ehemalige GIs kommen bereits seit etwa 20 Jahren nach Vietnam, um ihr Gewissen im Rahmen eines vielleicht 14tägigen Aufenthalts zu erleichtern. Die klugen und geschäftstüchtigen Vietnamesen haben daraus einen florierenden Tourismuszweig gemacht, der von bestens organisierten Touren bis hin zur Vergrößerung der zum Ho-Chi-Minh-Pfad gehörenden Tunnel reicht. Vietnamesen sind nämlich in der Regel zierlicher als westliche Touristen.

    Mich hätte viel mehr genaue Information dazu interessiert: 'Beide Staaten streiten momentan allerdings darüber, welche Kosten Amerika bei der Entgiftung von verseuchten Böden trägt.' Meines Wissens wurde 2005/6/7 eine Sammel-Klage gegen u.a. Dow Chemical und Monsanto abgewiesen. Es wurde per Gericht festgestellt, es habe sich nicht um chemische Kriegsführung gehandelt http://www.ffrd.org/Lawsu...

    Meines Wissens hat die US-Regierung bislang nicht einen einzigen müden Dollar an Reparationen an Vietnam bezahlt, sondern sich stets darauf rausgeredet, gar nicht gewußt zu haben, was sie da versprühten, während die herstellende Industrie (übrigens auch Boehringer Ingelheim mit einem Zwischenprodukt) sich darauf herausredete, über Dioxin informiert, aber keinen Befehl zur Verwendung von Agent Orange erteilt zu haben.

    Die vergifteten GIs wurden übrigens entschädigt, mindestens 4.500.000 unter Dioxinschäden leidende Vietnamesen nicht. ff

    Eine Leserempfehlung
  5. Um zum Thema Vietnamkrieg mal ein paar Proportionen herzustellen: es wurden in 10 Jahren mindestens drei Mal so viele Bomben abgeworfen wie im gesamten zweiten Weltkrieg, nämlich etwa 10 to Bomben pro Vietnamese. Würde man nur das Metall dieser Bomben verwenden, könnte man ganz Vietnam mit einer zweieinhalb Zentimeter dicken Stahlschicht bedecken. In Vietnam gibt es etwa 20.000.000 Bombenkrater (werden heute gern als Ententeiche genutzt) Es wurden von insgesamt rund 84.000.000 Litern Entlaubungsmittel etwa 50.000.000 Liter Agent Orange versprüht.

    In Frankreich beträgt die zulässige Dosis Dioxin/pro Kilo Körpergewicht pro Person/Tag 1 bis 4 Pikogramm. In den USA liegt die zulässige Höchstdosis bei 0,0064 Pikogramm, 160mal kleiner als die französische Norm. In Vietnam kann die Dosis 900 Pikogramm pro Kilo Körpergewicht pro Person/Tag erreichen. Eine Million Pikogramm=Gramm - seine Kleinheit macht Dioxin so teuflisch, in Vietnam ist es im Nahrungskreislauf. Es werden noch auf sehr lange Zeit viele Vietnamesen mit Dioxinschäden geboren und daran leiden. Es ist höchste Zeit, sie zu unterstützen.

    http://www.spiegel.de/spi... http://www.initiative.cc/... Orange Vietnam.htm
    http://www.spiegel.de/pan...

    Und hier mal eine vorbildhafte amerikanische Initiative - George Mizos Dorf der Freundschaft: http://www.dorfderfreunds...

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  • Schlagworte MTV | Vietnam | Dschungel | Khmer | Krieg | Soldat
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