WüstenkonfliktMarokko stürmt Protestlager in der Westsahara

Erst waren es ein paar Zelte, schnell eine Zeltstadt mit 20.000 Menschen – eine Demonstration für die Autonomie der Westsahara. Seit Marokko das Lager gestürmt hat, dauern die blutigen Unruhen an. von dpa

Marokkanische Polizisten streifen durch die Reste des aufgelösten Protestlagers. Mindestens fünf Personen starben bei den folgenden Unruhen

Marokkanische Polizisten streifen durch die Reste des aufgelösten Protestlagers. Mindestens fünf Personen starben bei den folgenden Unruhen   |  © -/AFP/Getty Images

Es fing mit dem Protest einiger weniger Bewohner der Westsahara vor den Toren der Hauptstadt El-Aiún an. Innerhalb von zwei Wochen entstand in dem Wüstengelände eine ganze Stadt mit über 7000 Zelten und 20.000 Menschen. Sie beherbergte die größte spontane Protestbewegung in der spanischen Ex-Kolonie, seit Marokko das Gebiet vor 35 Jahren annektiert hatte. Mit der Errichtung der Zelte wollten die Bewohner ihren Forderungen nach Arbeitsplätzen, Wohnungen und sozialen Hilfseinrichtungen Nachdruck verleihen.

Das rasche Anwachsen der Bewegung wurde der marokkanischen Regierung unheimlich. Rabat befürchtete, die Zeltstadt könnte unter den Einfluss der Polisario-Rebellen geraten, ihre Bewohner die Schaffung eines unabhängigen Staates in der Westsahara verlangen. Also vertrieben marokkanische Sicherheitskräfte mit Hubschraubern, Gummigeschossen und Tränengas die Menschen, rissen die Zelte nieder und setzten sie in Brand.

Anzeige

Die Demonstranten leisteten der Polizei heftige Gegenwehr. Nach ihrer Vertreibung lieferten sie sich mit den Beamten Straßenschlachten in El-Aiún. Nach einer offiziellen marokkanischen Bilanz wurden bei der Polizeiaktion sechs Menschen getötet, darunter fünf Polizisten. Die Polisario sprach von wenigstens zehn Toten, 700 Verletzten und 150 Vermissten.

Die Unruhen riefen einen jahrzehntealten Konflikt in Erinnerung, der in der Weltöffentlichkeit fast schon in Vergessenheit geraten war. In dem phosphatreichen Wüstengebiet südlich von Marokko betreiben die Vereinten Nationen eine ihrer ältesten Friedensmissionen. Seit 1991 überwachen die UN die Einhaltung eines Waffenstillstands, den Marokko mit der Polisario geschlossen hatte.

Einer Lösung des Konflikts ist man in dieser Zeit jedoch nicht näher gekommen. Es herrscht weder Krieg noch Frieden. Marokko betrachtet die Westsahara als Teil seines Staatsgebiets. "Wir geben keine Handbreit unseres Territoriums her", sagte König Mohammed VI. Die Polisario tritt dagegen — mit Unterstützung Algeriens — für die Schaffung eines unabhängigen Staates ein.

In New York bereiten beide Seiten in diesen Tagen eine neue Verhandlungsrunde vor. Die Chancen, auf diesem Weg zu einer Lösung zu kommen, stehen äußerst schlecht. Sie dürften sich mit der Polizeiaktion gegen die Zeltstadt noch verschlechtert haben. Marokko hatte schon vor Jahren eine Autonomie-Regelung für die Westsahara vorgeschlagen. Die rabiate Niederschlagung der Protestbewegung verstärkt bei den Saharauis die Zweifel daran, dass die Marokkaner eine Autonomie respektieren würden.

Dabei hat das Fortbestehen des Konflikts eine Reihe schlimmer Konsequenzen. Marokko wird in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeworfen, weil es viele Mittel dafür aufbringen muss, das Wüstengebiet unter Kontrolle zu halten. Der Konflikt entzweit zudem Marokko und Algerien und verhindert so, dass die Maghreb-Staaten zu einem Wirtschaftsraum zusammenwachsen. Schließlich macht der Dauerzwist zwischen Rabat und Algier eine effektive Zusammenarbeit im Kampf gegen Aktivisten des Terrornetzwerks al-Qaida in Nordafrika praktisch unmöglich.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Um Rohstoffe!

    Marokko reitet politisch gesehen eine Rasierklinge, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer.

    Dieser lösbare Konflikt dauert schon zu lange.

    • zidan
    • 09. November 2010 21:32 Uhr

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik am Artikel sachlich und möglichst konstruktiv. Die Redaktion/cs

  2. Die Zeit könnte mehr Komplexität in die Analyse einbringen. Es ist schwierig, unabhängige Informationen aus Laayoune zu bekommen, sich dann aber auf eine Version einzulassen und "Erklärungen" zu liefern, ist problematisch...
    Ursprünglich haben ein paar Leute unter anderem dagegen demonstriert, dass sie kein "Basiseinkommen" wie z.B. die Zurückkehrer aus den Flüchtlingslagern in Tindouf bekommen. Etwas, wovon man woanders in Marokko nur träumen kann... Das Camp ist gewachsen, und damit die Interessen der Demonstranten. Es Verhandlungen mit der Regierung gegeben, die teils sogar was gebracht haben, bevor das Camp aufgelöst worden ist. Warum das Camp aufgelöst worden ist - keine Ahnung. Schlecht getimed und noch schlechter gemanaged.

    • zidan
    • 10. November 2010 9:51 Uhr

    meine erste kritik war sachlich. es ist einfach schlecht recherchiert und wie fuerdikatz erwaehnt hat wird auch nach "Erklaerungen" gesucht.
    nicht wirklich professionell:-(.

  3. steht allen völkern zu, auch den sahrauis. es gibt daran überhaupt nichts zu rütteln. die völkerrechtliche sachlage ist spätestens seit 1975 bekannt. http://www.icj-cij.org/do... die ehemalige kolonie muss dekolonialisiert werden, der einzige weg dahin führt über ein referendum, in dem die sahrauis (nicht die marokkanischen emigranten, die seit 1975 dort angesiedelt wurden) über ihren zukünftigen status frei entscheiden. auch der derzeitige "waffenstillstand" hat die schnellstmögliche durchführung dieses referendums zur bedingung. jegliche diskussion über eine von marokko gnädigerweise gewährte autonomie ist deshalb absurd und dient lediglich propagandazwecken. es ist and er zeit, dass die internationale gemeinschaft aufwacht und ihren verpflichtungen nachkommt.

    • zidan
    • 10. November 2010 11:46 Uhr

    stellen sie sich vor der Wein wird als kostbarer Rohstoff angesehen, Rheinland sich dann entschliesst sich unabhaengig zu erklaeren. das ganze mit freundlicher unterstuetzung von luxemburg das natuerlich auch was vom kuchen haben will.
    wie wird dann berlin darauf reagieren.
    genauso ist es mit diesem konflikt aus meiner sicht. west sahara war noch nie ein unabhaengiges land. es gehoerte immer zu Marokko. dass einige stammensfuersten jetzt die rohstoffe entdeckt haben und mit hilfe algeriens ( luxemburg) sich fuer unabhaengig erklaeren wollen veranlasst marokko zu diesen reaktionen. uebrigens algerien war selbst auch noch nie ein unabhaengiges land. dieses teil afrikas stand auch seit jahrhunderten im marokkanischen Koenigreich eingegliedert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ihr vergleich hinkt gewaltig. trotzdem: unabhängig davon, dass auch mal ein luxemburger römisch-deutscher kaiser war (übrigens auch im mittelalter, wie bei ihnen), käme kein luxemburger auf die idee, eine unabhängigkeit des rheinlands zu fordern. andererseits würde die dt. bundesregierung aber den rheinländern auch nicht verbieten, über ihre weinexporte selbst zu verfügen. ende des gleichnisses.
    die bodenschätze haben im fall der westsahara auch nicht irgendwelche scheichs sondern die spanier entdeckt, die sich im madrider abkommen die nutzungsrechte von marokko zusichern ließen um im gegenzug die illegale besetzung durch marokko und mauretanien zu tolerieren (denken sie an das von diesen beiden angeforderte gutachten des IGH!).
    was die absurdität historisch begründeter besitzansprüche angeht, lege ich ihnen die Einleitung von P.Geary, The Myth of Nations(2002) nahe! aber egal was sie glauben, gibt es eine eindeutige rechtslage und darüber täuscht ihre als perspektiverweiterung getarnte propaganda nicht vorbei. was die territoriale integrität der staaten im maghreb und anderswo angeht, ist es so, dass die von den kolonialherren willkürlich gezogenen grenzen völkerrechtlich bindend sind. der traum von großmarokko ist damit ausgeträumt. gott sei dank!

  4. "die ehemalige kolonie muss dekolonialisiert werden" Genau dass muss mit Sebta un Melilia im Norden Marokko Geschehen.

  5. 8. @zidan

    "uebrigens algerien war selbst auch noch nie ein unabhaengiges land. dieses teil afrikas stand auch seit jahrhunderten im marokkanischen Koenigreich eingegliedert" nicht nur das, sondern auch teil des heutigen MAuritanien...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte UN | Marokko | Autonomie | Brand | Konflikt | Nordafrika
Service