Zuvor hatte die New York Times auf ihrer Website einen Artikel über die 250.000 vertraulichen und teils geheimen Mitteilungen aus US-Botschaften an die amerikanische Regierung veröffentlicht. Dem Blatt zufolge bieten diese Dokumente "ein nie zuvor gesehenes Panorama von Hinterzimmer-Verhandlungen, wie sie die Botschaften in aller Welt betreiben". Einige der Dokumente seien sehr aktuell, sie stammten vom Februar diesen Jahres. Auch der Spiegel veröffentlichte am Sonntagabend Berichte über die enthüllten Dokumente, in denen zahlreiche Beispiele genannt wurden, die auch deutsche Politiker betreffen.

Die Veröffentlichungen enthüllen wenig schmeichelhafte Urteile der Amerikaner. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bescheinigten sie, "selten kreativ" zu sein und das Risiko zu meiden. CSU-Chef Horst Seehofer wird als "unberechenbar" charakterisiert, Außenminister Guido Westerwelle (FDP) als "aggressiv". Das geht aus den Dokumenten hervor, aus denen der Spiegel zitiert. Auch andere Politiker kommen schlecht weg. Hamid Karsai wird als "schwache Persönlichkeit" beschrieben, der von "Paranoia" und "Verschwörungsvorstellungen" getrieben werde. Russlands Premierminister Wladimir Putin werde als "Alpha-Rüde" bezeichnet, Präsident Dmitri Medwedew als "blass" und "zögerlich".

Der Spiegel wollte die Dokumente eigentlich erst am Sonntagabend um 22.30 Uhr veröffentlichen, doch dann war ein Text schon am Samstag kurzzeitig bei Spiegel Online abrufbar. Zwar wurde er schnell wieder von Netz genommen, doch sein Inhalt war in der Welt. Seither kursierten im Internet Hinweise auf die Inhalte der Depeschen. Weltweit hatten sich Regierungen auf die Veröffentlichung vorbereitet. Die USA warnten auch Deutschland vor.

Unter den deutschen Politikern beurteilten die Amerikaner vor allem Westerwelle kritisch. Kurz vor der Bundestagswahl im September 2009 heißt es laut Spiegel in einer Einschätzung des US-Botschafters Philip Murphy in Berlin zu dem FDP-Chef: "Er wird, wenn er direkt herausgefordert wird, vor allem von politischen Schwergewichten, aggressiv und äußert sich abfällig über die Meinungen anderer Leute." Westerwelle sei eine unbekannte Größe ("Wild Card") mit "überschäumender Persönlichkeit". Sein Geltungsdrang werde zu Kompetenzrangeleien mit der Kanzlerin führen. Darüber hinaus hätten seine Gedanken nur "wenig Substanz". Die "Beherrschung komplexer außen- und sicherheitspolitischer Themen" erfordere "noch Vertiefung".

Wenig Lobendes haben die US-Diplomaten auch über Merkel selbst zu berichten. Vor einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama im April 2009 heiße es in den Akten: "Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Unter Druck agiere sie "beharrlich, aber sie meidet das Risiko und ist selten kreativ". Die Amerikaner berichteten, Merkel sei "bekannt für ihren Widerwillen, sich in aggressiven politischen Debatten zu engagieren. Sie bleibt lieber im Hintergrund, bis die Kräfteverhältnisse klar sind, und versucht dann, die Debatte in die von ihr gewünschten Richtung zu lenken". Weil vieles an ihr abgleite, werde die Regierungschefin intern in den Berichten "Angela 'Teflon' Merkel" genannt – in Anspielung auf die nicht haftende Beschichtung von Bratpfannen. Der ehemalige Botschafter William Timken wirft ihr in einer Depesche aus dem Jahr 2006 vor, "keine mutigen Schritte" unternommen zu haben "um den substantiellen Inhalt" dieser deutsch-amerikanischen Beziehung zu verbessern, nachdem diese unter George W. Bush spürbar gelitten hatten.

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Seehofer gilt bei den Amerikanern als Populist. Außenpolitisch sei er weitgehend ahnungslos. Bei einem Treffen mit Murphy habe er nicht einmal gewusst, wie viele US-Soldaten in Bayern stationiert seien. Noch schärfer seien die Diplomaten aber mit Günther Oettinger (CDU) ins Gericht gegangen, als der Ministerpräsident von Baden-Württemberg als Energiekommissar nach Brüssel wechselte. Es sei bei diesem Schritt darum gegangen, "eine ungeliebte lahme Ente von einer wichtigen CDU-Bastion zu entfernen".

Der langjährige Innenminister Wolfgang Schäuble galt als Verbündeter der Amerikaner, berichtet der Spiegel. Seinen Wechsel ins Finanzressort habe die US-Regierung mit Sorge betrachtet. Mehrfach hätten die Amerikaner moniert, dass der neue Innenminister Thomas de Maizière (CDU) in der Terrorbekämpfung angeblich weniger Expertise und weniger Enthusiasmus zeige als Schäuble. De Maizières ersten Auftritt habe US-Botschafter Murphy als "seltsam" bezeichnet. "Das Kabel trägt den Titel: 'Der neue deutsche Innenminister hat eine steile Lernkurve vor sich'", schreibt das Magazin.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gilt als "enger und bekannter Freund der USA". Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) haben die Amerikaner dagegen als Kontrahentin ausgemacht, deren Ansicht US-Interessen zuwiderliefen, etwa beim Datenschutz.  

Doch die Dokumente gehen über die Einschätzung internationaler Politiker hinaus. So habe der jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh eingeräumt, US-Angriffe gegen al-Qaida in seinem Land als Angriffe der jemenitischen Armee zu vertuschen. "Wir werden weiterhin sagen, dass es unsere Bomben sind, nicht Ihre", zitierte die New York Times Saleh aus einer der veröffentlichten Depeschen. Demnach äußerte sich Saleh im Januar in einem Gespräch mit dem US-General David Petraeus, der damals Kommandeur der US-Truppen im Nahen Osten war. Die Depesche war den Angaben zufolge vom US-Botschafter im Jemen gesendet worden.

Wie die Zeitung weiter berichtete, veranlassten die Äußerungen des Präsidenten den jemenitischen Vize-Regierungschef zu der Bemerkung, er habe gerade "gelogen", als er dem Parlament erzählt habe, die jemenitischen Streitkräfte hätten Angriffe gegen die Organisation El Kaida auf der Arabischen Halbinsel vorgenommen. Da das US-Engagement im Jemen auf viel Kritik in dem Land stößt, behauptet Washington in der Öffentlichkeit, Sanaa führe den Kampf gegen radikalislamische Extremisten im Land an und werde von den USA lediglich logistisch unterstützt.

Des Weiteren verdächtigen die USA China offenbar, hinter Hacker-Angriffen auf Computer von Google und westlichen Regierungen zu stecken. In einem der Kabel an das Außenministerium in Washington zitiert die US-Botschaft in Peking einen "chinesischen Kontakt", der die chinesische Regierung im Zusammenhang mit Hacker-Angriffen nennt. Chinesische Beamte sollen auch Computer der USA und westlicher Verbündeter geknackt haben sowie die Rechner des geistlichen Anführers der Tibeter, des Dalai Lama. Offiziell hatten die USA lediglich die Vermutung geäußert, dass die Angriffe möglicherweise von Chinesen begangen worden sein könnten, die jedoch nichts mit der Regierung des Landes zu tun haben.

Nach Darstellung der britischen Zeitung Guardian  haben die USA versucht, die Führung der Vereinten Nationen auszuspionieren. Seit Juli 2009 würden auf Anforderung von Außenministerin Hilary Clinton persönliche Kreditkarteninformationen, Vielflieger-Kundennummern sowie E-Mail- und Telefonverzeichnisse von UN-Diplomaten gesammelt, heißt es im Spiegel  dazu. 

In den Akten finde sich aber auch viel Klatsch und Berichte vom Hörensagen. Über den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi heiße es da, er reise praktisch nicht mehr ohne die Begleitung einer vollbusigen ukrainischen Krankenschwester.

Rund 90 Prozent der Dokumente sollen aus der Zeit seit 2005 stammen. Nur sechs Prozent seien als "geheim" eingestuft, 40 Prozent als "vertraulich". Das meiste Material stamme aus der Botschaft in Ankara, gefolgt von der US-Vertretung in Bagdad.

Das Pentagon hatte am Samstag mit einem Brief an Wikileaks-Gründer Julian Assange die erwartete Massen-Veröffentlichung zu verhindern versucht. Die geplante Offenlegung der vertraulichen und zum Teil als geheim eingestuften Berichte amerikanischer Botschaften "gefährdet das Leben zahlloser Personen", heißt es in einem Schreiben von Rechtsberaters Harold Hongju Koh. Auf einen Vorschlag von Assange , alle Betroffenen zu nennen, die durch die Enthüllungen gefährdet werden könnten, ging die amerikanische Regierung nicht ein. "Wir werden uns an keinen Verhandlungen über die Verbreitung illegal erworbener Geheimberichte der US-Regierung beteiligen", schrieb der Rechtsberater des Außenministeriums, Harold Koh, in seinem Brief.