WikileaksAmerika in der Vertrauenskrise

Die Veröffentlichung von Dokumenten des US-Außenministeriums durch Wikileaks wird die Welt nicht umstürzen. Doch die USA sind blamiert. Und die Diplomatie wird sich verändern.

Test einer iranischen Kurzstreckenrakete nahe der der Stadt Ghom. Iran wird von seinen arabischen Nachbarn als Gefahr wahrgenommen - und offenbar wollen diese, dass Amerika härter gegen Teheran vorgeht.

Test einer iranischen Kurzstreckenrakete nahe der der Stadt Ghom. Iran wird von seinen arabischen Nachbarn als Gefahr wahrgenommen - und offenbar wollen diese, dass Amerika härter gegen Teheran vorgeht.

Der Coup ist gelungen, die amerikanische Regierung ist blamiert. Die diplomatischen Depeschen, die am Sonntagabend von Wikileaks sowie in der New York Times , dem britischen Guardian , Le Monde , El Pais und dem Spiegel mit Spiegel Online veröffentlicht wurden, enthalten alles, was nötig ist, um die Vereinigten Staaten lächerlich zu machen. Oder Schlimmeres.

Den Mächtigen in Washington blieb nicht viel mehr als verbales Entsetzen. "Rücksichtslos" und "gefährlich" sei es, was die Gruppe um Julian Assange tue, sagte der Sprecher von Präsident Barack Obama, Robert Gibbs. Ob das Leben zahlloser Menschen auf dem Spiel steht, wie das amerikanische Außenministerium warnte, ist schwer zu beurteilen. Aber die Offenlegung der mehr als 250.000 vertraulichen Schriftstücke bleibt ein Desaster für die Diplomatie Amerikas.

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Wie groß der Schaden oder - je nach Sichtweise - der Erkenntnisgewinn wirklich sind, ist zunächst noch offen. Das hat zwei Gründe: Einmal hat Wikileaks eben nicht sämtliche Daten ins Netz gestellt, sondern will sie Stück für Stück veröffentlichen. Die Organisation argumentiert, auf diese Weise komme allen Informationen mehr Aufmerksamkeit zu. Man könnte auch sagen: Wikileaks selbst bleibt länger im Gespräch. Der zweite Grund aber ist, dass die Dokumente so vielfältig sind wie die Welt der Diplomatie, dass sie Einschätzungen des deutschen politischen Personals ebenso enthalten wie Aussagen des jemenitischen Präsidenten, wie er mit Al-Qaida-Gruppen in seinem Land verfährt.

Die meiste Aufmerksamkeit zog zunächst auf sich, wie sich die großen Konflikte dieser Welt in den Dokumenten spiegeln: Nahost, Iran, Afghanistan, Pakistan, Korea . Keiner von ihnen muss wohl neu bewertet werden. Allerdings verschieben sich manche Einschätzungen. Beispielsweise zeigen die Dokumente, dass die Staatenlenker von Saudi-Arabien, Bahrain, Jordanien, aber auch Israel die USA wesentlich offensiver zu einem Militärschlag gegen Iran aufgefordert haben, als dies bislang bekannt war. Das verändert nicht die Frontlinie, wie sie sich schon länger im Mittleren Osten darstellt, es wird Iran auch keine Geheimnisse verraten. Aber es bringt zusätzliche Brisanz in einen schwierigen Konflikt.

Auch die Korruption innerhalb der afghanischen Regierung, die von den Dokumenten grell illustriert wird, ist nicht unbekannt, beispielsweise wenn es um den Halbbruder von Präsident Hamid Karsai, Ahmed Wali Karzai, geht. Vom früheren Vizepräsident Ahmed Zia Massud wird berichtet, er habe während einer Reise in die Arabischen Emirate 52 Millionen Dollar in bar dabei gehabt. Woher das Geld kam, konnte er nicht belegen. Es liegt nahe, Einnahmen aus Drogengeschäften dahinter zu vermuten.

Ähnlich verhält es sich mit Informationen über die Sicherheit pakistanischer Atomanlagen. Die USA sind besorgt, die pakistanische Regierung weicht aus. Ein altes Spiel.

Spannender angesichts des aktuellen Konflikts auf der koreanischen Halbinsel ist da schon, wie sich die USA ein Korea nach einem Sturz des Regimes in Pjöngjang vorstellen. Vor allem solle das Land nach einer Wiedervereinigung weiterhin eng mit Amerika verbündet bleiben. Chinas Zustimmung würde man durch finanzielle und wirtschaftliche Kooperation erreichen wollen.

Leserkommentare
    • Oogie
    • 29.11.2010 um 3:24 Uhr

    in einpaar Monaten weiter wie sehr es die Welt verändern wird. Bisher sehen wir nur die Spitze des Eisbergs.

    Ein Hoch auf die Warheit.

    Obsequium amicus, veritas odium parit - Willfährigkeit macht Freunde, Wahrheit schafft Haß.

    Terenz

    6 Leserempfehlungen
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    Hat die Offenlegung von Fakten zu irgendeinem Zeitpunkt der Weltgeschichte schon jemals das Handeln der Mächtigen verändert?

    Hilary lässt UN-Diplomaten ausspionieren. Israel, Saudi-Arabien u.a. drängen die USA massiv zu einem Präventivschlag gegen Iran. Ja und, wen überrascht das?

    Putin ein Alpha-Rüde, immerhin. Um ihm wirklich gerecht zu werden, dürften sie ihn nicht mit einer so vergleichsweise harmlosen Spezies wie dem Hund gleichsetzen. Das ist die eigentliche Beleidigung. Doch hat der russische Bär bekanntlich ein dickes Fell, der wird sich sogar über die Naivität der Amerikaner freuen!

    Und natürlich wird Amerika eine Zeitlang was geben, um die "Vertraulichkeit" wieder herzustellen.
    Wenn wir allerdings erwarten, dass das dann von mehr Realitätsgehalt gekennzeichnet sein wird als irgendwas zuvor, sind wir reif für Disneyland.

    Hat die Offenlegung von Fakten zu irgendeinem Zeitpunkt der Weltgeschichte schon jemals das Handeln der Mächtigen verändert?

    Hilary lässt UN-Diplomaten ausspionieren. Israel, Saudi-Arabien u.a. drängen die USA massiv zu einem Präventivschlag gegen Iran. Ja und, wen überrascht das?

    Putin ein Alpha-Rüde, immerhin. Um ihm wirklich gerecht zu werden, dürften sie ihn nicht mit einer so vergleichsweise harmlosen Spezies wie dem Hund gleichsetzen. Das ist die eigentliche Beleidigung. Doch hat der russische Bär bekanntlich ein dickes Fell, der wird sich sogar über die Naivität der Amerikaner freuen!

    Und natürlich wird Amerika eine Zeitlang was geben, um die "Vertraulichkeit" wieder herzustellen.
    Wenn wir allerdings erwarten, dass das dann von mehr Realitätsgehalt gekennzeichnet sein wird als irgendwas zuvor, sind wir reif für Disneyland.

  1. Ärgerlich, dass nicht alle Dokumente veröffentlicht werden. So steht beispielsweise die Sache mit Saudi Arabien und anderen Staaten bezüglich Iran jetzt im grellen Rampenlicht. Wer hat die Auswahl getroffen, dass genau dieser Bericht zuerst veröffentlicht wird? Ist er wirklich so wichtig? Man weiss es nicht, denn anhand eines Bruchteils der Dokumente lässt sich das nicht beurteilen. Oder hat sich Wikileaks dafür bezahlen lassen? Wie gesagt, ärgerlich.

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    • Assie
    • 29.11.2010 um 3:48 Uhr

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie sachlich zum Thema. Die Redaktion/cs

    • Assie
    • 29.11.2010 um 3:59 Uhr

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich bei Fragen zur Moderation an community@zeit.de. Die Redaktion/cs

    Eine Leserempfehlung
  2. Hat die Offenlegung von Fakten zu irgendeinem Zeitpunkt der Weltgeschichte schon jemals das Handeln der Mächtigen verändert?

    Hilary lässt UN-Diplomaten ausspionieren. Israel, Saudi-Arabien u.a. drängen die USA massiv zu einem Präventivschlag gegen Iran. Ja und, wen überrascht das?

    Putin ein Alpha-Rüde, immerhin. Um ihm wirklich gerecht zu werden, dürften sie ihn nicht mit einer so vergleichsweise harmlosen Spezies wie dem Hund gleichsetzen. Das ist die eigentliche Beleidigung. Doch hat der russische Bär bekanntlich ein dickes Fell, der wird sich sogar über die Naivität der Amerikaner freuen!

    Und natürlich wird Amerika eine Zeitlang was geben, um die "Vertraulichkeit" wieder herzustellen.
    Wenn wir allerdings erwarten, dass das dann von mehr Realitätsgehalt gekennzeichnet sein wird als irgendwas zuvor, sind wir reif für Disneyland.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "wir sehen"
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    • Zack34
    • 29.11.2010 um 7:31 Uhr

    Zitat:
    "Wenn wir allerdings erwarten, ... dann sind wir reif für Disneyland."


    Längst passiert, fürchte ich.

    • Zack34
    • 29.11.2010 um 7:31 Uhr

    Zitat:
    "Wenn wir allerdings erwarten, ... dann sind wir reif für Disneyland."


    Längst passiert, fürchte ich.

  3. Die USA wussten, warum sie die letzten Tage sehr viele "Gespräche" gesucht haben und sich im Vorfeld bereits "entschuldigten". Der US-Botschafter in Deutschland muss dies anscheinend noch lernen, so richtig kauft man ihm seine Leidesbekundungen nicht ab. Vielmehr konspirierte er mit einem ranghohen "jungen und politisch aufstrebenden" FDP'ler, der die im Geheimen geführten Koalitionsverhandlungen mit Überzeugung offenbarte. Das ist kein Verhalten, das man gegenüber einem Verbündeten erwarten würde. Die Charakterisierungen der einzelnen Regierungsmitglieder sind relativ unwichtig, die Brisanz liegt im Verhalten des Verbündeten. Wir dürfen auf die Reaktion der Regierung gespannt sein. Bleibt sie aus, beschämen wir uns selbst und signalisieren den Verzicht auf Eigenständigkeit, da wir auf Verletzungebn der Staatshoheit nicht reagieren.

    5 Leserempfehlungen
  4. ... mit etwas Abstand auch sportlich sehen und ihre Lehren daraus ziehen.

    Etwa, dass Daten, die man erfasst hat, auch benutzt werden.

    Dass es kontraproduktiv ist, ein kostspieliges, empfindliches System aufzubauen, das man weder kontrollieren kann, noch verhindern, dass es entgegen seinem eigentlichen Zweck eingesetzt wird.

    Oder, dass verschiedene Regierungen und Organisationen wohl noch ausführlichere Sammlungen von US-Diplomatenberichten haben. Und so weiter, und so fort ...

    Abgesehen davon hat es die USA wohl eher zufällig getroffen. Wobei natürlich (Smiley´s Leute lassen grüßen) Zweifel angebracht sind. War es wirklich ein Zufall, oder steckt nicht vielleicht eine bestimmte Absicht hinter einzelnen der Dokumente?

    Einen Zufall angenommen, hätte stattdessen auch die deutsche Diplomatenkorrespondenz oder die gesammelten Informationen unserer Behörden über alle Bundesbürger verfügbar gemacht werden können.

    Deshalb werden in Berlin und an anderen Orten in der nächsten Zeit viele IT-Verantwortliche ein Unzahl Fragen von Leuten beantworten müssen, die dafür zwar völlig unqualifiziert sind, aber panische Angst um das eigene Pöstchen haben -- und gerade deswegen gefährlich sind.

    Kai Hamann

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  5. und Wikileaks auch. Aus dem Westen (bisher) nichts neues.

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