Kampagne auf Rädern: Während des Wahlkampfes tourte der "Tea-Party-Express" durchs Land © Spencer Platt/ Getty Images

Amerika wählt, und dass es für Barack Obama und die Demokraten nicht gut ausgehen dürfte, hat sich herumgesprochen. Sollen wir uns deshalb Sorgen machen? Unter Umständen ja. Sollte die Hasskampagne der rabiaten US-Rechtspopulisten tatsächlich mit dem erwarteten Triumph belohnt werden, dann wird das nicht nur die soziokulturelle Verfassung Amerikas verändern. Es bliebe mit Sicherheit auch nicht ohne Wirkung auf die politische Kultur der europäischen Demokratien.

Der vor zwei Jahren mit großer Mehrheit gewählte amerikanische Präsident ist außerhalb der Vereinigten Staaten vermutlich der beliebteste US-Bürger. Im eigenen Land ist das nicht der Fall. Da übertrifft inzwischen das Ausmaß an Hass und Eifer, mit dem die radikale Allianz für den Rückschritt einen geistigen Bürgerkrieg gegen den Reformpräsidenten führt, sogar die Bösartigkeit und Infamie, mit der die Rechte in den 1990er Jahren Präsident Bill Clinton – den "weißen Neger" – aus dem Weißen Haus verjagen wollte.

Dieses einmalige Bündnis aus vordemokratischen Amateurpolitikern, journalistischen Hasspredigern, pseudochristlichen Fanatikern und sendungsbewussten Milliardären befindet sich auf einem Kreuzzug besonderer Art. Das Hauptangriffsziel ist, wie sich das für Populisten gehört, die Regierung. Als emotionale Munition im Kreuzzug gegen "die da oben" und den Neger im Weißen Haus dienen alte Vorurteile und Feindbilder, aber ebenso reale Missstände, soziale Ungerechtigkeiten und das Versagen der Eliten. Das ist nicht anders als in Europa. Der Erfolg des Populismus ist immer auch ein Krisensymptom der Demokratie.

Aber wie in Europa tragen die Rechtspopulisten zur Behebung der Mängel nicht nur nichts bei: Mit ihrer Demagogie und systematischen Problemverzerrungen erschweren sie jede Politik der Vernunft und jeden Versuch einer politischen Problemlösung. Amerikas in wenigen Monaten zur machtvollen Bewegung gewordene rechtspopulistische Tea Party schmäht und verleumdet den Präsidenten, was das Zeug hält, im Fernsehen, im Rundfunk, im Internet, als "Sozialisten", Moslem, schwarzen Rassisten, als Ausländer, der sich seine Geburtsurkunde als Amerikaner ergaunert habe. Zugleich verfolgen sie und ihre Helfershelfer in den Medien mit besonderem Eifer jene gemäßigt konservativen Republikaner, die offen sind für Kompromisse und für Zusammenarbeit mit Obama und dessen Demokratischer Partei. In den Vorwahlen blieben mehrere von ihnen auf der Strecke. Insofern diente dieser Wahlherbst in den USA aus Sicht der rechten Strategen nicht nur dem Befreiungskampf der "wahren Amerikaner" gegen den Fremdling Obama, sondern mindestens so sehr der Säuberung der Republikanischen Partei von Verrätern und Weicheiern.

Wie diese Bewegungs-"Partei" sich in kürzester Zeit von einer tollwütigen Randgruppe zum bestimmenden Faktor der amerikanischen Rechten entwickelt hat, diese Gruselgeschichte hat der amerikanische Journalist Max Blumenthal penibel recherchiert und spannend erzählt. Der Titel seines Reports ist gut gewählt: Republikanisches Gomorrah. Eindrucksvoll beschreibt er die toxische Mixtur aus aufrührerischen Sprüche, Unwahrheit und Verleumdung, permanentem Flirt mit der Gewalt und autoritäre, vordemokratische Vorstellungen über Staat und Politik. Geprägt davon sind vor allem das Denken und der Stil der bizarren Kühlerfigur der US-Rechten, Sarah Palin, der Vizepräsidentschaftskandidatin vor zwei Jahren. Damals noch eher eine Lachnummer ist sie jetzt zur umjubelten Antithese zur Politik der Vernunft geworden.