Es fing mit dem Protest einiger weniger Bewohner der Westsahara vor den Toren der Hauptstadt El-Aiún an. Innerhalb von zwei Wochen entstand in dem Wüstengelände eine ganze Stadt mit über 7000 Zelten und 20.000 Menschen. Sie beherbergte die größte spontane Protestbewegung in der spanischen Ex-Kolonie, seit Marokko das Gebiet vor 35 Jahren annektiert hatte. Mit der Errichtung der Zelte wollten die Bewohner ihren Forderungen nach Arbeitsplätzen, Wohnungen und sozialen Hilfseinrichtungen Nachdruck verleihen.

Das rasche Anwachsen der Bewegung wurde der marokkanischen Regierung unheimlich. Rabat befürchtete, die Zeltstadt könnte unter den Einfluss der Polisario-Rebellen geraten, ihre Bewohner die Schaffung eines unabhängigen Staates in der Westsahara verlangen. Also vertrieben marokkanische Sicherheitskräfte mit Hubschraubern, Gummigeschossen und Tränengas die Menschen, rissen die Zelte nieder und setzten sie in Brand.

Die Demonstranten leisteten der Polizei heftige Gegenwehr. Nach ihrer Vertreibung lieferten sie sich mit den Beamten Straßenschlachten in El-Aiún. Nach einer offiziellen marokkanischen Bilanz wurden bei der Polizeiaktion sechs Menschen getötet, darunter fünf Polizisten. Die Polisario sprach von wenigstens zehn Toten, 700 Verletzten und 150 Vermissten.

Die Unruhen riefen einen jahrzehntealten Konflikt in Erinnerung, der in der Weltöffentlichkeit fast schon in Vergessenheit geraten war. In dem phosphatreichen Wüstengebiet südlich von Marokko betreiben die Vereinten Nationen eine ihrer ältesten Friedensmissionen. Seit 1991 überwachen die UN die Einhaltung eines Waffenstillstands, den Marokko mit der Polisario geschlossen hatte.

Einer Lösung des Konflikts ist man in dieser Zeit jedoch nicht näher gekommen. Es herrscht weder Krieg noch Frieden. Marokko betrachtet die Westsahara als Teil seines Staatsgebiets. "Wir geben keine Handbreit unseres Territoriums her", sagte König Mohammed VI. Die Polisario tritt dagegen — mit Unterstützung Algeriens — für die Schaffung eines unabhängigen Staates ein.

In New York bereiten beide Seiten in diesen Tagen eine neue Verhandlungsrunde vor. Die Chancen, auf diesem Weg zu einer Lösung zu kommen, stehen äußerst schlecht. Sie dürften sich mit der Polizeiaktion gegen die Zeltstadt noch verschlechtert haben. Marokko hatte schon vor Jahren eine Autonomie-Regelung für die Westsahara vorgeschlagen. Die rabiate Niederschlagung der Protestbewegung verstärkt bei den Saharauis die Zweifel daran, dass die Marokkaner eine Autonomie respektieren würden.

Dabei hat das Fortbestehen des Konflikts eine Reihe schlimmer Konsequenzen. Marokko wird in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeworfen, weil es viele Mittel dafür aufbringen muss, das Wüstengebiet unter Kontrolle zu halten. Der Konflikt entzweit zudem Marokko und Algerien und verhindert so, dass die Maghreb-Staaten zu einem Wirtschaftsraum zusammenwachsen. Schließlich macht der Dauerzwist zwischen Rabat und Algier eine effektive Zusammenarbeit im Kampf gegen Aktivisten des Terrornetzwerks al-Qaida in Nordafrika praktisch unmöglich.